Aufregerin des Jahres von

Nina Proll: "Jetzt bin ich
eher Männerversteherin"

Aufregerin des Jahres - Nina Proll: "Jetzt bin ich
eher Männerversteherin" © Bild: News/Ricardo Herrgott

Ihr angriffiger Zugang zur globalen #meetoo-Debatte machte Nina Proll zur Aufregerin des Jahres 2017: Die Schauspielerin, die ab sofort in der neuen Staffel der "Vorstadtweiber" zu sehen ist, warf Kolleginnen aus dem Showbiz Scheinheiligkeit vor - hier zieht sie über die von ihr ausgelöste Erregung Bilanz

Der Hashtag #meetoo entwickelte sich im vergangenen Herbst, ausgehend von Hollywood und dem pathologisch übergriffigen Produzenten Harvey Weinstein, binnen weniger Tage zum Sprachrohr für Opfer von sexueller Gewalt in der Showbranche: Unzählige Frauen und auch einige Männer berichteten, wie sie in der Showbranche zu Opfern von Missbrauch wurden, auch hierzulande meldeten sich bekannte Frauen unter #metoo auf Twitter zu Wort. Im Zuge der Debatte sorgte die Schauspielerin Nina Proll für einen Mix aus Aufsehen, Irritation und Zustimmung, indem sie via Facebook erklärte, sexuelle Annäherungen in erster Linie als Kompliment zu verstehen - und dafür plädierte, zwischen grober körperlicher sexueller Gewalt und plumpen sexistischen Annäherungen zu differenzieren.

Zudem warf Proll Kolleginnen aus der Branche - etwa der Schauspielerin Gabriela Benesch - Doppelmoral vor: "Ich kenne all diese Schauspielerinnen, die auf Galas und Events herumlaufen und ihre Möpse irgendwelchen Produzenten unter die Nase halten, sich auf Schöße setzen und dann behaupten, sie sind sexuell belästigt worden."

Was hat Sie die letzte Zeit über die Verfasstheit Ihrer Branche gelehrt?
Mir ist generell etwas aufgefallen: Obwohl wir sehr privilegiert und in Wohlstand leben, herrscht große Unzufriedenheit. Noch nie haben sich so viele Menschen beklagt und waren der Meinung, irgendjemand anderer wäre schuld daran, dass ihnen irgendein bestimmtes Lebensglück verwehrt bleibt. Jeder muss dann mal herhalten: die Ausländer, die EU, die Wirtschaft, Trump, Pilz, Kurz, die Linken, die Rechten oder schlicht und einfach die Männer im Allgemeinen. Dass wir aber auch Eigenverantwortung tragen oder das Leben an sich ungerecht und unvollkommen ist, daran mag niemand mehr denken. Ich glaube, ein großes Problem unserer Zeit ist, dass uns ständig suggeriert wird: Jeder kann alles erreichen! Reich und berühmt werden, schlank, erfolgreich oder in kürzester Zeit Superstar oder Topmodel. Wenn dann die Realität aber hinter dieser Theorie zurückbleibt und wir es nicht "schaffen", ist die Frustration groß. Was mich in diesem Zusammenhang am meisten gewundert hat, war, dass es heute ein schweres Tabu ist, eine eigene Meinung zu haben.

Ist dieses Tabu Produkt einer Twitter- und Medienblase, oder repräsentiert es einen Bevölkerungsquerschnitt?
Ich glaube, dass das eine spezielle Blase ist, die sich auf Medien, Kunst und Politik beschränkt. Die Menschen, um die es vermeintlich geht oder gehen sollte, fühlen sich in den Diskussionen überhaupt nicht mehr vertreten oder gehört.

© News/Ricardo Herrgott Im Netz der Empörung: Nina Proll postete ihre Meinung zur #metoo-Debatte - und löste eine Lawine der Entrüstung aus

Und Sie hören zu?
Ich will mich nicht als Robin Hood der benachteiligten Frauen aufspielen. Jedoch, was jetzt passiert, ist für mich hochinteressant: nämlich, dass gerade diese Frauen sich mit mir solidarisieren. Egal, ob ich in den Zug steige oder durch den Sicherheitscheck im Flughafen gehe oder mich im Supermarkt die Kassiererin anspricht, es heißt immer: "Danke, Frau Proll, dass sie sich getraut haben, etwas zu sagen. Sie sprechen mir aus der Seele."

Ist es das sogenannte "Gutmenschentum", das Ihnen so auf die Nerven geht?
"Gutmensch" ist ja per se nichts Schlechtes. Ich lehne mich da eher an den Philosophen Robert Pfaller an, der sagt sinngemäß: In unserer Gesellschaft herrscht eine Art Opfer-Wettbewerb, gerade die Privilegierten versuchen, sich als Allerärmste darzustellen, um von ihrer Privilegiertheit abzulenken, denn als Zweitärmster fällt man heutzutage schon durch den Rost. Und diese Form der Selbstdarstellung ist jetzt von Hollywood bis Wien modern.

Würden Sie um das Wissen um die Eigendynamik, die Ihre Wortmeldung auslöste, nochmals Stellung beziehen oder eher sagen: "Geh, habts mich doch alle gern."?
Nein, ich gebe zu, es hat mir auch Spaß bereitet, das Feuilleton ein bisschen aufzumischen. Was mich aber wirklich störte, war das Frauenbild, das da vermittelt wurde. Die Frau als bemitleidenswertes Opfer von irgendwem oder irgendwas. In aller Klarheit: Wenn eine Frau zum Ziel eines Gewaltverbrechens wird, dann ist dieser Begriff absolut angebracht. Im Zuge irgendeines verunglückten Witzes oder eines missglückten Tinder-Dates von "Opfer" zu sprechen, finde ich jedoch vermessen. Dieses Bild der Frau akzeptiere ich nicht, und ich wehre mich dagegen. Wir Frauen sind nicht grundsätzlich die besseren Menschen und haben den Männern nicht grundsätzlich vorzuschreiben, was sie von uns zu wollen haben und was nicht. In dieser Debatte werden Frauen so hingestellt, als wäre ihnen Sex grundsätzlich fremd und sie müssten davor beschützt werden. Man redet ihnen fast mantrahaft ein, sie wären hilflose, empfindliche Wesen, die sich nicht zu helfen wissen. So sehe ich Frauen nicht, da sehe ich mich nicht repräsentiert. Ich will nicht arrogant klingen, aber ich glaube, dass sich mehr Frauen von mir vertreten fühlen als von einer Sigrid Maurer.

