Lars Eidinger:
"Jedermann ist so wie wir"

Noch bevor offiziell bestätigt worden ist, dass Lars Eidinger die Rolle des "Jedermann" bei den Salzburger Festspielen von Tobias Moretti übernehmen würde, hat News den Berliner Schauspieler zum Interview gebeten.

von Salzburger Festspiele - Lars Eidinger:
"Jedermann ist so wie wir" © Bild: APA/Picturedesk

Herr Eidinger, lassen Sie uns mit einer Erinnerung beginnen. Ich vergesse nie Ihren Auftritt in Shakespeares "Maß für Maß" bei den Salzburger Festspielen 2011 mit Gert Voss und Ihre Worte bei seiner Trauerfeier. Vermissen Sie ihn auch so?
Sehr. Ich muss oft an die Trauerveranstaltung im Burgtheater denken. Und es tut mir so leid, dass er meinen Richard III. nicht mehr gesehen hat. Sein Richard war der einzige, den ich je gesehen hatte.

Viele schwören, dass Sie der neue Jedermann sind, zumal Ihnen dieser ausufernde Mensch ja nicht fremd sein dürfte. Würden Sie uns das eventuell bestätigen?
Auf keinen Fall, aber ich habe das schon von mehreren Seiten gehört. Es gibt doch jedes Jahr Gerüchte. Man überlegt, wer die Schauspieler sind, die dafür in Frage kommen. Da taucht dann auch immer wieder mein Name auf, und es ist doch schön, wenn man darüber spekulieren kann. Aber ich habe mich mit dem Stück noch nicht so beschäftigt. Ich habe es erst einmal gesehen, da hat Nicholas Ofczarek den Jedermann gespielt und Birgit Minichmayr die Buhlschaft, im Jahr, als wir "Maß für Maß" gespielt haben. Aber weil Sie "ausufernd" sagen: Das sehe ich gar nicht so. Der Jedermann heißt nicht umsonst Jedermann, in dem Stück geht es um uns. Man sucht ihn in uns allen. Er ist so wie wir. Und damit sind wir schon beim Stück von Ferdinand von Schirach, beim Schlussplädoyer des Anwalts Biegler, der sagt, der Mensch ist ein ambivalentes Wesen. Wir sind alle gut und schlecht.

In der Pandemie schienen die Menschen erst gut und solidarisch, und jetzt drohen sie richtig böse zu werden

Der Mensch ist unverbesserlich, er wird sich in so einer Situation doch nicht als zutiefst gutmütig erweisen! Die menschlichen Abgründe sind immer offenkundig. Es gibt immer wieder solche, die großzügig und warmherzig sind, manche sind das Gegenteil und manche auch in ein und derselben Person. Aber die Umstände sind nicht dafür entscheidend, wie ein Mensch ist. Und dieses "we are in this together" hat mich schon am Beginn irritiert. Ich glaube an so etwas nicht. Dafür ist der Mensch nicht gemacht. .

Elfriede Jelinek sagte einmal, der Mensch sei eine Ratte.
Wobei doch auch diese Tiere sehr ambivalent sind. Die haben nur einen schlechten Ruf, sie sind sehr intelligent und viel überlebensfähiger als wir und hören auf, sich zu vermehren, bevor sie zu viele werden.

Kommen wir auf "Gott", das Stück von Schirach, zurück. Er verhandelt darin die Frage, ob ein Mensch das Recht hat, zu sterben, wann er will. Haben Sie durch die Pandemie einen anderen Blick auf das Stück bekommen?
Als wir gedreht haben, ging man den ersten Hygienemaßnahmen noch teilweise amüsiert nach. Alle haben beim Händewaschen immer "Happy Birthday" gesungen, und Masken gab es damals noch keine, denn es ging gerade erst los. Ich habe aber nicht das Gefühl, dass das Stück jetzt unter anderen Vorzeichen zu sehen ist. Suizid ist nach wie vor tabu. Wenn sich jemand umbringt, wird in der Öffentlichkeit oft gar nicht verhandelt, worum es eigentlich ging. In der Schule haben wir vom "Werther"-Effekt gelernt, Goethes Roman habe Menschen in den Selbstmord getrieben. Man hatte Angst vor Nachahmern. Das fand ich als Kind schon irritierend, es klang so, als müsste man die Menschen schon vor Gedanken an Selbstmord schützen. Wenn aber nun, wie bei Schirach, jemand kerngesund ist und sterben will, dann ist das überhaupt eine Provokation gegen das Leben. Denn was widerspricht dem Leben mehr als der Tod?

Und Ihre eigene Position?
Die große Stärke von Schirachs Stück ist, dass es tatsächlich dieser Problematik in ihrer ganzen Komplexität begegnet. Was Sie von mir jetzt verlangen, nämlich eine Meinung dazu zu haben, vermeidet er. Vielleicht ist es sogar gut, dass das Stück in einer Zeit kommt, wo die Gefahr des Suizids präsenter ist.

