Nobelpreis von

Peter Handke: "Siegen hat
mit Literatur nichts zu tun"

Peter Handke © Bild: Sebastian Reich

Seit Anfang Oktober spricht die Welt vom österreichischen Nobelpreisträger Peter Handke. Nach einer schlaflosen und einer traumlosen Nacht stand er News für ein Telefonat zur Verfügung. "Ich erlebe es eigentlich friedlich", sagte er da. Und dass er es für ausgeschlossen gehalten habe, den Nobelpreis zu bekommen

Als man am Donnerstag, 10. Oktober, 13 Uhr, per Livestream aus Stockholm in skandinavischen Murmellauten den Namen Peter Handke zu vernehmen glaubte: Da warteten viele vorsichtshalber auf die englische Übersetzung. Dann war klar: Die frische, verjüngte Schwedische Akademie, die das Gremium von Grapschergattinnen und Regionalsonderlingen ersetzt, hat ein großartiges Plädoyer für die Größe der Literatur abgegeben.

"Eine krachende Ohrfeige für die politische Korrektheit", frohlockte der Literaturkritiker Denis Scheck. Denn das von Handke verachtete Großfeuilleton in seiner moralisierenden Selbstergriffenheit hätte Handke in den späten Neunzigerjahren wegen seines Engagements für Serbien gern aus der Gemeinschaft der Gutmeinenden ausgebürgert (mehr ab Seite 22). Und dann dieser Donnerstagmittag! Das Getöse vor dem Haus im Pariser Vorort Chaville wurde via Television um die Welt transportiert. Am Samstag darauf, um 10:30 Uhr, stand uns Peter Handke telefonisch zur Verfügung.

Könnten wir unser letztes Interview bruchlos fortsetzen? Damals haben Sie meine Frage, ob Sie glücklich sind, abschlägig beschieden: Freude wäre Ihnen lieber. Waltet jetzt womöglich beides?
Sie wollen mir einreden, dass ich mich freuen soll, was?

Käme mir nicht abseitig vor.
Nein, ich erlebe es eigentlich friedlich. Fängt auch mit "f" und "r" an.

Friedlich? Sind Sie denn nicht stark gefordert im Moment?
Ab gestern Nachmittag hat es sich etwas gelegt. Und ich habe endlich schlafen können, ich habe so gut geschlafen wie seit Langem nicht mehr. Ich weiß nicht einmal, ob ich geträumt habe. Ich glaube, ich habe gar nichts geträumt. Das ist mir noch nie passiert.

Dabei wäre doch gerade dieser eine Traum für die Literaturgeschichte ergiebig.
Ich muss Sie enttäuschen.

Wie haben Sie denn überhaupt die Zeit seit Donnerstag verbracht? Den Belagerungszustand hat man ja im Fernsehen erlebt.
Nachdem der Herr von der Akademie mich angerufen hat, bin ich in den Wald gegangen und war vier Stunden allein. Dann hat mich die ehemalige Briefträgerin, die bei mir Zugehfrau geworden ist, angerufen: Ich soll nach Haus kommen, vor dem Tor stehen die Menschenmassen. Da habe ich gedacht: Ich kann ja nicht flüchten. Ich wollte auch nach Hause, mich umziehen. Und so habe ich die halt alle in den Garten kommen lassen. Das war aber eigentlich nicht angenehm.

Wieso?
Fast von keinem hab ich gespürt, dass er irgendwas gelesen hat. Die werden von ihren Büros geschickt, die internationalen Journalisten. Bei einem einzigen, dem aus Spanien, einem Studenten von meinem Übersetzer -bei dem und bei dem vom "Svenska Dagbladet" hatte ich das Gefühl, dass sie etwas gelesen haben. Aber das waren zwei unter 50. Die anderen haben sofort provokative Fragen gestellt, alles mit Jugoslawien. Kein Wort zur Literatur. Ich hab mich beherrschen müssen. Im Nachhinein hab ich mir gedacht, ich hätte ein paar Fußtritte austeilen sollen.

Das wäre doch öffentlichkeitswirksam nicht so schlecht gewesen.
Ich hab zu spät reagiert.

Elfriede Jelinek hat den Preis, von der finanziellen Sicherheit abgesehen, immer verflucht, weil sie sich kraft ihrer Autorität noch mehr zu Solidarität und öffentlicher Stellungnahme aufgerufen gefühlt hat. Kann Ihnen das passieren? Werden Sie Ihr Leben ändern müssen?
Nein. Meine Autorität ist woanders. Ich hab schon eine, aber die ist in der Form, im Rhythmus, in den Bildern, nicht in der Karawane. Ich hab da überhaupt keine Sorge. Ich fühle mich ruhig, ich war überhaupt keinen Moment aufgeregt. Ich fühl mich auch nicht in einer Rolle, überhaupt nicht. Ich hab das halt mitgemacht mit den Journalisten. Für Momente ist man eine öffentliche Person. Aber die Momente dauern nicht lang.

Aber Goethe war ja auch lang eine öffentliche Person.
Er hat gesagt: Die höchste Kultur, die ein Mensch erreichen kann, ist, dass keiner nach ihm fragt. Aber nach ihm hat ja dauernd jemand gefragt. Er konnte das also leicht von sich geben.

Dachten Sie daran, dass Sie den Preis je bekommen würden?
Überhaupt nicht, nein. Aus Gründen, die Sie sicher ahnen können. Ich dachte, ich komme überhaupt nicht infrage. Ich hab schon befürchtet, dass ihn am zweiten Donnerstag im Oktober jemand bekommen wird, wo ich mich dann gedemütigt fühlen muss. Jemand, den ich als Schriftsteller verachte. Und dann war es auf eine Weise anders!

