Menschen von

Ovationen statt übler Nachrede

Heinz Sichrovsky © Bild: NEWS

Ich werde ihn vermissen, und wenn ich der Einzige wäre. Am 26.¬Juni verlässt der Regisseur und Schauspieler Michael Schottenberg das von ihm zehn Jahre lang geleitete Volkstheater, um es in absehbarer Zeit nicht wieder zu betreten. Er hat mit seiner Nachfolgerin weder Regiearbeiten noch Auftritte vereinbart, sein Ensemble ist, mit vier Ausnahmen, gekündigt, keine seiner Produktionen wird in die nächste Saison übernommen. Solch rückstandslose Auslöschung einer Handschrift hat man hier lang nicht erlebt.

Und beinahe konsensual wird im Sinne der österreichischen Nationaldisziplin des hinterhereilenden Ungehorsams angemerkt: Schade wäre es ohnehin nicht, denn Schottenberg habe weder künstlerische Impulse setzen noch sich als öffentliche Figur positionieren können. Ich war dabei und habe es anders erlebt. Wie besessen stürzte er sich vor zehn Jahren ins Getümmel. Er setzte den roten Stern aufs Dach, demolierte das für Führer-Besuche adaptierte denkmalgeschützte „Hitler-Zimmer“, verpflichtete radikale Regisseure wie Hans Kresnik und Nuran David Calis.

Dem Besucherschwund begegnete er mit eigenen, publikumsgängigen Inszenierungen, weshalb ihm alle böse waren: das Feuilleton für den Boulevard, das Gewerkschaftspublikum für die Avantgarde. In einer desolaten Immobilie, mit der etwa gleichen Sitzplatzanzahl, aber einem Viertel der Subvention des Burgtheaters, kämpfte er sich am Ende müde. Aber das Volkstheater lebt, was nicht mehr selbstverständlich ist. Dafür gebühren ihm Ovationen, nicht üble Nachrede.

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