Nordkorea von

"Abschreckung glaubhaft machen"

Experte Frank erwartet weitere Waffentests, sieht aber einen Ausweg aus der Krise

Kim Jong-un mit Generälen © Bild: APA/EPA/Yonhap

Montag dieser Woche feierte Nordkorea den 101. Geburtstag des Staatsgründers und "ewigen Präsidenten" Kim Il-sung. Nach den massiven Drohungen der vergangenen Wochen hielt die Welt in Erwartung zumindest eines weiteren Raketentests den Atem an, doch passiert ist - nichts. Zumindest einer war davon nicht überrascht: Rüdiger Frank, Professor für Wirtschaft und Gesellschaft Ostasiens an der Universität Wien. "Das Ausbleiben des Tests am größten Feiertag des Landes ist keine Überraschung; in der Vergangenheit ist dergleichen immer im Vorfeld passiert, nicht am 15. April selbst", so der ausgewiesene Kenner des stalinistischen Staates zu NEWS.AT.

Bereits am Dienstag kehrte Nordkorea jedoch zu gewohnteren Tönen zurück und drohte mit „Vergeltung ohne Vorwarnung“ für anti-nordkoreanische Proteste im Süden. Frank geht auch davon aus, dass Nordkorea weitere Waffentests durchführen wird – eine Einschätzung, die sich mit der des US-Außenministeriums deckt, das mit einem weiteren Raketentest noch in diesem Monat rechnet. Nur so sei eine Abschreckung auch glaubhaft zu machen, analysiert Frank. Außerdem erhoffe sich das Regime davon „Erkenntnisse, die zu technologischen Verbesserungen der vom Westen ja regelmäßig belächelten Waffensysteme führen.“ Die Tests erfüllen also sowohl eine politische wie auch eine militärische Funktion.

Dringend notwendige Reformen

Der Grund für die anhaltenden Drohgebärden ist Frank zufolge die innenpolitische Situation. Kim Il-sungs Enkel Kim Jong-un muss die Wirtschaft ankurbeln und zu diesem Zweck führt kein Weg an marktwirtschaftlichen Reformen vorbei. Um die durchziehen zu können, muss der junge Machthaber aber zuvor seine Position im nordkoreanischen Machtgefüge absichern, um sich der Unterstützung der Parteikader und der Militärs sicher sein zu können. Im weiteren Verlauf erwartet Frank größere Eigenständigkeit der Industrie- und Landwirtschaftsunternehmen in Produktion und Verkauf. Dafür wäre auch ein Geschäftsbankensystem und ein verlässliches Rechtssystem zur Regelung von Streitigkeiten nötig. Ob Kim auch die Eigentumsrechte reformiert, müsse sich dagegen erst zeigen – „da dies ein ideologisch besonders weitreichender Schritt wäre.“

Obama könnte für Durchbruch sorgen

Fraglich ist nach wie vor, wie sich Nordkorea und der Westen aus der gegenwärtigen Pattsituation befreien können. Eines steht für Frank aber fest: „Ohne Gesichtsverlust wird es nicht gehen.“ Deshalb wäre es besonders wichtig, der Bevölkerung zu erklären, dass Gespräche mit dem Regime „kein massives Zugeständnis sind, sondern lediglich ein Mittel darstellen, um vielleicht einmal zu einer echten Lösung der diversen Probleme wie Menschenrechte, humanitäre Situation und Sicherheitslage zu kommen.“ Einen Durchbruch könnte US-Präsident Barack Obama erringen, sollte er sich bereit erklären, direkt mit dem Regime zu verhandeln. Haben doch die Machthaber in der Vergangenheit mehrfach deutlich gemacht, nur mit den USA direkt sprechen zu wollen. Sollten solche Gespräche tatsächlich zustande kommen, ist aber dennoch eines klar: Nordkorea wird sich derzeit keinesfalls bereit erklären, sein Atomprogramm aufzugeben.

Zukunft nicht aufzuhalten

Doch auch so erwartet Frank im kommenden Jahr tiefgreifende Veränderungen im Land. „Ich gehe davon aus, dass der Mittelstand wachsen und seinen Einfluss ausbauen wird.“ Außerdem werde die erfolgte Verschönerung von Pjöngjang auch Investitionen in den Provinzstädten nach sich ziehen. Es werde mehr Autos und mehr Handys geben und auch ein zunehmend intensiver genutztes Intranet. Und schließlich „wird es auch irgendwann den Zugang zum Internet geben, aber vermutlich nicht bereits in einem Jahr.“

Kommentare