Nie mehr Schule von

Die klassenlose Gesellschaft

75.000 Teenager in Österreich haben ihre Ausbildung abgebrochen und keinen Job

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    Sebastian, 18: „Lange schlafen, fernsehen – am Anfang bin ich mir wie im Paradies vorgekommen, doch dann war da nur noch ein Gefühl von totaler Leere.“

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    Joy, 17: „Meine Mutter hat geschlafen, statt mit mir aufzustehen. Da bin ich auch liegen geblieben. Ich wünschte, sie wäre strenger gewesen.“

Sie pfeifen auf die Schule und schwänzen lieber: 75.000 Teenager in Österreich haben ihre Ausbildung abgebrochen und auch keinen Job. Meist kippen sie rasch in bitteren Frust. Sebastian aus der Südsteiermark ist gerade einmal 18, doch schon seit vier Jahren verläuft sein Leben wie in Zeitlupe. „Lange schlafen, fernsehen, am Anfang bin ich mir wie im Paradies vorgekommen. Doch dann war da nur noch totale Leere.“

Bis zur dritten Klasse Hauptschule war er noch allmorgendlich aufgestanden. Ein völlig unauffälliger Schüler sei er gewesen, nirgends wirklich herausragend, aber auch in keinem Fach der Klassendepp. Ab der Vierten begann er dann, in den Vormittag reinzudösen. Immer öfter, immer länger. „Irgendwann habe ich mich dann gefragt, ob’s überhaupt einen Sinn hat aufzustehen.“

Acht Prozent brechen ab.
Der Vater – längst über alle Berge. Die Mutter – allabendlich geschlaucht von der Arbeit. Und als Alleinerzieherin nicht stark genug, ihr mürrisches Riesenbaby zurück ins Klassenzimmer zu zwingen. Bis sie gemeinsam mit Sebastian auf die Bezirkshauptmannschaft Leibnitz zitiert wurde. Und die beiden gefragt wurden, wie es denn nun weitergehen sollte. Und sie es beide nicht wussten.

Wie so viele. Weil Bildungsdesperados wie Sebastian längst keine Einzelfälle mehr sind: 75.000 österreichische Jugendliche (bis 24 Jahre), also immerhin acht Prozent, besuchen keine Schule, befinden sich aber auch nicht in Fortbildung und gehen keinerlei Arbeit nach; und selbst wenn sich diese Werte im internationalen Vergleich noch recht harmlos ausnehmen, sind sie für eine politische Debatte hoch genug.

Angestrengte Polit-Debatte.
„Schwänzer-Eltern zur Kasse“, postulierte Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz (VP), und: 1.500 statt wie bisher 220 Euro für notorisches Schwänzen – ehe sich ein großkoalitionäres Gremium samt Schulministerin Schmied auf ein Frühwarnsystem sowie 400 Euro Höchststrafe einigte. „Bis zum Jahr 2015 soll es eine Ausbildungspflicht bis zum 18. Lebensjahr geben“, legt nun Sozialminister Rudolf Hundstorfer (SP) nach.

Eine Debatte, welche die gesellschaftspolitischen Kernfragen umschifft: Warum brechen immer mehr Kids aus unserem Bildungssystem aus? Und: Was macht sie von gemütlichen Gelegenheitsschwänzern zu totalen Verweigerern?

Ilse Murnig, die im Rahmen des Grazer Sozialprojekts „Isop“ pubertierenden Abbrechern zum externen Hauptschulabschluss verhilft, ist überzeugt: „Den meisten fehlt es an einer Person, die an sie glaubt, die ihnen das Gefühl gibt, gemocht zu werden – egal, ob man diese Aufgabe im Einzelfall nun den Eltern oder den Lehrern oder beiden zuschreiben möchte.“

Gegelte Stoppelfrisur, verspiegelte Sonnenbrille, flockig-federnder Gang. Der aus Serbien stammende Stefan, 16, will um jeden Preis cool sein. So sehr, dass der Wiener seiner Freundin sagte, er sei schon 20. Doch wenn er vom letzten Tag seiner HAK-Laufbahn erzählt, bricht plötzlich die kindliche Emotion durch: Wie er denn in die winzigen Tabellen am Aufgabenzettel sowohl „Umlaufvermögen“ als auch „Anlagevermögen“ eintragen solle, habe er im Rahmen der Rechnungswesen-Schularbeit beim Herrn Fachlehrer nachgefragt. Antwort des Pädagogen: „Eine Baustelle würde besser zu dir passen als die Schule.“ – Da, sagt Stefan, sei er wortlos aufgestanden, habe das Heft abgegeben und sei gegangen. Und zwar für immer.

