Nach NR-Wahl von

Lercher: "SPÖ hat ein
massives Glaubwürdigkeitsproblem"

Ex-SPÖ-Geschäftsführer für Systemwechsel

Max Lercher, SPÖ © Bild: APA/GEORG HOCHMUTH

Der frühere SPÖ-Bundesgeschäftsführer Max Lercher spricht nach dem verheerenden Wahlergebnis der SPÖ Klartext: "Es ist offensichtlich, dass wir ein massives Glaubwürdigkeitsproblem haben. Man glaubt uns nicht mehr, was wir sagen."

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In einem langen Posting auf Facebook hat er sich zunächst für alle Stimmen bedankt und dann zu einem Umdenken in der Partei aufgefordert: Lercher sprach in dem Posting von einer für die SPÖ katastrophalen Nationalratswahl. "Nie hatten wir weniger Zuspruch, noch nie hatten wir ein schlechteres Ergebnis, nie war der Abstand zur ÖVP größer in der Zweiten Republik. Es ist offensichtlich, dass wir ein massives Glaubwürdigkeitsproblem haben. Man glaubt uns nicht mehr, was wir sagen", sagte der Obersteirer, der ähnliche Töne schon am Wahlabend angeschlagen hatte.

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»Es darf kein Weiter-so-wie-bisher mehr geben. Wir müssen aufhören, unseren eigenen Untergang zu verwalten«

"Die SPÖ braucht eine massive Veränderung, wir brauchen einen Systemwechsel. Es darf kein Weiter-so-wie-bisher mehr geben. Wir müssen aufhören, unseren eigenen Untergang zu verwalten. Wir brauchen einen Reformparteitag zur inhaltlichen Neubestimmung und wenn man so will, muss dort eine Neugründung der Sozialdemokratie stattfinden. Ein zweites Hainfeld. Denn noch mehr solche Niederlagen können wir uns nicht leisten", teilte Lercher mit. Er war vom früheren steirischen LH Franz Voves mit einer steirischen Parteireform beauftragt worden.

Lecher fordert echte Mitbestimmung

Er sage seit langem offen und ehrlich, dass "wir uns verändern müssen. Wir müssen uns öffnen für die Vielen, die so lange schon nicht mehr gehört werden und die wir nicht mehr erreichen. Wir müssen endlich echte Mitbestimmung zulassen und unsere Mitglieder über ihre Partei mitbestimmen lassen. Wir leben im 21. Jahrhundert und das müssen wir als Partei endlich akzeptieren", erklärte er. Am Land außerhalb der großen Städte werde die SPÖ kaum mehr irgendwo im größeren Ausmaß gewählt.

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Arbeiter wechseln "zwischen ÖVP und FPÖ"

Einen schonungslosen Befund nahm Lercher auch in Hinblick auf die eigentliche Kernklientel vor: Arbeiter würden mittlerweile zwischen ÖVP und FPÖ wechseln, die SPÖ habe für sie oft kein Angebot. "Entweder wir schaffen hier wieder ein glaubwürdiges Angebot, oder unsere stolze Partei versinkt in der Bedeutungslosigkeit", schrieb Lercher, der das Posting mit "Freundschaft!" schloss.

Man brauche nicht die zehnte Personaldiskussion, man müsse sich endlich auf ein inhaltliches Fundament einigen, das dann alle mittragen, ohne Streit und ständige Zwietracht. "Wir haben inhaltliche Differenzen und müssen die einmal offen und ehrlich ausdiskutieren und einen gemeinsamen Weg finden", sprach Lercher die Flügelkonflikte in der Sozialdemokratie an. Man müsse wieder zu einer gestaltenden Bewegung werden.

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