Obsoleszenz von

Ablaufdatum für Mutti?

Über selbstmörderische Handys und Keks-Werbespots, die uns auf den Keks gehen

NEWS-Kulturredakteurin Nadja Sarwat © Bild: NEWS/Deak

April, kurz nach Ostern. "Schaut, wie herrlich die Sonne heute scheint", macht man voller Naivität die Kinder auf ein selten gewordenes Naturphänomen aufmerksam und öffnet weit das Fenster. Aber auch Tür und Tor zu Spekulationen über die eigene Lebensmüdigkeit. Ein Schwall eiskalter Luft weht herein.

"Normalerweise verbindet man Sonne doch mit Wärme...", bemerkt A-Hörnchen, 11, weise. Ein Faktum, das bald schon in Vergessenheit geraten sein wird, wie ich fürchte, wenn das mit diesen nicht enden wollenden Winter-Wetterkapriolen so weitergeht. Dinge kommen eben aus der Mode. Wie die Frisur, die Jane Fonda zur Achtziger-Aerobic trug. Derzeit wäre eigentlich Frühling total hip. Winter out. Nur schaltet der auf Ignore-Modus. Wie wir auch, wenn, wie jetzt gerade, die paradoxen Folgen des global warmings nerven. Die wir uns wiederum mit der elendigen Umweltverpestung ja wohl selbst eingebrockt haben.

Für derlei Dummheiten gibt es heute schon einen Fachausdruck. Nebenbei bemerkt mein persönlicher Favorit für das Unwort des Jahres 2013: geplante Obsoleszenz. Wer nicht weiß, was das ist – Wikipedia schafft Abhilfe: Der Begriff Obsoleszenz (von lat. obsolescere‚ sich abnutzen, alt werden, aus der Mode kommen, an Ansehen, an Wert verlieren) bezeichnet, dass ein Produkt auf natürliche oder künstlich beeinflusste Art veraltet ist oder altert.

Geplante Obsoleszenz meint also die Produktstrategie eines Herstellers, Mängel gezielt so einzubauen, dass das Gerät ein vorhersehbares Ablaufdatum hat. Und ein Neues gekauft werden muss. In dem Zusammenhang genannte Firmen bezeichnen das – eh klar - als Verschwörungstheorie. Konsumentenschützer sehen das naturgemäß anders. Mich selbst beschlich erstmals das Gefühl, dass so etwas möglich ist, nachdem meine geheiligten Jesusphones jedes Mal just zum Erscheinungstermin des Nachfolgemodells zur Spinnerei tendierten. Purer Zufall? Man weiß es nicht.

Dass das Modewort auch auf Mütter anzuwenden ist, war mir neu. Ich verdanke die bahnbrechende Erkenntnis der Firma Leibnitz, bzw. dem Humorverständnis der Werber, welche deren Spot für Pickup ersonnen haben.

Es gibt ja Werbekampagnen, die sind so schlecht, dass sie sicher nicht schon wieder gut sind: Der Möbelix z.B. kost fast nix – außer den letzten Nerv. Die schrecklich schreckliche Familie Putz, die Lugners unter den geschmacksverirrten Interieuristas, wetteifern mit den Zalando-Kreischern um Platz eins der Augen- und Ohrenkrebs-Erreger. Welche Substanzen die Schöpfer solcher audiovisuellen Folterinstrumente bei deren Erschaffung zu sich zu nehmen pflegen, will man gar nicht wissen. Nur eins ist sicher: Die gehören samt ihrer Erzeugnisse verboten.

Aber diese Keksfirma-Werbung geht einem wirklich auf den Keks: Da rollt ein junger Mann über seine Mutter die Augen. Die hätte neuerdings einen Computer und rufe nun dauernd an und kreische: "Hilfe, ich habe das Internet gelöscht". Merke – nicht der Papa oder der Opa nervt. Die sonst – nicht minder zu Unrecht - unter dem Generalverdacht der High-Tech-Verweigerung stehende Oma immerhin darf sich freuen: Sie wurde hier gleich durch die Mutti ersetzt.

Meine verehrte Kollegin Elfriede Hammerl fragte via "profil" hierzu: "Wie blöd" Werber eigentlich sein dürften. Soweit würde ich nicht gehen. Ich frage mich aber schon, wie repräsentativ solche Klischees sind. Sind Mütter tatsächlich so modernitätsfremd? Mein liebes Mütterlein, die selbst schon Oma ist, nervt längst nicht mehr durch Anrufe. Sie mailt und SMSst geradezu wie ein Teenager. (Nur ohne Rechtschreibfehler).

Wäre ich nicht so eine strunzdumme Mutti, ich überlegte glatt, den Werbemenschen mal eine gepfefferte Email zu schreiben. Oder meine Freunde/Follower auf Facebook und twitter zu mobilisieren.

Social media ist ja neuerdings bei Jungen total out. Dort tummeln sich – eine aktuelle Studie deckt sich mit meinen Erfahrungen – immer mehr Oldies. Die Teenie-Karawane wandert aus Facebook ab und weiter. Mit twitter fangen die sich erst gar nichts an. Die aktivsten mir geläufigen Facebooker sind alle über 30, die meisten gar über 50. Und – da staunt der Werber und der PR-Profi wundere sich - auch manche Mutti ist darunter.

Es soll ja schon so mancher Werbefuzzi unter dem Shitstorm eines wildgwordenen Oldies-Mob in ein Verzweiflungs-Schreikoma gefallen sein. Wundern Sie sich nicht, wenn Sie also demnächst Herrschaften aus dem Fenster hängen sehen, die auf die Straße schreien: "Hilfe, warum kann ich das Internet nicht löschen?". Es sind nur Werber, die analoges Twittern üben.

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