Traumatische Kränkungen.
„Es ist halt nicht jeder geeignet, Lehrer zu sein“, meint sein gleichaltriger Kumpel Sasa süffisant. „Viele bringen ihre privaten Probleme in die Schule mit.“ Er selbst habe noch den alles entscheidenden Satz seines BWL-Fachlehrers im Kopf, jedes einzelne Wort habe sich unauslöschlich eingebrannt: „Ich habe die Schularbeit diesmal extra leicht gemacht, damit sie auch ein Trottel wie du versteht.“

Der derbe Spruch der Vorstadt? Darf man Nadine, ebenfalls 16, Glauben schenken, so ist es im noblen Cottage von Wien-Döbling kaum feiner zugegangen. „Meine Mathe-Lehrerin mobbte mich, bis ich zu weinen begann“, berichtet sie aus ihrer einstigen Mittelschule. – 364 Fehlstunden und ein unbeurteiltes Schuljahr läuteten den Beginn von Nadines endloser Pause ein.

Rabenschwarze Pädagogik mit rassistischem Einschlag auf der einen Seite, grundlos unterdrückte Musterschüler auf der anderen? Keiner kann die Teenagerstorys aus der schulischen Endzeit auf ihre vollständige Wahrheit überprüfen. Im Kern hält sie Bruno Malli, Chef der Jugendwerkstatt am BFI Wien und Vertrauensperson vieler Schulabbrecher, allerdings für absolut glaubwürdig: „Sehr oft geht es um massive Kränkungen oder Begebenheiten, die von den Jugendlichen als solche empfunden und nur mangelhaft verarbeitet werden können.“ Keinesfalls nur bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund, aber eben auch. Nicht ausschließlich bei Kindern mit zerrüttetem familiärem Background – aber doch mit überwältigender Mehrheit.

Danis Dresscode – Black.
Daniela ist 16 und trägt von der tief in die Stirn gezogenen Rapper-Mütze bis runter zu den ausgelatschten Converse-Sneakers lückenlos Schwarz. Ihre Mutter ist gestorben, als sie zehn Monate alt war, zum Vater hatte sie nie wirklich Kontakt. Von klein auf lebte sie bei ihren Großeltern.

Dani, das programmierte Problemkind? Gut, Papierkügelchen habe sie durch die Klasse geworfen und mitten im Unterricht einen „Ententanz“ aufgeführt. „Zum Schluss habe ich dann nur noch Mist gebaut, damit ich statt in der Klasse beim Direktor sitzen durfte.“ Denn der habe sich nett mit ihr unterhalten. Im Gegensatz zur Lehrerin: „Die hat immer gesagt, dass meine Großeltern mit mir überfordert sind und sie dafür sorgen wird, dass ich ihnen weggenommen werde.“ Dani entschied sich für Oma und Opa und gegen die Schule.

Kein Handy bis zum Abschluss.
Der Weg zurück aus der klassenlosen Gesellschaft – er ist schwierig, aber nicht unmöglich. Dennoch bilden Kids wie Sarah, 16, aus Wien oder Rukiye, 18, aus Graz die Ausnahme.

Sie begannen aus Fadesse zu schwänzen. Aus Stunden wurden Tage, aus Tagen Wochen, die Eigendynamik der großen Freiheit. Oder dessen, was sie dafür hielten, ehe ihnen Mama und Papa auf die Schliche kamen. „Ich fand Chillen einfach cooler als Schule“, so Sarah. „Bis mir meine Eltern Handy und Internet sperrten und mich nicht mehr weggehen ließen.“ Bis sie zumindest ihren Hauptschulabschluss hatte. „Als mich mein Papa eines Tages fragte, wie es in der Schule war, brachte ich es nicht übers Herz, ihn zu belügen“, erzählt Rukiye. Sie beichtete, gelobte feierlich Besserung und ward fortan in den Grazer Parks vormittags nicht mehr gesehen.

