Notenbanken federn Talfahrt an Börsen ab:
Banken werden von Fusionswelle überrollt

Stabilisierungsansätze stützen auch heimischen Markt Lloyds TSB übernimmt die Hypothekenbank HBOS

Notenbanken federn Talfahrt an Börsen ab:
Banken werden von Fusionswelle überrollt © Bild: AP/Probst

Die wichtigsten Notenbanken weltweit haben in einer beispiellosen Aktion ihre Kräfte gebündelt und mit einer milliardenschweren Rettungsaktion den Geldmarkt vor einem Kollaps bewahrt. Insgesamt 180 Mrd. Dollar (124,1 Mrd. Euro) stellte die US-Notenbank Fed überraschend bereit. Dieses Geld können die anderen Zentralbanken an die Kreditinstitute weiterreichen, die sich untereinander nicht mehr trauen und deswegen kaum noch Dollar leihen. Dazu kamen Milliardenbeträge, die von der Europäischen Zentralbank (EZB), der Bank von England und anderen Notenbanken in eigener Währung ausgegeben wurden. Eine derartige Aktion hatte es selbst nach den Anschlägen in New York vom 11. September 2001 nicht gegeben.

Mit diesem Schritt wollen die Notenbanken Engpässe am Dollar-Geldmarkt lindern, die sich nach dem Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers, dem Notverkauf von Merrill Lynch und der 85-Milliarden-Dollar-Rettung des Versicherers AIG in den vergangenen Tagen verschärft hatten. Nach Einschätzung von Analysten beruhigte das Einschreiten der Notenbanken die Märkte. Allerdings dürften die Spannungen dennoch länger anhalten. "Das war kein großer Befreiungsschlag", sagte Rainer Sartoris von HSBC Trinkaus. "Bei den Zinsen am kurzen Ende sieht man aber, dass die Notenbanken Erfolg gehabt haben." Untereinander leihen sich die Banken inzwischen Dollar für etwa zwei Prozent, was dem Fed-Leitzins entspricht und Entspannung signalisiert. In der Früh noch hatten die Kreditinstitute acht Prozent berechnet - ein Zeichen für massives Misstrauen.

"Die Zentralbanken arbeiten weiterhin eng zusammen und werden angemessene Maßnahmen ergreifen, um dem anhaltenden Druck entgegenzuwirken", teilte die EZB mit. Experten gehen deswegen davon aus, dass weitere Geldspritzen möglich sind. "Vonseiten der Notenbanken wird man pragmatisch vorgehen. Wenn sich die Lage wieder verschärft, wird man überlegen, wie man reagiert", sagte Sartoris.

So viel wie nötig
Die EZB kündigte an, so lange Dollar zur Verfügung zu stellen, wie dies in Anbetracht des aktuellen Marktgeschehens nötig sei. Sie verdoppelte zugleich die Menge an Dollar, die im Umlauf ist. Neben Tagesgeld können sich die Banken bei der EZB auch Dollar für 28 beziehungsweise 84 Tage leihen. Die jüngsten Geldspritzen seien kein Anzeichen für niedrigere Zinsen in der Euro-Zone, sagte Commerzbank-Analyst Michael Schubert. Die EZB trenne strikt zwischen den Geldspritzen und ihrer Haltung in der Geldpolitik. Bei seinen Zinsentscheidungen achte der EZB-Rat nur auf Inflation und Wachstum. Zuletzt hatte die EZB ihren Leitzins bei 4,25 Prozent belassen.

Die Nachfrage nach dem Zentralbankgeld war gemischt. In der Euro-Zone rissen die Banken der EZB die Dollar förmlich aus den Händen; insgesamt gingen Gebote über mehr als 100 Mrd. Dollar ein. Letztlich teilte die EZB 40 Mrd. Dollar zu. In Großbritannien fragten die Banken dagegen kaum Dollar nach. Sie wollten dagegen 202 Mrd. Pfund (254 Mrd. Euro) aufnehmen - das entspricht einem Siebentel der britischen Wirtschaftsleistung. Auch die Fed selbst stellte erneut 50 Mrd. Dollar bereit und stieß damit auf große Nachfrage.

Milliardensummen in Markt gepumpt
Notenbanken in Japan, Australien und Indien pumpten ebenfalls Milliardensummen in den Markt. Die japanische Notenbank bietet zudem künftig auch Dollar an, bis Jahresende sollen es 50 Milliarden sein, wie Notenbank-Gouverneur Masaaki Shirakawa sagte. Die chinesische Zentralbank signalisierte, ihre Geldpolitik zu lockern. Russland will nach Aussagen von Präsident Dmitri Medwedew mit umgerechnet knapp 20 Mrd. Dollar seinem Aktienmarkt zu Hilfe kommen, wo der Handel am Freitag wieder aufgenommen werden soll. Nach Einschätzung der Zentralbank von Singapur haben sich die Engpässe am Dollar-Geldmarkt nach der koordinierten Aktion gemildert.

Gut funktionierende Geldmärkte sind lebenswichtig für das Funktionieren des Finanzsystems und der Wirtschaft als Ganzes. Die Banken leihen sich dabei untereinander kurzfristig Geld, um die täglichen Schwankungen in ihren Bilanzen auszugleichen. Seit dem Ausbruch der Finanzkrise vor gut einem Jahr ist der Geldmarkt jedoch stark gestört, seine Funktion wird zum Teil von den Notenbanken übernommen.

Wall Street legt kräftig zu
Nach massiven Kursverlusten wegen der US-Finanzkrise hat es erstmals seit Wochenbeginn wieder gute Nachrichten von der Wall Street gegeben. Nach Berichten über eine staatliche Auffanglösung für die ins Trudeln gekommenen US-Banken legte der Dow Jones um 3,61 Prozent oder 383 Punkte auf 10.992 Punkte zu unter scheiterte damit nur knapp an der psychologisch bedeutenden 11.000-Punkte-Marke.

(apa/red)