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Nikolaus Harnoncourt ist tot: Die gewaltigen Fußstapfen eines Riesen

Nachruf: Heinz Sichrovsky zum Tod des mächtigsten Dirigenten der Gegenwart

Leben - Nikolaus Harnoncourt ist tot: Die gewaltigen Fußstapfen eines Riesen © Bild: imago/SKATA

Als er im vergangenen Dezember, einen Tag vor seinem 86. Geburtstag, den Rückzug von allen künstlerischen Aktivitäten bekannt gab, war klar, dass seinen vielen Bewunderern nicht mehr viel Zeit mit ihm verbleiben würde. Man konnte sich den Dirigenten Nikolaus Harnoncourt ja nicht anders als in fiebriger Hochspannung vorstellen: ein rastlos Forschender, der auf seiner Suche nach der absoluten Wahrheit die Jahrhunderte alten Gewissheiten der Musikwelt in die Luft gesprengt hatte.

Den in Berlin geborenen Altösterreicher hatte in den Fünfzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts als Cellist bei den Wiener Symphonikern eine fundamentale Erkenntnis gerammt: Was er und alle anderen Musiker aller Orchester der Welt auf mehr oder weniger hohem Niveau taten, hatte mit den Realitäten der interpretierten Werke nur noch die Umrisse gemeinsam. Man spielte auf Instrumenten, die zu Zeiten Bachs, Mozarts oder Beethovens fundamental anders klangen; man richtete sich nach Partituren, die meist im späten 19. Jahrhundert nach dem romantischen Zeitgeschmack geglättet und gerundet worden waren. Harnoncourt studierte die Handschriften der Komponisten, ließ alte Instrumente renovieren und gründete das erste Originalklangensemble, den „Concentus Musicus".

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Noch beim Festkonzert zu seinem 80. Geburtstag schrie einer von der Galerie dem längst Weltberühmten seine Empörung in den allgemeinen Jubel. Und tatsächlich war Harnoncourt wie mit der Planierraupe durch das Musikverständnis von Generationen gefahren: Den romantisierenden, tendenziell harmlosen Mozart, in dem man sich zu Hause gefühlt hatte, seit man hören und denken konnte, erträgt man heute nicht mehr. Nicht, seit Harnoncourt die Abgründe und schreckenvollen Wahrheiten hinter der Oberfläche freigelegt hat. Tatsächlich hatte seit seinem etappenweisen Rückzug kein noch so bedeutender Dirigent mit Mozart wirklich Glück. Als er sich dann sukzessive auch das große romantische Repertoire zu erobern begann und hier dieselben Schlampereien des Umgangs wie bei den Klassikern entdeckte, war die Interpretationsgeschichte von Grund auf verändert.

Der mächtigste Dirigent des 20. Jahrhunderts

So war Harnoncourt der mächtigste Dirigent des 20. Jahrhunderts, zu vergleichen nur mit dem alten Widersacher Karajan, der auf ganz anderem Terrain – als Pionier der technischen Perfektionierung und Globalisierung der klassischen Musik – Geschichte geschrieben hat.

Wer mit ihm gearbeitet hat, lag ihm fortan zu Füßen: Anna Netrebko, die er mit einem „Don Giovanni" in Salzburg für die Weltklasse entdeckte, ebenso wie der führende Mozart-Tenor Michael Schade, der jetzt alle Anstrengungen unternimmt, den „Concentus" weiterzuführen. Denn, ein beispielloser Vorgang in der Musikwelt: Es galt lang als ausgemacht, dass der Epoche machende Klangkörper mit seinem Gründer erlöschen würde.

» Ich bin so müde! Aber wenn ich aufhöre, bleibe ich im Bett liegen und stehe nicht mehr auf.«

Bei einem meiner Besuche im alten Bauernhaus in St. Georgen im Attergau sagte er mir: „Ich bin so müde! Aber wenn ich aufhöre, bleibe ich im Bett liegen und stehe nicht mehr auf. Also mache ich weiter, auch, weil meine Frau es verlangt." Und tatsächlich wusste Alice Harnoncourt, die jahrelange großartige Konzertmeisterin des „Concentus", dass sie ihn sich nur bewahren konnte, indem sie ihn am Aufhören hinderte.

In der Nacht auf Sonntag ist er nach jahrelangem Krebsleiden, von dem nur wenige wussten, gestorben. Er war ein Gigant, in dessen Fußstapfen sich noch Generationen verstolpern werden.

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Es das alte Pfarrhaus von St. Georgen, in dem Sie ihn besucht haben.

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