Zufall? Gerade im Graubereich zwischen notorischem Schwänzen und totaler Verweigerung sind es die Eltern, welche die Richtungsentscheidung entscheidend beeinflussen. Und die Alleinerzieher, die oft heillos überfordert sind. „Meine Mutter hat oft bis in die Nacht hinein gearbeitet“, erzählt Joy, 17, aus Graz. „Daher hat sie in der Früh geschlafen, statt mit mir aufzustehen. Da bin ich eben auch liegen geblieben, und sie hat es toleriert.“ Und: „Heute wünsche ich mir, sie wäre strenger gewesen.“

Früher, viel früher, ging Joy in ein Gymnasium. Manchmal. Nun strebert sie freiwillig. Für ihren Hauptschulabschluss.

Kommentare

ohrfeigen und der ganze mist hat mit erziehung absolut nix zu tun, ja früher war das mal so-damals waren die kinder anders. sie hatte 2 eletern 1 der arbeiten ging und 1 der zuhause ordnung hielt.
schau die die normalfamilie an-2 gehen arbeiten, das geld reicht trotzdem nicht, das kind erhitzt sich im besten fall eine dose oder was vom vortag übrigblieb und geht ins zimmmer wo es erstmal die decke anstarrt-nun kommt die frage hausaufgabe oder pc? meist pc dann geht die tür auf und der ertse abgeackerte kommt heim und motzt erstmal rum, weil der müll nicht runter getragen wurde-hinsetzen und erstmal nen weinspritzer oder bier zum beruhigen, der andere ruft dann an und kommt wie so oft später da er/sie mit kollegen saufen geht
was kann ein kind da lernen? es ist traurig aber so gehts in zu vielen familien zu

Frustationsgrenze... Einerseits den harten und coolen Macher raushängen lassen, andererseits aber schon beleidigt sein und die Schule abbrechen, wenn der Lehrer mal eine blöde Meldung schiebt? Halten die Jugendlichen gar nichts mehr aus?

PROGRAMM ATV : scheinbar will man unsere Jugendlichen verblöden , es werden Jugendliche fast immer rauschig und dumm redend in den Diskos gezeigt ! Genauso die Damensuche im Osten ! Ist die Zuschauerzahl das wichtigste ? Schüler schauen solche Sendungen an ,und glauben das sei cool ? Die Moral kann da nur noch sinken ! Solche Sendungen gehören längst verboten ! Oder will man das unseren Jugenlichen die Dummen der EU werden !

Schulabbrecher Ich möchte es ja nicht gutheißen wenn Jugendliche ihre Ausbildung abbrechen, aber haben sie auch eine gerechte Chance auf einen Arbeitsplatz wenn sie gut ausgebildet sind. Ich befürchte fast nicht.
Ganz besonders Mädchen werden nicht gar so gerne genommen, denn sie könnten ja über kurz oder lang in Karenz gehen und das kann sich die Wirtschaft ja nicht leisten !
Ich bin leider selbst in einer solchen Lage mitanzusehen, wie meine Nichte seit fast einem Jahr um einen Job kämpft, trotzt positiv abgeschlossener Lehre, deutschsprachig, gute Erziehung und tadellosem Aussehen. Leider wurde sie nach ihrer Lehrzeit nicht übernommen und findet nun auch keinen Job mehr. Gefragt sind nur langjährige Berufserfahrung mit Maturaabschluß. Aber wieviele können das bieten und daher kein Job !!!!

Lisa2388 melden

Energie für Kinder - oft Fehlanzeige Also meine Mutter empfand ich während der Schule als sehr streng. Sie brachte - bis zum meinem 14. LJ jeden Tag bis zu Schule, und holte mich abends vom Hort ab. Sie überprüfte die Vollständigkeit und Richtigkeit meiner Hausübungen und lernte für Schularbeiten, Tests und Prüfungen, während sie kochte, aufräumte oder putzte. Allerdings war dies nur möglich, indem sie ihre Stunden in der Erwerbstätigkeit reduzierte, also in Teilzeit ging. Ich empfand dies teilweise als "Kontrolle" und rebellierte, doch sie war gnadenlos, und heute bin ich ihr unendlich dankbar, weil sie mir den Weg gewiesen hat, den ich nun alleine gehen kann.
Ich denke, wenn unsere Gesellschaft gut ausgebildeten Nachwuchs will, muss klar sein, dass Mütter oder Väter bis zum 14.LJ nicht Vollzeit arbeiten können.

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Re: Energie für Kinder - oft Fehlanzeige Dem ist nichts hinzu zu fügen!