Erwägen Sie vor diesem Hintergrund, sich politisch zu betätigen?
Politisch nicht, aber als Künstler haben wir schon die Aufgabe, der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten - in unseren Filmen, Stücken und Interviews. Mir wurde ja immer vorgeworfen, dass ich mich in eine Diskussion einmische, die mich als "Nichtbetroffene" scheinbar nix angeht. Aber ich bin betroffen, weil diese Diskussion das Gesamtklima zwischen Mann und Frau belastet. Bis jetzt hat durch die schwelende Debatte nicht eine einzige ganz normale Frau etwas gewonnen - außer jenen, die jetzt am "Time"-Cover sind. Und Robin Wright, die "House of Cards" jetzt ohne Kevin Spacey zu Ende spielen kann. Aber ob sein Ausscheiden tatsächlich ein Gewinn ist, bleibt fraglich. Wenn #metoo unser einziger Weg ist, ans Ziel, in eine Spitzenposition oder auf ein Cover zu kommen, finde ich das ziemlich traurig.

Sehen Sie es als radikalen Akt des Feminismus, die Sexualität einzusetzen, um ein gewisses Ziel zu erreichen?
Gerade habe ich einen Film aus dem Jahr 1955 mit Sophia Loren und Marcello Mastroianni gesehen: "Wie herrlich, eine Frau zu sein" - den kann ich nur jedem empfehlen! Man hat das Gefühl, die Frauen damals waren zehnmal emanzipierter als heute. Ich lege Wert darauf, dass Männer und Frauen unterschiedlich sind und wir selbst bestimmen, wann und ob wir unsere Waffen einsetzen. Das ist für mich feministisch. Dann dürfen wir den Männern allerdings nicht vorwerfen, wenn sie sich diesen Waffen ergeben. Ich kann mich hinterher nicht beklagen, das Opfer meiner eigenen Waffen geworden zu sein.

»Wir Frauen sind ja nicht zwangsläufig weniger sexistisch«

Sie sprachen von "Möpsen", die Schauspielerinnen den Regisseuren ins Gesicht halten, von den "Blowjobs", derer sich Ihr Mann erwehren muss - haben Sie sich aus Lust an der Provokation ganz bewusst einer etwas derberen Sprache bedient?
Es war weniger Lust, sondern eher Wut. Ich bin offensichtlich nicht in der Lage, die Political Correctness, die hier verlangt wird, einzuhalten. Aber ich werde versuchen, mich zu bessern, das verspreche ich. Zu meiner Verteidigung: Viele Frauen fordern hier ein Bewusstsein, das sie oft selbst nicht haben. Nur weil Männer es meist nicht als Belästigung empfinden, wenn sie von Frauen begrapscht oder in eine Schublade gesteckt werden, heißt das ja nicht zwingend, dass wir weniger übergriffig oder sexistisch sind. Das habe ich vielleicht durch den einen oder anderen Kraftausdruck versucht, zu verdeutlichen.

Haben Männer vor Ihrem sexuellen Selbstbewusstsein manchmal Angst?
Jetzt überhaupt nicht mehr. Durch die entstandene Diskussion sehen sie in mir eher die Vertraute oder Komplizin, jetzt bin ich eher Männerversteherin.

Haben Sie Angst, aufgrund Ihrer prononcierten Meinung künftig auf ein ganz bestimmtes Rollenklischee reduziert zu werden?
Eine gewisse Festlegung kann man ohnedies nicht beeinflussen.

Wie würden Sie diese Festlegung beschreiben?
Na ja, meine Rolle in den "Vorstadtweibern" ist da schon recht repräsentativ. Aber meine Art, dem entgegenzuwirken, war, selbst ein Drehbuch zu schreiben und eine Rolle wie "Anna Fucking Molnar" zu entwickeln. Die erste österreichische Kinokomödie mit einer weiblichen Hauptfigur. Ich finde, im Jahr 2017 längst überfällig und ein durchaus feministischer Akt. Und es wird hoffentlich nicht mein letzter gewesen sein.

Nina Proll
Die Schauspielerin und Sängerin wurde am 12. Jänner 1974 in Wien geboren. Heute lebt sie gemeinsam mit ihrem Mann, dem Schauspieler Gregor Bloéb, und ihren beiden Söhnen in Pfaffenhofen in Tirol. Der große Durchbruch gelang ihr 1999 im Film "Nordrand", ihre populärste Rolle ist jene der Boutiquenbesitzerin Nicoletta Huber in der Fernsehserie "Vorstadtweiber"

Die Proll singt wieder
Nach der Premiere ihres Film-Erstlings "Anna Fucking Molnar", der über die Feiertage noch in den Kinos läuft, zieht es Nina Proll im kommenden Jahr wieder auf die Musikbühne: Am 22. Jänner präsentiert sie im Wiener Theater Akzent ihr Programm "Vorstadtlieder". Infos und Tickets auf www.akzent.at

Im Video:
Spannende TV-Diskussion mit Nina Proll zum Thema #MeToo