Interview von

"Das Leben ist schön"

Anna Netrebko über die beste Zeit ihres Lebens und die österreichische Steuerlast

Anna Netrebko © Bild: Ruven Afanador

Eine Stimme in Hochform, Triumphe im Beruf, endlich ein harmonisches Privatleben: Anna Netrebko über die beste Zeit ihres Lebens, österreichische Steuerlasten und ihre neue, spektakuläre CD.

Ihre Stimme ist in Bestverfassung, das Rollenfach wird immer spannender, Sie sind offenbar privat glücklich. Wenn ich unterstelle, dass Sie im Augenblick die stärkste Zeit Ihres Lebens haben, würden Sie da zustimmen?
Ja, da haben Sie vielleicht recht. Das Leben ist schön. Ich habe für mich eine Art Gleichgewicht hergestellt, das mich glücklich macht.

Ihre Kollegin Elīna Garanča zieht sich, auch wegen ihrer Kinder, immer mehr auf lukrative Konzerte und Galas zurück. Ist das für Sie keine Option?
Für mich nicht, weil die Oper mein Lebensinhalt ist und bleibt. Aber von Elīna ist das sehr klug. Bei den Konzerten verdiene ich Geld, die Oper finanziert mir gerade noch meine Steuern (lacht). Speziell in Wien singe ich praktisch unentgeltlich, L'art pour l'art sozusagen. Die Steuern und Gebühren in Österreich sind gigantisch, aber es ist ja auch in Ordnung so. Ich lebe sehr gerne in Österreich. Trotzdem sollten wir die Konzerte nicht als bloße Geldmaschine betrachten. Geld verdienen ist gut, aber es ist nicht alles. Aber: Für eine Opernproduktion wird man fast zwei Monate am selben Platz festgehalten. Mit einem gut gewählten Konzertprogramm können Sie um die Welt reisen, in Länder, die Sie sonst nie erreichen würden, zu einem Publikum, das Sie sonst nie hören könnte. Yusif und ich waren gerade für fast einen Monat in Asien. Welch eine Zuwendung und Begeisterung! Nächstes Jahr geben wir Konzerte in Australien und Lateinamerika, wo wir wahrscheinlich nie Oper singen könnten.

Und trotzdem reisen Sie auch von Opernhaus zu Opernhaus. Vermisst Sie Ihr Sohn nicht? Und Sie ihn? Zumal ja Ihr Mann immer mehr mit Ihnen auftritt und nicht mehr so viel bei ihm sein kann.
Ja, manchmal vermissen wir einander. Aber wir versuchen, unser Leben auszubalancieren. Mein Sohn Tiago reist viel, er ist ein großer Reisender. Er geht in New York in die Schule und verbringt da einige Zeit. Aber wenn unsere Abwesenheiten zu lang werden, reist er uns nach. Die zwei Wochen in Salzburg war er überglücklich, umgeben von Liebe und familiärer Atmosphäre. Er ist ein Prachtbub. Derzeit hat er sich auf deutschsprachige Comics spezialisiert. Er liest sie andauernd, auch wenn er nicht alles versteht.

An der Staatsoper singen Sie ja endlich wieder, aber die großen Debüts finden anderswo statt. Ist Wien eigentlich immer noch einer Ihrer Lebensmittelpunkte?
Als Gott sei Dank beschäftigte und erfolgreiche internationale Künstlerin kann man seriöserweise nicht sagen, dass man an einem Ort ständig lebt. Wenn Sie mich fragen: Ja, ich bin in Wien ansässig, hier ist meine Heimatadresse. Die Wohnung ist schön, ich bin gern in Wien, wir sind dort alle glücklich, und ich bin hier, so viel ich kann. Ich fahre beispielsweise zwischen meinen Auftritten in Europa, sooft es geht, nach Hause - nach Wien.

Anna Netrebko
© Ruven Afanador

Sie denken nicht daran, Wien wieder ganz zum Lebensmittelpunkt zu machen, Tiago hier in die Schule zu schicken?
Wien ist unser europäischer Lebensmittelpunkt. Aber es gibt in Wien keine geeignete Schule für Autisten, daher verbringt Tiago einen Teil seiner Zeit in New York.

Ich habe ihn zuletzt mehrmals gesehen. Er sieht fabelhaft aus, man käme gar nicht auf die Idee, dass er Probleme haben könnte.
Nein, er ist toll, es ist keine Rede davon, dass er krank wäre. Autismus ist keine Krankheit, er ist kerngesund. Es ist eine Sache des Bewusstseins. Er muss sich mit speziellen Lehrern langsam entwickeln, damit er irgendwann eine öffentliche Schule besuchen kann. Dafür ist er im Augenblick noch nicht bereit, aber er macht riesige Fortschritte. Wir haben in Wien ein Konzert für die Organisation "All for Autism" gegeben. Das war auch wichtig, um Vorurteilen zu begegnen. Die Menschen glauben, man habe es mit einem mental Beeinträchtigten zu tun. Das ist ganz falsch! Autisten sind sehr klug, man muss ihre Gehirne nur entwickeln. Und ja, ich träume davon, dass er einmal glücklich in Wien in eine Schule geht wie jeder andere auch.