Ignaz-Kutschnberger
Ignaz-Kutschnberger melden

Bezüglich Ohrfeigen... möchte ich noch sagen: Mein linker Nachbar hat seinem Buam öfter eine mitgeben wenn was nicht passt hat...der Bua ist heute Rechtsanwalt, verheiratet und hat ein schönes Haus.
Mein rechter Nachbar hat sich nicht um seine Kinder kümmert und die haben immer von ihm monatlich paar Hunderter Taschengeld bekommen für Play-Station, Handy und solche Sachen... der Bua ist heute arbeitsloser Sozialschmarotzer, drogenabhängig und schläft unter der Reichsbrücke.

freud0815 melden

Re: Bezüglich Ohrfeigen... mein vatr war sozialarbeiter und ich wurde in den 70 er jahren antiautoritär erzogen, was ich auch bei meinen 3 weiterführte. nie wurde ich geschlagen (meine kinder ebenso nicht) in der schule gab es nie gröbere probleme und das obwohl meine kinder in 7 verschiedenen ländern aufwuchsen und somit sehr oft die schule wechselten-bis wir nach wien kamen. meine junge war damals gerade 15 und sie wurde im öffentlichen gymnasium nicht aufgenommen, da sie altersgemäss nicht schulpflichtig war-also war privatschule angesagt. sie wurde behandelt wie der letzte dreck und so wechselten wir nach nach 2 monaten zun vis. es tut mir leid zu sagen, aber die wiener schulen taugen NIX und die schüler laufen nicht grundlos weg.

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Die heutige Jugend ist nicht belastungsfähig Wenn ich hier lese was die Ursache ist weshalb Schüler die Schule abbrechen, wenn ich an anderer Stelle lese weshalb ein junger Mensch Selbstmord begeht, kann ich nur den Kopf schütteln. Ich denke diese jungen Menschen nehmen sich einfach viel zu wichtig. In meiner Schulzeit haben wir ganz andere Dinge von den Lehrern gehört und hin und wieder hat auch ein "besonders Selbstbewusster" eine Ohrfeige erhalten, niemand hat über so etwas weiter nachgedacht. Heute braucht der Jugendliche psychologische Betreuung nach so einem Vorfall um nicht zum Amokläufer zu werden und der Lehrer steht vor Gericht. Das ist doch krank!!!

Ignaz-Kutschnberger
Ignaz-Kutschnberger melden

@_nein STimmt...die Ohrfeigen waren immer am BESTEN...heutzutage ist es ja leider schon umgekehrt...da wird der Lehrer geohrfeigt!!
Aber wozu noch Schulausbildung wenn man dann sowieso 45 Jahre hackeln muss und dann Typen wie ein Graf von und zu oder ein Herr Hochegger unter 6 Monat mehr Kohle verdienen wie ein lebenslang arbeitender Idioten-Schädel???

Maika melden

Re: Die heutige Jugend ist nicht belastungsfähig Warum ist die heutige Jugend nicht belastungsfähig ? Kann es sein, daß sie es von den Eltern,
nicht gelernt hat Belastungen auszuhalten, Konflikte auszutragen, andere Menschen Wert zu schätzen? In Zeiten wo Eltern keine Vorbilder mehr sind, sondern Scheidungen, Streitereien
in der Familie, Orientierungslosigkeit usw.....zunehmen, ist es nicht verwunderlich, daß Jugendliche sich so verhalten wie sie es heutzutage tun.
Arme, reiche Gesellschaft!!

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Genauso seh ich das auch. Wenn heute beide Elternteile... ganztags arbeiten, ist auch die Belastungsfähigkeit der Eltern beeinträchtigt und das bringt uns Full Turn zu Familienstrukturen und Erziehungsmethoden und -zielen. Die Schule kann nunmal nicht ausbügeln wenn Eltern die Auseinandersetzung scheuen bzw. die zeit nicht haben und die Jungaffen frustrationsintolerant und lernuninteressiert werden.Aber bei uns gehen halt alle anderen Lustbarkeiten vor und so lagert man die lieben Kleinen in öffentliche Aufbewahrungsanstalten aus und nennt das ganze Fortschritt. Männlein und Weiblein sind entlastet,die Wirtschaft hat ihr Reservearbeitslosenheer und alle sind glücklich,bis auf die Kinder, aber das ist unserer Gesellschaft mittlerweile ja völlig wurst.
Und dann wundern wir uns über diese 75.000 "i-schea-mi-net-Typen".

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