Kennen Sie das Werk von Olga Tokarczuk, die heuer, im Jahr der Zweifachvergabe, den Preis für 2018 bekommen hat?
Überhaupt nicht, leider! Fast eine Schande von mir, dass ich so wenig lese, was heutzutag' geschrieben wird, weil ich kein rechtes Vertrauen habe. Aber wenn Leute mir etwas schicken, lese ich immer alles. Die Position, die nicht meine ist, dass die Literatur von heute im Vergleich zum Ewigen, zu Tolstoi, Homer und Cervantes, nichts ist, finde ich nicht richtig. Man muss beides vereinen, was heute geschrieben wird und was früher erzählt wurde. Ich versage als Leser selbst an diesem erotischen Verhältnis zur heutigen Literatur.

Ihr Preis ist doch ein unglaubliches Hoffnungszeichen für die Literatur, die offenbar wieder im Mittelpunkt steht, nach dem außerliterarischen Denunziationsgeschrei. Die neue Schwedische Akademie scheint nicht dumm zu sein.
Die Leute, die mich jetzt angerufen haben, sagen alle: Endlich geht es wieder um die Literatur! Das ist bewegend auch im physikalischen Sinn. Manche sagen auch, das ist der Sieg der Literatur. Dann sage ich: Mit Siegen hat Literatur nichts zu tun.

Und dass sich nun ernstzunehmende Leute wie Slavoj Žižek und Salman Rushdie gegen Sie zu Wort melden? Letztgenannter hat Sie einen Trottel genannt.
Da hat er ja recht.

Diverse Politiker hatten auch ihre Einwände.
Naja, macht ja nichts. Das gehört ja alles dazu. Hauptsache, es ist geschehen. Mein Freund Adolf Haslinger (der verstorbene Salzburger Germanistik-Ordinarius, Anm.) hat mir immer, wenn ein Hund gebrüllt hat - und ich bin sehr empfindlich gegen Hundegebrüll -, gesagt: "Lass ihn doch, der muss das tun!" Dass nennt man amor fati, die Liebe zum Geschick.

Habe ich richtig beobachtet, dass Sie in den vergangenen Jahren weniger geschrieben haben? Hatten Sie sich zurückgezogen?
Nein, beim Schreiben muss man sich zurückziehen. Aber das Schreiben muss weitergehen, um Gottes willen! Das Entwerfen, Erzählen.

Die Salzburger Festspiele bringen zu ihrem Hundertjahrjubiläum im Sommer 2020 ein Stück von Ihnen heraus. Es geht um einen Tschechen, der sich Anfang der Zweitausenderjahre im Protest gegen die korrumpierte, unmenschliche Zeit selbst angezündet hat. Ein Auftragswerk?
Nein, die Festspiele haben es sich halt geschnappt. Es war ein schöner Streit zwischen Burgtheater und Salzburg.

Kann man das nicht koproduzieren?
Das hab ich mir auch gedacht, aber es ist schon recht, wie es gekommen ist. Ist es jetzt genug mit den Fragen?

Ein paar hab ich noch.
Na gut, Sie Wüstling des Fragens.

Um bei der Frage zu bleiben, die ich noch nie ausgelassen habe: Nach Österreich wollen Sie nicht heimkehren?
Ich bin ja immer wieder in Österreich. Vor allem in Kärnten, und freu mich immer drauf, mit den Freunden beisammen zu sein.

Dass man Ihnen dort den silbernen Landesorden geben wollte, obwohl z. B. Gerhard Dörfler und Hubert Gorbach den goldenen haben - haben Sie das verziehen?
Da gibt es nichts zu verzeihen. Ich habe mich deswegen nie aufgeregt. Andere haben das kritisiert, deshalb wurde es korrigiert -man hätte es auch nicht korrigieren müssen. Der Orden ist sehr schön, ich trage ihn immer an mein Gilet geheftet wie mein Großvater die Uhrkette. Leider weiß in meinem Kaff niemand, was er bedeutet.

Haben Sie sich zuletzt mit den Entwicklungen in Österreich beschäftigt? Dem Absturz der FPÖ, dem Sieg des Altkanzlers, der Sie, wie Sie mir sagten, an die Gummimaske eines Bankräubers erinnert?
Nein, ich kenne mich da überhaupt nicht aus. Ich lese ja nicht die überregionalen Zeitungen wie "Le Monde", nur die Lokalnachrichten in "Le Parisien". Ich bin auch nicht begierig danach.

Könnte Sie die Groteske von Ibiza nicht zum Theaterstück inspirieren?
O nein, bitte nicht diese Aktualitätendramen! Das ist das Ende des Theaters! Shakespeare hat Stücke über Dinge geschrieben, die vor 200 Jahren waren, und da hat er zum Glück noch gelogen. Lassen Sie mich mit den Aktualitäten in Ruhe! Das nennt man Tautologien, wenn eh schon alles geplappert ist, und es kommt dann noch die Kunst dazu und gibt ihren Senf zur Aktualität!

Was werden Sie denn heute noch tun?
Ich werde was trinken. Es wird Zeit, dass endlich die Pilze wiederkommen. Gestern hab ich fünf schöne Steinpilze gefunden. Die Buchensteinpilze, die aus den Buchwäldern, die kann ich nur empfehlen. Die sind die geradesten.

Ich vermute eher, die sind wegen des Nobelpreises Habt Acht gestanden.
Hören Sie auf! Manchmal sind sie eh leicht gebeugt. Aber sie haben in der Biegung viel Energie. Jetzt wissen Sie alles über die Physik der Buchensteinpilze.

Es muss fantastisch sein, ein Mykologe der Höchstliga zu sein.
Ich bin kein Mykologe. Ich bin nur ein Pilzdepp.

Das Interview ist ursprünglich in der Printausgabe von News 42/2019) erschienen