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"Wut fasziniert mich"

Der norwegische Krimiautor Jo Nesbo im Interview über Gewalt, Erfolg & Krimi

Jo Nesbo © Bild: APA/EPA/MARIO DE RENZIS

Jo Nesbo ist der erfolgreichste norwegische Krimiautor. Seine Bücher über den Ermittler Harry Hole sind in 47 Sprachen übersetzt und 20 Millionen Mal verkauft worden. Sein neuester Krimi "Politi" war nach seinem Erscheinen in Norwegen innerhalb von zwei Tagen ausverkauft. Auf Deutsch erscheint der Roman unter dem Namen "Koma" am 11. November im Ullstein-Verlag. Doch der 53-jährige hat noch andere Talente. Er ist auch als Autor von Kinderbüchern und als Musiker bekannt. Mit der dpa spricht Nesbo über Erfolg, Gewalt und die Beziehung zu seiner Hauptfigur Harry Hole.

Ihr Foto hängt in jedem Buchladen. Wie ist es für Sie, Ihr Gesicht überall zu sehen?

Nesbo: Es erinnert mich ein bisschen an meine Zeit mit meiner Band (Di Derre). Nach unserem Breakthrough fragte mich jeder, wie ist es, berühmt zu sein. Aber tatsächlich hatte sich nicht viel geändert. Es ist derselbe Job: Man steht auf der Bühne. Und nun ist es dasselbe, nur dass es mehr Bücher sind. In meinem Leben haben sich die Dinge allmählich entwickelt. Ich hatte Zeit, mich daran zu gewöhnen.

Sind Sie immer noch nervös, wenn Sie ein neues Buch herausbringen?

Nesbo: Ja, immer noch, aber es ist anders als am Anfang. Bei den ersten Büchern entschieden die Kritiken, ob ich weiter schreibe oder nicht. Das ist jetzt nicht mehr so.

Was bedeutet Erfolg für Sie?

Nesbo: Ich habe vor kurzem von einem Kollegen den Ausdruck "The embarrassment of riches" (die Peinlichkeit des Reichtums) gehört. Das drückt genau aus, was ich fühle. Es macht mich verlegen, zu viel bekommen zu haben. Vielleicht ist das typisch norwegisch.

Ihre Bücher sind ziemlich gewalttätig. Warum?

Nesbo: Mein Buch "Der Leopard" wurde von einem schwedischen Kritiker wegen der Gewaltszenen ziemlich auseinandergenommen, und ich gebe ihm Recht. Ich bin zu weit gegangen. Ich gebrauche Gewalt, um die Protagonisten zu beschreiben oder deutlich zu machen, was für sie auf dem Spiel steht, aber ich kann sehen, dass ich im "Leopard" von den Details der Gewalt fasziniert war. Ich wurde von meinen eigenen Gewaltbeschreibungen verführt. Und ich bedaure das.

Wie sind Ihre eigenen Erfahrungen mit Gewalt?

Nesbo: Ich bin tatsächlich in ziemlich gewalttätige Schlägereien verwickelt gewesen, wo der Hass und die Aggression so groß waren, dass man wirklich nur daran dachte, dem anderen Schmerzen zuzufügen. Und diese Wut fasziniert mich. Du denkst nicht über die Konsequenzen nach. Es ist die pure Wut und du willst verletzen.

Warum ist Harry Hole eine Person mit so vielen persönlichen Problemen? Warum lassen Sie ihn nicht einen Helden sein?

Nesbo: In jeder Geschichte geht es um Konflikte. In einem Krimi gibt es normalerweise einen Konflikt an der Oberfläche - ein Mordfall muss gelöst werden -, aber viel interessanter ist der innere Konflikt, und dafür braucht man eine Figur, die sich dafür eignet. Ob sie mit sich selbst kämpft oder mit ihrer Umgebung - Konflikte sind nie leicht zu lösen.

Sie haben jetzt zehn Harry-Hole-Bücher veröffentlicht. Haben Sie nicht bald genug ihm?

Nesbo: Nach jedem Harry-Hole-Buch denke ich darüber nach, ob es das letzte Buch sein könnte. Jetzt habe ich gerade "Politi" beendet, und es wäre okay für mich aufzuhören. Aber so geht es mir jedes Mal, und dann habe ich wieder eine Geschichte im Kopf und ich denke: Das ist eine Harry-Geschichte.

Sind Sie so stark mit ihm verbunden, ist es das?

Nesbo: Nein. Harry ist einfach eine fiktive Person, ein nützliches Werkzeug. Ich glaube, meine Leser haben eine stärkere Bindung zu ihm als ich. Für mich ist er das Auge, durch das ich die Welt sehe. Er ist wie ich. Er bedeutet mit etwas, aber ich habe keine sentimentalen Gefühle für ihn.

Können Sie sich vorstellen, eine andere Serie zu schreiben?

Nesbo: Ja. Aber ich mache auch jetzt andere Sachen. Ich schreibe Kinderbücher und Theaterstücke, im Moment schreibe ich an einem Buch außerhalb der Harry-Serie, das im März veröffentlicht wird. Wenn ich eine Idee für eine Geschichte habe, diktiert die Idee, was für ein Buch es wird. Wenn die Idee gut ist, muss ich ihr folgen. Ich kann nicht sagen: Jetzt schreibe ich ein Kinderbuch. Die Idee ist der Boss.

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