Das Ortnerprinzip von

"Griss Gott", das war einmal

Julia Ortner über Irmgard Griss und die Vergänglichkeit von Publikumslieblingen

Julia Ortner © Bild: News

Frau Griss versteht die Welt nicht mehr. In ihrem Blick irgendetwas zwischen indigniertem Erstaunen und damenhaft verborgener Irritation, antwortet sie Armin Wolf auf seine bohrenden Fragen – man stelle sich vor, er stellt ihr auf einmal richtige Politiker-Fragen, wie irgend so einer Politikerin! Wahlverhalten? FPÖ ja oder nein? Konzept? Irmgard Griss lächelt vergangenen Montag im „ZiB2“-Studio nicht mehr ihr elegantes Sphinx-Lächeln, auf das alle bisher so abgefahren sind. Sie lächelt leicht ungläubig. Eigentlich war sie hier auf ein gepflegtes Gespräch über ihre Kandidatur für das Bundespräsidentenamt eingestellt.

Und das Auskenner-Publikum vor dem Bildschirm und in den sozialen Medien, die üblichen Verdächtigen, spürt eine namenlose Enttäuschung, die gleich in Entrüstung umschlägt: Wahnsinn, was für ein Auftritt, fast so unsouverän wie Stronach, der FPÖ spuckt sie auch nicht gleich ins Gesicht, kein Griss um die Griss mehr, hahaha! Ein klassischer Fall von Liebesentzug der professionellen Beobachter, wie er öfter vorkommt. Der erste große Hype um die ehemalige Präsidentin des Obersten Gerichtshofs, die unbestechliche Vorsitzende der Hypo- Untersuchungskommission, ist vorbei. Wir machen politische Publikumslieblinge, wir vernichten sie, das geht alles sehr flott in diesem kleinen Land.

Und es hat System. Viele Menschen aus der Politik- und Medienszene sind richtig ausgehungert nach neuen politischen Figuren, immer diese Sozialpartner mit ihrem müffelnden Betoncharme. Aber sobald sie eine neue Persönlichkeit, Gruppierung, politische Idee entdeckt haben, gehen die hohen Erwartungen mit ihnen durch. Das war bei Frank Stronach zu Beginn der Politiker-Kurzzeitkarriere so, auch wenn das nicht die reine Liebe war, sondern vor allem ein Spiel um Geld, Inserate und Quoten; das war bei den Neos so, die von manchen so enthusiasmiert im Politikzirkus begrüßt wurden, dass sie fast selbst Gedichte an den verhaltensauffälligen Neos-Chef Matthias Strolz geschrieben hätten; und das ist bei Irmgard Griss so. Das Musical „Jesus Griss Superstar“ spielen sie jetzt nicht mehr.

Die unerfüllten Erwartungen von Medienleuten an Politiker und Politikerinnen sind so groß, dass man die Neuen fast automatisch runterträgt, wenn sie nicht zügig liefern – also sich „politisch naiv“ benehmen oder die „Spielregeln der politischen Kommunikation“ nicht kennen oder, Überraschung, „das System“ halt doch nicht sofort verändern. So ist das Spiel, das mag Frau Griss vielleicht trösten. Sie ist jetzt halt nicht mehr nur die gescheite Expertin, die von außen kommentiert, sie ist mittendrin. Und dämliche Namenswitze wie „Griss Gott“ muss sie wohl auch nicht mehr so oft lesen.

Was meinen Sie? Schreiben Sie mir bitte: ortner.julia@news.at

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