"Nur reale Situation vor Ort entscheidend":
Stöger wird im Gesundheitsressort aktiv

'Illusion, zu glauben, wir können alles zentral steuern' FORMAT: "Keine neuen Selbstbehalte für Versicherte"

"Nur reale Situation vor Ort entscheidend":
Stöger wird im Gesundheitsressort aktiv © Bild: APA/Techt

Der neue Gesundheitsminister Alois Stöger über seine neue Umgebung in Wien und seine Reformpläne. Er ist der große Unbekannte im Kabinett Faymann. In Linz kurierte er die Krankenkasse, was will er in Wien?

FORMAT: Herr Minister, haben Sie sich schon an den neuen Titel gewöhnt?

Stöger: Ich muss zugeben, dass die Situation noch etwas gewöhnungsbedürftig ist. Aber ich drehe mich am Gang zumindest meistens um, wenn mich jemand mit diesem Titel anspricht.

FORMAT: Haben Sie sich bereits in Wien eingelebt? Im Ministerium wie privat?

Stöger: Im Ministerium habe ich den Eindruck, sehr wohlwollend aufgenommen worden zu sein. Ich freue mich auf eine gute Zusammenarbeit mit motivierten Mitarbeitern. Privat bin ich derzeit noch auf Wohnungssuche.

FORMAT: Das politische Parkett in Wien ist für neue Minister aus den Bundesländern bekanntermaßen rutschig. Was macht Sie sicher, nicht auszurutschen?

Stöger: Ich hätte die Aufgabe nicht angenommen, wenn ich nicht glauben würde, dass ich der Herausforderung gewachsen bin. Ich gehe davon aus, dass bei einer offenen Kommunikation alle Beteiligten an einer gemeinsamen positiven Weiterentwicklung interessiert sind.

FORMAT: Diesen Satz hat Ihre umstrittene Vorgängerin Andrea Kdolsky auch oft gesagt.

Stöger: Ich habe einen anderen Zugang zum Gesundheitswesen als meine Vorgängerin. Ich betrachte Gesundheitspolitik nicht aus der Perspektive einer Krankenanstalt, sondern musste bereits im Land Oberösterreich die Gesamtperspektive im Auge haben. Ich möchte auch in Wien nicht per Weisung operieren, sondern wie auch in Oberösterreich in der Vergangenheit Kooperationen und die Zusammenarbeit mit allen beteiligten Akteuren suchen.

FORMAT: Wie würden Sie sich selbst beschreiben? Passen Schweinsbratenverzehrer und Csárdás-Tänzer?

Stöger: Nein, sicher nicht. An der Sache orientiert, ausdauernd, hartnäckig. Aber diese Beschreibungen sind mir nicht so wichtig. Wichtiger ist vielmehr die Bereitschaft, die Komplexität des Systems zu verstehen und die Fähigkeiten, die Widersprüchlichkeiten auszuhalten. Es kommt bei allen Fragen immer darauf an, welche medizinische Versorgung bei den Menschen real – egal, in welcher Region – ankommt.

FORMAT: Warum waren Sie im Sommer gegen die Kassenreform von Ministerin Kdolsky?

Stöger: Es ist eine Illusion, zu glauben, wir können alles zentral steuern. Zentral können mit den Beteiligten die Ziele entwickelt werden. Die Wege zum Ziel sollen aber regional gestaltet werden können. So wie im Verkehrsbereich in Wien eine U-Bahn nötig ist, brauche ich im Zillertal eher einen Allradantrieb. Und so müssen wir auch bei der medizinischen Versorgung lernen, neu zu denken und regional zu differenzieren.

FORMAT: Können Sie sich eine Verbreiterung der Beitragsgrundlage auf Mieten und Pachten vorstellen?

Stöger: Es geht nicht darum, was ich mir vorstellen kann. Im Koalitionspapier ist dieser Punkt nicht festgehalten. Sicher ist, dass es keine neuen Selbstbehalte für die Versicherten geben wird.

FORMAT: Werden die Kassen 2009 oder 2010 entschuldet?

Stöger: Ich bin eher für früher als für später. Aber das ist in erster Linie eine Frage der Konjunkturentwicklung.

Lesen Sie die ganze Geschichte im FORMAT Nr. 50/08!