Ist es schwer, mit ihm dieses Schicksal zu tragen?
Nein. Das sage ich ehrlich und aus ganzem Herzen. Am Anfang, als er nicht sprechen wollte und hysterisch wurde, weil er nicht wusste, was mit ihm und um ihn herum passierte, da war es schlimm. Aber jetzt ist er das glücklichste Kind.

»Ich bin Herrin über mein Leben. Das ist das Schöne an diesem Alter.«

Hat das auch mit der harmonischen Familiensituation nach Ihrer Heirat zu tun?
Mit Sicherheit. Stabilität und Liebe sind sehr wichtig.

Nächstes Jahr gibt es endlich wieder ein bedeutendes Rollendebüt von Ihnen in Salzburg: Unter Riccardo Muti werden Sie Ihre erste "Aida" singen. Was hat Sie dazu bewogen, dieses Debüt in Salzburg zu feiern?
In erster Linie Muti. Er ist ein unglaublicher Dirigent, ein fantastischer Musiker. Er weiß fast alles über Musik, und er ist einer der ganz wenigen Dirigenten, die wirklich mit den Sängern arbeiten. Das Resultat ist daher herausragend, und ich freue mich enorm auf die Arbeit.

Werden Sie schon in der Vorbereitungszeit mit ihm die Rolle erarbeiten?
Ich bin sicher, dass er das verlangen wird. Vorläufig sehe ich mir "Aida"-Vorstellungen an und habe die große Arie auch schon mehrfach gesungen. Aber ich habe vor "Aida" ja noch ein anderes Rollendebüt, "Adriana Lecouvreur" von Cilea. Und sofort nach "Aida" kommt "Andrea Chénier" und 2018 die erste "Tosca" an der Met und in München.

Ihr neues Album mit dem Titel "Verismo" signalisiert einen deutlichen Sprung ins dramatische Fach. Kommt daher diese ungeheure Menge an neuen Rollen?
Ach, vor drei Jahren hatte ich sogar sieben Rollendebüts, darunter "Macbeth", "Giovanna d'Arco","Eugen Onegin","Troubadour", "Manon Lescaut" ... Das war ein wahnsinniges Jahr, wahrscheinlich schon zu viel. Es kommt eben, wie es kommt, und es sind ausschließlich meine eigenen Entscheidungen. Wichtige Opernhäuser bieten etwas an, und wir besprechen das gemeinschaftlich, mit meiner Agentin.

Aber Sie werden doch von den Opernhäusern mehr gebraucht als umgekehrt.
Sie brauchen mich, und sie brauchen andere. Wenn es eine bedeutende Neuproduktion gibt, ist es schön und wichtig, dabei zu sein.

Sie sind in Ihrer Position auch gegenüber den Opernhäusern privilegiert, aber viele Ihrer Kollegen klagen über Ausbeutung, frühen Stimmverschleiß und geringe Gagen. Stimmen Sie da zu?
Wir gehören alle zum System dazu und müssen wissen, was wir tun. Es ist wahr, ab einem gewissen Punkt in der Karriere hat man mehr Freiheiten, aber die muss man sich eben auch erarbeiten. Niemand hat es am Anfang leicht.

»In Österreich sind die Steuern gigantisch, aber ich lebe gern hier.«

Sie müssen ja mittlerweile perfekt Deutsch sprechen, so makellos, wie Ihre Elsa im "Lohengrin" war, Ihre erste Wagner-Rolle an der Dresdner Oper.
Bleiben wir lieber doch bei Englisch!

War die Elsa Ihr Schritt ins deutsche Fach, zu den großen Rollen von Wagner und Richard Strauss?
Es gibt einige Rollen, die mir angeboten wurden und die ich mir anschauen werde: bei Strauss zum Beispiel "Ariadne auf Naxos" und "Salome". Aber noch ist nichts entschieden.

"Der Rosenkavalier" wäre nichts?
Den mag ich nicht, tut mir leid.

Hat das womöglich mit der Thematisierung des Älterwerdens einer Frau zu tun?
Das haben Sie gut erfasst. Die Musik ist wunderschön. Aber wenn eine erst dreißigjährige Frau - denn so alt ist die Marschallin im "Rosenkavalier" ungefähr - über das Alter zu lamentieren beginnt, was tut sie dann mit fünfzig? Das ist nicht mein Herangehen an das Leben. Es gibt eben Werke, die einen berühren, und es gibt andere.