Hatten Sie, so wie viele Künstler, wegen der Pandemie schwere wirtschaftliche Ausfälle?
Ehrlich gesagt, hatte ich großes Glück, weil nach wie vor gedreht wird. Als die Theater geschlossen waren, habe ich mit David Schalko eine große Serie, "Ich und die anderen", gedreht. Ich bewundere alle Filmemacher für ihren Mut, in der Zeit das Risiko einzugehen, weil die wenigsten abgesichert sind. Ich weiß, dass sich David Schalko sehr dafür eingesetzt hat, dass es eine Absicherung gibt. Es gibt auch einen Notfallschirm von der Regierung. Aber das ist alles hochgradig riskant. Auch in den vergangenen Wochen konnte ich arbeiten. Ich habe an der Schaubühne zwei Wochen en suite "Peer Gynt" gespielt. Aber jetzt sind die Theater wieder geschlossen.

Als Schauspieler sind Sie ein Extremist, ein Grenzensprenger. Was würden Sie nie auf einer Bühne tun?
Ich sehe mich nicht als Grenzensprenger. Das ist vielleicht meine Außenwirkung. Aber ich will in meinem Ausdruck frei sein, dann bin ich am glaubwürdigsten und am kreativsten. Das aber führt dazu, dass man Grenzen sprengt. Alles andere klingt für mich nach einem vordergründigen Anspruch, das wäre Provokation um der Provokation willen, und diesen Anspruch habe ich gar nicht, im Gegenteil, ich möchte die Leute dazu verführen, mit mir mitzugehen. Denn vordergründige Provokation führt immer zu Distanz, weil man die Leute vor den Kopf stößt. Das Gegenteil ist mein Anspruch.

Auf einen ersten Blick könnte man einige Ihrer Fotos in Ihrem Bildband "Autistic Disco" als Provokation betrachten. Was meinen Sie mit einem in Plastik verhüllten Kruzifix? Was sehen Sie in diesem Bild? Dass Jesus in eine Abstellkammer verbannt wurde. Mit einer Mohammed-Figur wäre das riskanter.
Sehen Sie. Diese Bilder erzählen mehr über den Betrachter als über mich, der es gemacht hat. Diese Bilder sollen einen mit der eigenen Sicht konfrontieren, ich bewerte sie ja nicht. Ich schreibe keinen Kommentar, diese Fotos sind nicht inszeniert. Ich zeige etwas, das da ist, mache es sichtbar. Was das bei einem auslöst, ist jedem selbst überlassen. Diesen Bildern wird oft Zynismus unterstellt, das finde ich ziemlich entlarvend, aber das sehe ich nicht so. Ich finde die Bilder weder lustig, noch will ich in eine ironische Distanz gehen, noch möchte ich zynisch sein. Nichts liegt mir ferner.

Der Titel des Buches könnte von vielen Anhängern einer neuen Korrektheitsdebatte als provokant empfunden werden, nicht?

Manche meinen, ich würde mich durch diese Begrifflichkeit über Autisten lustig machen, aber ich finde das nicht lustig, das ist alles andere als lustig. Das Gegenteil. Es ist alles da, man muss es nur sehen, auch was der Betrachter nicht zu sehen bekommt. Die Bilder sollen im Grunde entlarvend sein, sie sollen desillusionieren. Im Brecht'schen Sinne soll gezeigt werden, dass die Illusion den Zuschauer immer auch ein Stück für blöd verkauft und dass ihn Desillusionieren ernst nimmt. Das Erleben wird durch die Desillusionierung komplexer, tiefgründiger und sinnlicher, während es relativ dumpf ist, auf die Illusion reinzufallen. Das ist auch ein Grund, warum das Buch "Autistic Disco" heißt, weil Pop eine Kunstform ist, die die Oberfläche kultiviert und alles, was darunter ist, negiert, Es macht uns an eine perfekte Welt glauben, die nicht existiert.

Im Theater verbreitet sich immer mehr eine gewisse Zwangskorrektheit. Man darf etwa keinen schwarz geschminkten Othello mehr zeigen. Was sagen Sie dazu?
Ich glaube, es ist richtig, dass es diese Regeln gibt. In einem Raum, in dem alles erlaubt ist, hätte man es als Künstler schwer. Es geht immer auch darum, Konventionen zu brechen. Wenn es diese Konventionen nicht gibt, wenn alles möglich ist, dann gibt es vielleicht gar keinen Anlass mehr für die Kunst. Was jedoch Blackfacing angeht, finde ich es richtig, dass man sagt, Weiße sollen sich nicht anmalen und Schwarze spielen.

Heißt das, dass Sie Othello nicht spielen würden?
Doch, aber ich würde mich nicht schwarz anmalen.

