Muskelspiele von

Nordkorea startet Schrott-Reaktor

US-Institut hat Satellitenbilder. Russland warnt vor "alptraumhaften" Zustand.

Kim Jong-un in Nordkorea © Bild: APA/EPA

Nordkorea hat nach Informationen eines US-Forschungsinstituts seine stillgelegte Atomanlage Yongbyon wieder in Betrieb genommen. Auf Satellitenbildern vom 31. August sei zu sehen, wie weißer Dampf aus einem Gebäude neben dem Reaktor aufsteige, teilte das US-Korea-Institut der Johns-Hopkins-Universität am Mittwoch mit. Dies deute darauf hin, dass der Reaktor bereits hochgefahren sei oder dies kurz bevorstehe. Russische Diplomatenkreise warnten vor dem "alptraumhaften" Zustand der Anlage.

Auch die USA zeigten sich alarmiert. Sollte sich der Bericht bestätigen, wäre dies eine sehr ernste Angelegenheit, sagte der US-Sondergesandte für Nordkorea, Glyn Davies, am Donnerstag. "Es würde gegen eine ganze Reihe von UN-Resolutionen verstoßen."

Ein Sprecher des chinesischen Außenministeriums erklärte, man habe den Bericht zur Kenntnis genommen. Er forderte Nordkorea auf, Frieden und Stabilität in der Region anzustreben. Ziel sei eine Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel, wofür sich China weiter einsetzen werde, sagte der Sprecher in Peking. IAEA (IAEO)-Chef Yukiya Amano sagte, die UN-Organisation gehe dem Bericht nach. "Da wir keine Inspektoren vor Ort haben, verfügen wir über keine gesicherten Erkenntnisse", sagte er in Wien.

Die Bilder zeigten, dass Pjöngjang "offenbar den Reaktor wieder in Betrieb genommen hat", schrieben die US-Wissenschaftler Nick Hansen und Jeffrey Lewis auf dem Blog des Institutes, 38 North. In Yongbyon könnten jährlich sechs Kilogramm Plutonium hergestellt werden, wodurch das Land seine Atomwaffenbestände langsam erweitern könne, hieß es weiter. Der kommunistische Staat hatte im April gedroht, die vor sechs Jahren stillgelegte Anlage wieder hochzufahren, um seine Atomstreitmacht "qualitativ und quantitativ zu stärken".

© APA/EPA/Digitalglobe/Handout Der Atomkomplex von Yongbyon im Jahr 2004

Waffenfähiges Plutonium weit entfernt
Nach Einschätzung des US-Think Tanks Institute for Science and International Security (ISIS) würde es jedoch zwei bis drei Jahre dauern, bis Nordkorea neu gewonnenes Plutonium für Waffen einsetzen könne. "Es bleibt genug Zeit, um das Abschalten des Reaktors zu verhandeln", schrieben David Albright und Robert Avagyan in einer ISIS-Analyse. Das Wiederanfahren der Anlage sei daher nicht als Vorspiel zu einer neuen diplomatischen Runde im Streit um das Atomprogramm des Landes zu werten.

Die Nachrichtenagentur Interfax zitierte einen russischen Diplomaten, der vor einer "Katastrophe" für die koreanische Halbinsel warnte. Die große Sorge Russlands gelte einem "sehr wahrscheinlichen von Menschenhand geschaffenen Desaster", denn der Reaktor sei in den 1950er Jahren gebaut. Es gebe Hinweise, dass er wieder hochgefahren werde, Russland habe jedoch keine genauen Informationen.

Pjöngjangs Drohung, Yongbyon wieder hochzufahren, kam zu einer Zeit heftiger internationaler Spannungen über das nordkoreanische Atomprogramm, die durch einen dritten Atomtest Pjöngjangs im Februar ausgelöst worden waren. Seitdem hatte sich die Lage langsam wieder beruhigt. Dennoch blieben die USA skeptisch gegenüber der Wiederaufnahme von Verhandlungen, weil Präsident Kim Jong-un Beweise schuldig blieb, dass er sein Atomwaffenprogramm einstellen will.

USA zu zurückhaltend?
Das in London ansässige International Institute for Strategic Studies (IISS) kritisierte, dass die Politik der Zurückhaltung der US-Regierung gegenüber Pjöngjang "fehlgeschlagen" sei. Statt eines Wandels in Nordkorea zu bewirken, entferne sich der kommunistische Staat immer weiter von der Zusage nuklearer Abrüstung und verfolge stattdessen das Projekt, atomare Langstreckenwaffen zu entwickeln. Nordkorea verfügt derzeit über einen Plutoniumbestand, der für den Bau von sechs Bomben ausreichen würde.

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