NEWS: Mord im Priesterseminar? Polizei ermittelt seit Oktober vergangenen Jahres

Chronik der mysteriösen Vorgänge in St. Pölten

Mord im Priesterseminar? Am 30. Oktober 2003 wird nahe Wien die Leiche des St. Pöltner Priesterseminaristen Ewald S., 54, angeschwemmt. Über ein halbes Jahr später gibt sein Tod nach wie vor Rätsel auf. Ein Polizeisprecher: "Die gerichtliche Obduktion hat Tod durch Ertrinken ergeben. Das Opfer ist entweder von selbst in die Donau gefallen oder von jemandem hineingestoßen worden ..."

NEWS hat auf Basis kirchlicher und gerichtlicher Untersuchungsberichte erstmals eine Chronik erstellt: Insgesamt ergeben die drei verschiedenen Handlungsstränge ein unfassbares Ganzes.

Todesfall im Priesterseminar
Selbst in die Donau gefallen oder hinein gestoßen - letztere Variante könnte eher stimmig sein. Der Grund ergibt sich aus S.' Vorgeschichte: Der Mühlviertler Bauernsohn ist ein Spätberufener und wird im Oktober 2002 von Regens Ulrich Küchl ins Priesterseminar aufgenommen. Ein hochrangiger niederösterreichischer Kirchenmann: "S. hatte nach unseren Recherchen eine enge Beziehung zu einem anderen Seminaristen." Wie weit diese ging - ist reine Spekulation. Der Mann: "Es darf aber angenommen werden, dass S. Teil des Systems war ..." Doch S. war ein Zerrissener: Im Frühjahr 2003 lernt S. eine 40-jährige Wienerin kennen. Eine "angeregte, aber fatale Beziehung" (Küchl) entwickelt sich. S. gerät von drei Seiten unter Druck: Sowohl "Priesterfreund", Freundin als auch Seminarleitung wollen ihn "bekehren". Und S. will reden und stirbt ...

10. November 2003
Zehn Tage später lässt der EDV-Verantwortliche des Priesterseminars, Johannes H., eine Bombe platzen. Per Aktennotiz vom 10. November 2003 hält dieser fest: "Gemeinsam mit Regens Küchl (...) stellten wir fest, dass auf einem Computer Pornografieseiten abgerufen wurden (...) Küchl meinte, er werde sich der Sache annehmen und die Täter zur Vernunft bringen (...)"

27. November 2003
17 lange Tage passiert rein gar nichts. Erst als 29 Seminaristen am 27. November Küchl schriftlich auffordern, den Fall zu klären, reagiert dieser und erstattet am Tag danach Anzeige bei der Staatsanwaltschaft. Warum erst so spät?

Fakt ist: Der mittlerweile Hauptverdächtige L. gehört zu jenem intimen Kreis von Seminaristen, der intensiv Männerfreundschaften pflegte. Hat dieses Beziehungsgeflecht ihn vor einer vorzeitigen Anzeige gerettet? Eine Frage, die in den nächsten Wochen von den penibel arbeitenden Kriminalisten der Polizeidirektion St. Pölten beantwortet werden wird.

Der verdächtige Computer wird beschlagnahmt und die Daten ausgewertet.

19. März 2004
Nach drei Monaten Recherchen steht das Ergebnis fest: 11.000 Bilder finden die Fahnder am PC. Es sind Bilder von unglaublicher Abartigkeit: Vergewaltigungsszenen mit fünfjährigen Kindern, sexuelle Handlungen mit Tieren und jede Menge homoerotische Szenen ...

Die Verteidigungsstrategie von Krenn, Küchl und Co: "Der Computer war frei zugänglich. Das waren sicher Hacker von außen ..."

Juni 2004
Doch die Fahnder halten sich bei ihren Ermittlungen strikt an die Weisheiten des Evangelisten Lukas und sein Motto "Wer Arges tut, kommt nicht ans Licht, auf dass seine Werke nicht gestraft werden" und werden bei einer weiteren Hausdurchsuchung Ende Juni abermals fündig. Wieder werden Kinderpornos auf einem Privat-PC gefunden. Und: Der Besitzer des PCs hat auch eine Digitalkamera, auf der die Polizei dann jene Fotos findet, deren Veröffentlichung im "profil" die Diözese St. Pölten in die Luft sprengen könnte. Auch brisante homoerotische Bilder von Regens Küchl und Subregens Rothe. Die beiden treten zurück. Der Seminarist L. wird auf freiem Fuß wegen pornografischer Darstellung von Minderjährigen nach Paragraf 207a angezeigt..

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