Wie sehen Sie die #Metoo-Debatte?
Darüber könnte man ein ganzes Interview führen, aber für ein Statement ist dieses Thema zu groß, und damit sind wir auch wieder bei Schirach. In diesem Stück widme ich mich fast zwei Stunden einem Thema, und das heißt "Sterbehilfe". Würde ich etwas in einem Interview dazu sagen, blieben davon wahrscheinlich drei Zeilen, und die wären dann repräsentativ für meine Sicht auf diese Dinge. Aber das funktioniert so nicht, auch nicht bei #Metoo. Man muss diesen Themen den Raum geben, den sie verdienen, sonst ist es immer ungenügend.

Lassen Sie uns trotzdem über ein großes Thema sprechen. Wir wurden hier in Wien, als die Corona-Zahlen nach oben schnellten, auch noch von einem Terrorakt heimgesucht. Wie sehen Sie die Abwärtsspirale, in der sich unsere Wohlfahrtsgesellschaft jetzt befindet?
Ich fand es interessant, wie die Österreicher damit umgegangen sind. Da gibt es dieses Video: Während der Täter durch die Straßen läuft und schießt, ruft jemand aus dem Fenster: "Schleich di, du Oaschloch." Das zeigt, der Täter hat es gar nicht verdient, dass man seinen Namen kennt. Er will die Gesellschaft entzweien, er will Aufmerksamkeit, aber die gibt man ihm nicht, bei allem Respekt den Opfern gegenüber. Es ist doch kurios, dass man die Namen der Opfer nicht kennt, nur die der Täter. Es leuchtet mir total ein, diesen Täter nur Arschloch zu nennen. Das spricht sehr für die Österreicher.

Können Sie uns in dieser düsteren Zeit sonst etwas Trost geben?
Sie malen doch alles so schwarz. Ich würde das gar nicht so sehen. Das Interessante an einer Pandemie ist, dass dabei etwas an die Oberfläche gespült wird, das es sowieso gibt. Wir müssen ja nicht so tun, als hätten wir jahrelang im Einklang mit der Natur gelebt und plötzlich passiert so etwas. Es ist eigentlich nur die Quittung für unsere Lebensweise, der wir jahrelang gefrönt haben. Diese alte Normalität war nicht normal. Die sollten wir in Frage stellen. Wir sollten das als Chance sehen. Um aus "Hamlet" zu zitieren: "Something is rotten" ("Da ist was faul"). Das zeigt sich jetzt und dem müssen wir uns stellen.

Und was ist mit der Schließung der Bühnen? Niemand ist nachweislich in einem Theater infiziert worden. Ist es wirklich notwendig, alles zuzusperren?
Man muss einmal sagen, dass die Theater sehr viel getan haben, dass der Betrieb möglich ist. Sie haben den Lockdown dazu genützt, Belüftungsanlagen einzubauen, die Menschen tragen Masken, sitzen auf Abstand. Erwiesenermaßen sind Theater nicht die Ansteckungsherde, aber ich kann trotzdem verstehen, dass die Regierung sagt, dass wir reagieren müssen, sonst gerät die Situation außer Kontrolle. Natürlich werden da viele auf der Strecke bleiben und wir werden darum Sorge tragen müssen, dass die Leute danach wiederkommen. Aber es gibt kaum jemand, der einsieht, dass er zu Hause bleiben muss und dass er eine Maske trägt. Alle tun sich damit schwer.

Viele Theater streamen ihre Produktionen aus dem Archiv. Kann das ein Ersatz für das Erlebnis im Zuschauerraum sein?
Was mich am Theater am meisten interessiert, ist die Unmittelbarkeit, dass man die Möglichkeit hat, direkt aufs Publikum eingehen zu können. Aber diese Unmittelbarkeit ist jetzt bedroht. Beim Film sagt man, eine Szene ist gestorben, wenn sie fertig gedreht ist. Das hat etwas Morbides. Theater zelebriert die Vergänglichkeit, weil es loslässt und nicht festhalten will, wie der Film. Und das Besondere am Theater ist doch, dass pro Abend nur ein überschaubarer Kreis von Leuten eine Vorstellung zu sehen bekommt, die für den Moment einzigartig ist und nicht wiederholbar. Das ist sehr exklusiv und auch eine Art Mythos: Alle wollten Karten und kaum jemand kam rein. Jetzt haben viele vieles schon im Internet gesehen. Das finde ich schade. Und überhaupt dieses Festhalten. Vorstellungen aufzunehmen, halte ich für falsch. Man will loslassen, wie in der Musik, da will man auch jeden einzelnen Ton loslassen, und in diesem Loslassen liegt die Schönheit. Ich finde es auch attraktiver, einen Strauß Blumen zu schenken als eine Topfpflanze, denn der Blumenstrauß ist schon Vergangenheit, und das erzählt mehr vom Leben als die Topfpflanze, die so tut, als würde sie ewig weiterleben können.

Das Interview ist ursprünglich in der Printausgabe von News (46/2020) erschienen - zu einem Zeitpunkt, als noch nicht feststand, dass Eidinger der neue Jedermann wird.