Landeshauptmann von

Niessl: Kurz ist
mehr Schein als Sein

Burgenländischer SPÖ-Chef glaubt dennoch an zehn Jahre Schwarz-Blau

Burgenlands Landeshauptmann Hans Niessl © Bild: APA/HERBERT PFARRHOFER

Geht es nach dem burgenländischen SPÖ-Vorsitzenden und Landeshauptmann Hans Niessl, dann sollen SPÖ-Mitglieder künftig mehr Mitspracherecht in der Bundes-SPÖ bekommen. "Die SPÖ muss sich viel stärker als Mitgliederpartei positionieren", sagte Niessl im APA-Interview. Zudem sieht er in Kanzler Sebastian Kurz mehr Schein als Sein, glaubt aber dennoch an zehn Jahre Schwarz-Blau.

SPÖ-Mitglieder sollen demnach in Zukunft öfter zu wichtigen Fragen und inhaltlichen Themen Stellung nehmen können, Abgeordnete und Mandatare von den Mitgliedern in Vorwahlen ausgewählt und der Parteivorsitzende "in weiterer Folge" von der Parteibasis mitgewählt werden. "Bei einer Mitgliederpartei müssen die Mitglieder auch mitreden können", so Niessl.

Kein Problem hat Niessl mit dem Vorhaben, dass SPÖ-Mandatare nach 10 Jahren Amtszeit bei einem weiteren Antreten eine Zweitdrittelmehrheit des bestellenden SPÖ-Gremiums brauchen. "Wenn ich nach 10 Jahren keine Zweidrittelmehrheit zusammenbringe, dann muss ich mir eh überlegen, was schief gelaufen ist. Eine breite Zustimmung ist schon wichtig."

Befragungen vor Wahlen, um danach rasch handeln zu können

Lediglich bei der laut Parteireform geplanten Urabstimmung über Koalitionsabkommen empfiehlt der Landesparteichef der Bundespartei eine andere Vorgangsweise. "Ich bin eher dafür, vor Wahlen Befragungen zu machen, um nach Wahlen rasch handeln zu können. Weil so wie ich die eine oder andere Partei kenne, machen die eine Koalition mit den anderen, wenn man zu lange zögert. Das halte ich für die effizientere Vorgangsweise, um nicht durch zu lange Gespräche nach der Wahl einen strategischen Nachteil bei Koalitionsverhandlungen zu haben."

Urabstimmung zu Koalitionen könnte "zum Nachteil der Sozialdemokratie sein"

Eine Urabstimmung über Koalitionsabkommen könnte "zum Nachteil der Sozialdemokratie" sein. "Ich habe einmal gesagt, Opposition ist Mist. Nicht weil ich die Oppositionsarbeit nicht schätze oder wegen der paar Regierungsämter, sondern weil die kleinen Einkommensbezieher auf der Strecke bleiben. Das sieht man ja auch jetzt." Darüber hinaus gebe es ja auch den Wertekompass als Richtschnur für mögliche SPÖ-Partner.

»"Wenn Schwarz-Blau eine Mehrheit hat, wird Schwarz-Blau fortgesetzt"«

Niessl geht aber ohnehin davon aus, dass sich die Koalitionsfrage für die SPÖ noch länger nicht stellen wird. "Schwarz-Blau hat die Koalition auf länger als fünf Jahre angelegt. Das wird meiner Meinung nach 10 Jahre dauern, und ÖVP und FPÖ werden noch viele Maßnahmen setzen, um den Staat umzubauen. Die Frage wird sein, wie lange die FPÖ den neoliberalen Kurs von Kurz ohne Widerspruch mitträgt." Niessl befürchtet übrigens, dass die derzeitige Koalition selbst dann weiter macht, wenn die SPÖ bei der nächsten Wahl wieder stärkste Partei wird. "Wenn Schwarz-Blau eine Mehrheit hat, wird Schwarz-Blau fortgesetzt."

Migrationskurs bestätigt

Seinen SPÖ-intern teils umstrittenen und kritisierten Kurs in der Migrationspolitik - für Grenzkontrollen und verschärfte Zugangsbestimmungen nach Österreich - sieht Niessl heute bestätigt: "Wenn man sich die Ergebnisse der sozialdemokratischen Parteien in Europa anschaut, kann man nicht sagen, dass sie in allem richtig gelegen sind. Der Rechtsrutsch in Europa hat ja auch Gründe. Die Asylpolitik hat dazu beigetragen."

"Kurz und die Türkisen haben das beste Marketing"

In Österreich habe davon vor allem Bundeskanzler und ÖVP-Chef Sebastian Kurz profitiert. "Sebastian Kurz und die Türkisen haben das beste Marketing aller politischen Parteien in Europa. Er hat eine gute Kommunikation, er hat eine sehr gute PR-Abteilung. Der Schein ist aber deutlich mehr als das Sein. Kurz war sieben Jahre in der Regierung und hat als Integrations- und Außenminister wenig Ergebnisse geliefert. Den Eindruck zu vermitteln, ich habe mit den ganzen Problemen nichts zu tun, ist eine kommunikative Meisterleistung", so Niessl.

Dass die Bundes-SPÖ inzwischen auf seinen Kurs in der Migrationspolitik eingeschwenkt ist, nimmt Niessl gelassen. "Für mich ist das keine Genugtuung, aber trotzdem stelle ich fest, dass sich alle meine Befürchtungen bestätigt haben und ich in allen Forderungen recht bekommen habe. Ich habe den Grenzschutz gefordert und darauf hingewiesen, dass ein uneingeschränkter Zuzug das Ende des Sozialstaats bedeutet. Das hat weder was mit Rechts oder Links zu tun, sondern mit Vernunft."

NEOS: Niessl springt auf "Rechtspopulismus-Zug" auf

Kritik an Niessl und an der Oppositionsarbeit der SPÖ ist von den NEOS gekommen. Niessl springe auf den "Rechtspopulismus-Zug" auf, meinte NEOS-Abgeordnete Stephanie Krisper in einer Aussendung zum Interivew. "Die Regierung rechtsaußen zu überholen, ist keine Oppositionsarbeit. Die SPÖ zündelt fröhlich beim nationalistischen Getue der Regierung mit", so Krisper. Niessl werfe außerdem mit "völlig abstrusen Zahlen ohne Evidenz" um sich. Der Landeshauptmann hatte in dem Interview unter anderem gesagt, dass sich 250.000 Menschen illegal in Österreich aufhalten würden. Gerade in Zeiten, in denen die FPÖ einer "Steve-Bannon-Achse" beitrete, gelte es aber, Haltung zu zeigen und für die liberale Demokratie zu kämpfen, fordern die NEOS.

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