Werner Kogler: "Ich krempel die Ärmel auf, wenn es schwierig wird"

Welche Rolle hat Europa für Sie nach 2020? Halbvoll oder halbleer? Vizekanzler Werner Kogler beantwortet diese und andere Fragen.

von News Nachgefragt 2020 - Werner Kogler: "Ich krempel die Ärmel auf, wenn es schwierig wird" © Bild: APA/GEORG HOCHMUTH

2020 war und ist ein außerordentliches Jahr – die Corona-Pandemie stellt die Gesellschaft vor neue Fragen, Herausforderungen und Probleme. Was können wir von diesem Ausnahme-Jahr lernen und welche Erwartungen haben wir an 2021? News.at fragte bei ehemaligen und aktiven Politikern und Politikerinnen nach.

Den Fragebogen beantwortete Vizekanzler Werner Kogler (Grüne)

2020 war für mich…ein persönlicher Ausnahmenzustand über viele Wochen und wohl die größte Herausforderung, die eine Regierung in den letzten Jahrzehnten erlebt hat. Es war aber auch ein Jahr mit vielen wichtigen Entscheidungen, gleichermaßen mit intensiven wie bestärkenden Begegnungen.

Darauf hätte ich heuer verzichten können…Terroranschläge, die Pandemie, die wirtschaftlichen Folgen daraus und die Sorgen um Arbeitsplätze. Aber so einfach funktioniert das leider nicht. Mein Job ist es nun gemeinsam mit anderen das Land und seine Menschen durch diese unruhigen Zeiten zu führen, so gut das geht. Letztlich kommt es aber auf jeden und jede von uns an. Wir werden in einigen Monaten zurück schauen und sehen, was wir alles geschafft haben, auch wenn es jetzt gerade echt „zach“ ist.

Was haben Sie 2020 gelernt, was Sie vorher noch nicht wussten/konnten? Völlig neue und schwierige Situationen gemeinsam mit meinen Regierungskolleginnen und -kollegen bewerten, über harte Maßnahmen entscheiden, die massiv in das Leben von Menschen eingreifen.. Das permanente Abwägen, wie viel Freiheit ist möglich, um unser soziales und wirtschaftliches Leben am Laufen zu halten, wie viel Einschränkung sind notwendig, um Leben zu schützen.

Welcher Moment hat Sie 2020 besonders berührt? Der Zusammenhalt der Menschen, die in Österreich leben. Vor allem, wie gut wir es gemeinsam durch die erste Welle der Pandemie geschafft haben. Wie Menschen aufeinander schauen, die bisher aneinander vorbei gelebt haben.

Was ist Ihnen wichtig geworden, worauf Sie in den Jahren zuvor deutlich weniger Wert gelegt haben? Noch stärker als vorher die gemeinsame Zeit mit meiner Familie und meinen Freundinnen und Freunden.

Was gibt Ihnen Hoffnung? Gespräche mit vielen Menschen, die auch in schwierigen Zeiten für einander da sind. Das Lachen und die Fröhlichkeit, die ich noch viel intensiver erlebe, weil so viel Bedrückendes gleichzeitig da ist.

Wann haben Sie sich zuletzt ohnmächtig gefühlt?
Dafür ist eigentlich kaum Platz. Die Menschen erwarten von Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern, dass sie auch in den schwierigsten Momenten handeln und Wege aus den Krisen finden. Ich bin auch eher der Typ, der die Ärmel aufkrempelt, wenn es schwierig wird, und anpackt.

Welche Rolle hat Europa für Sie nach 2020? Die EU hat 2020 in der ersten Phase der Pandemie geschwächelt. Da ist viel nationaler Egoismus durchgekommen. Bei der Beschaffung der Impfstoffe hat die Union hervorragend funktioniert. Die Herausforderungen unserer Zeit können wir nur gemeinsam bewältigen – das reicht von der Gesundheitskrise und ihren wirtschaftlichen und sozialen Folgen bis zur größten Krise, der Abwehr einer Klimakatastrophe.

»Gerade in diesem Jahr fange ich mit dem Begriff „stolz auf mich sein“ noch weniger an als sonst«

Was ist Ihnen 2020 nicht geglückt? Leider dasselbe, was mir 2019 während zweier langer Wahlkämpfen nicht gelungen ist: regelmäßig Sport zu betreiben.

Worauf sind Sie stolz, das Sie heuer erlebt/geschafft haben? Gerade in diesem Jahr fange ich mit dem Begriff „stolz auf mich sein“ noch weniger an als sonst. Wir sind alle mit unglaublichen Herausforderungen und Situationen konfrontiert und müssen sie gemeinsam meistern. That’s it. Das kommt vielleicht erst in der Rückschau, hoffentlich.

Was braucht die österreichische Politik 2021? Zusammenhalt und eine positive Vision für unsere Zukunft! Und nicht nur in unserem Land, sondern in Europa und der Welt. Wir können wirkungsvolle Antworten auf die brennendsten Fragen finden, wenn wir gemeinsam unser Bestes geben – da geht es um die Gesundheits-, Wirtschafts- und Sozialfragen. Und dabei den Klimaschutz als große wirtschaftliche Chance zu begreifen und zu nutzen.

Die Person des Jahres ist für mich…Jede einzelne Mensch, der in Österreich lebt und mit Besonnenheit, Solidarität und Einsatz für andere auf die Ereignisse dieses sehr schwierigen Jahres reagiert hat. Im Moment denke ich da vor allem an die vielen Menschen, die täglich auf Intensivstationen unter schwierigsten Bedingungen um Leben kämpfen.

Ihr größter Wunsch für 2021?
Mithilfe eines sicheren Impfstoffes rasch die Covid-Pandemie in den Griff zu bekommen. Dann werden wir uns mit dem Fokus Klimaschutz und Digitalisierung aus der wirtschaftlichen Krise investieren und mit starken österreichischen Unternehmen hunderttausende neue Zukunftsjobs schaffen.

Bei diesem Song kenne ich den Text auswendig…„Imagine“ von John Lennon.

Ihr politisches Vorbild? Nelson Mandela, Barack Obama und aktuell wohl die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern.

Halbvoll oder halbleer? Halbvoll – mit Luft nach oben ;-) ich bin Optimist mit Augenzwinkern.

House Of Cards oder Vorstadtweiber? Champions League.

Was wünschen Sie sich für unsere Gesellschaft? Wirtschaftliche Vernunft, Soziale Verantwortung und ökologische Nachhaltigkeit, damit wir die Erde, die wir von unseren Kindern nur geborgt haben, halbwegs unversehrt weitergeben können.

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