Wie wichtig ist heute eigentlich noch das Medium CD? Sie sind ja der Beweis dafür, dass hier noch Nachfrage besteht.
Mir sind meine Aufnahmen sehr wichtig, sie sind Dokumente, die bestehen bleiben. Ich liebe es auch, die Aufnahmen anderer Künstler zu hören. Ich glaube, wir müssen neue Wege entwickeln, die Aufnahmen zu präsentieren und den Menschen nahezubringen. Das ist wichtig, damit es auch in Zukunft noch Aufnahmen geben kann.

Leidet Ihr Mann eigentlich nie an der üblen Nachrede, seine Karriere sei den Opernhäusern und Veranstaltern quasi durch Sie aufgezwungen?
Man kann einem Opernhaus vielleicht einen Künstler aufzwingen - wobei auch das sicher nicht leicht ist. Aber niemand kann das Publikum zu Bravorufen und Standing Ovations nötigen, so wie wir sie gerade in Salzburg erlebt haben. Sicher könnte es am Beginn so aussehen, wie Sie andeuten. Aber ich wusste sofort, als ich ihn kennengelernt hatte, dass er sehr begabt ist und einen guten, dramatischen Tenor hat. Was er braucht, ist Zeit, um sich zu öffnen, und genau das ist in der letzten Zeit geschehen. Er hat sehr, sehr hart an sich gearbeitet.

Er sagt ja auch, Sie wären seine wichtigste Lehrerin.
Das ist lieb von ihm, aber er hat seinen eigenen Lehrer und seinen Korrepetitor, mit denen er hart arbeitet. Sein Erfolg, und der ist Tatsache, ist das Resultat harter Arbeit.

Anna Netrebko
© Ruven Afanador

Die Salzburger "Aida" wird von der bedeutenden iranischen Künstlerin Shirin Neshat inszeniert. Da werden vermutlich die bedrängenden Fragen der Zeit - Verfolgung, Fremdsein, sogar Terrorismus - thematisiert, zumal die Oper im Nahen Osten spielt. Haben Sie selbst eine Antwort auf die Schrecken unserer Zeit? Ist der Menschheitstraum, dass man mit Kunst etwas zum Besseren wenden könnte, nicht längst obsolet? Oder kann die Kunst wenigstens die Angst vermindern, die Welt eine Spur heller machen?
Ich bin kein Regisseur, der solche künstlerischen Statements abgeben könnte. Ich bin auch kein Innovator. Ich bin ausübende Künstlerin, und was ich tun kann, ist eines: den Menschen die Schönheit der Musik zu vermitteln; ihnen klarzumachen, dass man hier Glück und Helligkeit finden kann.

Sie changieren sozusagen zwischen den Welten, zwischen Russland, den USA und dem wankenden Europa. Meinen Sie, dass die Wiederannäherung des Westens an Russland etwas von den bedrängenden Problemen lösen könnte?
Es wäre mein Traum, dass sich alle Völker der Welt untereinander verstehen. In der Oper gibt es das. Meine Kollegen und ich kommen aus allen Ländern der Welt, und wir schaffen gemeinsam etwas Wunderbares.

Glauben Sie, dass die Zeit noch schlimmer wird?
Es ist unheimlich, in dieser Zeit zu leben. Ich fliege durchschnittlich jeden zweiten Tag, manchmal mit meinem Kind, manchmal allein, und ich bin natürlich tief besorgt, weil jederzeit etwas passieren kann. Schon das Morgen ist unsicher geworden. Aber ich war immer Optimistin, auch in schlechten Zeiten. Und das bleibe ich.

Haben Sie selbst denn noch schwere Zeiten?
Sicher, so wie jeder Mensch. Aber ich bin jetzt erwachsen geworden und habe das Leben im Griff, soweit das eben möglich ist. Ich habe es in der Hand, ich weiß, was ich tue, ich bin Herrin über mein Leben. Das war ich vor zehn, zwanzig Jahren noch nicht, und das ist das Schöne an diesem Alter.

Die CD
Anna Netrebkos neues Album mit dem Titel "Verismo" führt aufregend ins dramatische Fach. Höhepunkte sind Arien aus "Tosca","Turandot","Madame Butterfly" und "Manon Lescaut" mit Yusif Eyvazov als Partner. Antonio Pappano ist der Dirigent.

Zur Person
Anna Netrebko wurde 1971 im russischen Krasnodar geboren. Bei den Salzburger Festspielen 2002 wurde sie als Donna Anna in "Don Giovanni" über Nacht zum größten lebenden Opernstar. Heute hat sie im dramatischen Sopranfach keine Konkurrenz mehr. Netrebko ist seit 2006 österreichisch-russische Doppelstaatsbürgerin und hat eine Wohnung in Wien. Sohn Tiago, Jahrgang 2008, entstammt der Verbindung mit dem Bassbariton Erwin Schrott. 2015 heiratete sie den aserbaidschanischen Tenor Yusif Eyvazov.

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