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Die Beilage als Hauptspeise

Wolfgang Kralicek über die Schwierigkeit, am Wochenende eine Tageszeitung zu lesen

Wolfgang Kralicek © Bild: NEWS

Wer heutzutage am Wochenende eine Tageszeitung lesen will, hat ein Problem: Es gibt kaum noch welche. Dass am Samstag und Sonntag genauso viele Titel wie immer am Markt sind, ist trügerisch. Denn besonders die Qualitätsblätter versuchen am Wochenende gern zu verschleiern, dass sie Tageszeitungen sind. Für Aktuelles – etwa Matchberichte aus den Fußballstadien oder Rezensionen von Theaterpremieren – ist kaum noch Platz. Viel wichtiger sind die sogenannten „Lesegeschichten“. Mit diesem Pleonasmus – oder gibt es Geschichten, die nicht zum Lesen gedacht sind? – werden Texte bezeichnet, die zwar weniger aktuell, dafür aber umfangreicher, aufwendiger recherchiert und liebevoller geschrieben sind als herkömmliche Zeitungsartikel.

Früher gab es für solche Texte Wochenendbeilagen. Jetzt ist die Beilage zur Hauptspeise geworden. Der „Standard“ etwa eröffnet seine Samstagausgabe mit einer langen Strecke längerer Texte zu verschiedenen Themen der Woche; manchmal, in den sogenannten „Schwerpunktausgaben“, steht sogar die ganze Zeitung unter einem thematischen Generalmotto. Was da nicht dazupasst, hat eben Pech gehabt. In der „Presse am Sonntag“ wiederum finden aktuelle Nachrichten grundsätzlich nur in Randnotizen statt.

Am Wochenende gehen nicht nur junge Menschen, sondern auch gesetzte Qualitätszeitungen auf Aufriss. Sie machen sich chic und tun so, als wären sie eigentlich etwas ganz anderes, ein Wochenmagazin zum Beispiel, oder ein richtig großes Weltblatt.

Dass sie nicht so gut aussehen wie ein Magazin und ihnen die Ressourcen eines Weltblatts fehlen, wird mit viel Make-up und Chuzpe überspielt. Aber spätestens am Montag in der Früh erkennen die Leserinnen und Leser, dass sie mit einer Tageszeitung im Bett waren.

Was meinen Sie? Schreiben Sie mir bitte: kralicek.wolfgang@news.at

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