Fakten von

Wie China zu
Nordkoreas Atomtest steht

Expertin: "Es fühlt sich an wie ein Schlag ins Gesicht durch unseren eigenen Bruder"

Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un ist offenbar Vater geworden. © Bild: REUTERS/KCNA

Der neue nordkoreanische Atomtest kam für China ohne Vorwarnung. "Es fühlt sich an wie ein Schlag ins Gesicht durch unseren eigenen Bruder", sagt Yu Yingli vom Shanghaier Institut für Internationale Studien. Doch von der Bruderschaft, die beide Nachbarn seit dem gemeinsamem Waffengang im Koreakrieg (1950-53) historisch gepflegt haben, ist heute nur noch wenig zu spüren.

"Die Beziehungen werden jetzt noch schlechter", sagt die Expertin voraus. "Es ist ein herber Rückschlag." Die Tageszeitung "China Daily" titelt unverblümt: "Nordkorea spielt ein gefährliches Spiel, das die Region bedroht."

Frostiges Verhältnis seit 2013

Schon seit dem Atomtest 2013 war das Verhältnis zwischen Peking und Pjöngjang frostig. Und das leichte Tauwetter der vergangenen Monate fand mit dem neuen Test am Donnerstag ein jähes Ende. Nach der Provokation richtet sich das Augenmerk der Welt wieder auf China: Was kann oder will Peking tun? Die ersten Hinweise enttäuschen: So übt die Regierung in Peking zwar deutlich Kritik, bekräftigte dann aber nur wieder gebetsmühlenartig ihre bisher schon erfolglose Strategie, Nordkorea irgendwie wieder an den Verhandlungstisch holen zu wollen.

»Der neue Atomtest war ein deutlicher Affront«

Dabei war der neue Atomtest "ein deutlicher Affront", wie Mikko Huotari, Experte am China-Institut Merics in Berlin sagt. Die jüngste Wiederannäherung sei ohnehin sehr brüchig gewesen - gestört durch die Verbesserung der Beziehungen zwischen China und Südkorea, die ein "Riesenproblem" für den jungen Machthaber Kim Jong-un darstelle.

Also, warum nutzt China nicht seinen wirtschaftlichen Einfluss auf Nordkorea, um die Schrauben anzuziehen? "Chinas Strategie ist weiterhin geprägt von folgenden Prioritäten: Kein Krieg, keine Instabilität, keine Nuklearwaffen", erläutert Huotari. Dabei ist das Ziel einer atomwaffenfreien koreanischen Halbinsel, das sich die Sechser-Gespräche mit Nordkorea, den USA, China, Südkorea, Russland und Japan einst gesetzt hatten, längst von der Realität überholt worden. Nicht umsonst ist der Dialog seit sechs Jahren eingefroren.

Ein Atomstaat für Propagandazwecke

Das Ziel der Denuklearisierung sei heute "mehr als utopisch", sagt auch der Nordkorea-Kenner Eric Ballbach von der Freien Universität Berlin, den der Atomtest nicht überraschte. Das isolierte Land sei längst dabei, das vergleichsweise weniger entwickelte Atomprogramm mit seinem fortschrittlichen Raketenprogramm "zu synchronisieren" - also die Atomwaffen so zu verkleinern, dass sie auf Trägersysteme passen, was das Bedrohungspotenzial deutlich erhöht.

Es gibt auch innenpolitische Gründe: Seit dem Tod von Kim Jong-il, des Vaters des Machthabers, sei der Atomstaat in der Propaganda auch direkt mit dem Erbe der Kim-Dynastie verknüpft. "Mehr noch: Der eigene Nuklearstatus ist zentraler Bestandteil der staatlichen Identität geworden", sagt Forscher Ballbach. "Im Umkehrschluss bedeutet das, dass eine vollständige Denuklearisierung das politische Erbe Kim Jong-ils unmittelbar in Frage stellen würde." Nordkorea werde sich daher "unter keinen Umständen" auf Gespräche einlassen, deren Ziel die Beseitigung der Atomwaffen sei.

China fürchtet sich vor Flüchtlingsströmen

China steckt in einem weiteren Dilemma. Alle Experten sind sich einig, dass Peking neue Sanktionen unterstützen wird, aber eben auch einen Kollaps des Nachbarn mit Flüchtlingsströmen über seine Grenze fürchtet. Sicher sei China verärgert über die nuklearen Ambitionen Pjöngjangs: "Doch ein internationaler Konflikt oder ein kollabierendes Nordkorea sind zweifelsohne der noch größere Albtraum", sagt Ballbach. China sei zwar "eine Art Überlebensader", aber aus dieser Sorge nicht bereit, seinen ökonomischen Einfluss "auch mit voller Härte politisch einzusetzen".

"Tatsache ist, dass Nordkorea seine Investitionen ins Militär nicht kürzen wird, auch wenn es mehr Sanktionen gibt", gibt die Shanghaier Expertin Yu Jingli zu bedenken. "Es wird nur die einfachen Leute treffen." Die Entwicklung von Atomwaffen zähle auf jeden Fall zu den wichtigsten Zielen Pjöngjangs, erklärt der chinesische Professor Shi Yinhong von der "Volksuniversität" in Peking. "Sie wissen, dass der Atomversuch provoziert, aber ihnen ist Chinas Position egal."

»Sanktionen können die Bedrohung nicht beseitigen«

Trotz aller Zweifel an der Wirksamkeit der Sanktionen gegen den ohnehin längst isolierten Staat sind sie aus Sicht des renommierten Professors zumindest auf eine Weise nützlich: "Wenn es keine Strafmaßnahmen gäbe, käme Nordkoreas Waffenentwicklung schneller voran als heute", sagt Shi Yinhong. "Sanktionen können die Bedrohung nicht beseitigen, aber sie sind wirksam, indem sie die Entwicklung von Nuklearwaffen bremsen."

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