Weltreise von

Ein saudischer Sommer

Hitze und Heuchelei: Warum kein westlicher Staatschef Saudi-Arabien kritisiert

Christoph Lehermayr © Bild: Ian Ehn

Waren Sie diesen Sommer schon auf Urlaub? Falls nicht, der Strand von La Mirandole an der französischen Côte d’Azur wäre wieder frei. Zuletzt waren dort der saudische König Salman und dessen 1.000-köpfige Entourage zugegen. Doch schon nach einer Woche reisten sie vorzeitig ab. Erbost darüber, dass die örtliche Bevölkerung fleißig Unterschriften gegen den absolutistischen Herrscher sammelte. Der hatte sich zuvor illegal einen Lift vom Anwesen direkt zum Strand bauen und die ganze Bucht weiträumig absperren lassen. Ein Tabubruch in Frankreich, wo Strände Allgemeingut sind.

Eine kleine Sommerepisode. So weit, so belanglos, möchte man sagen. Wäre sie nicht auch Ausdruck wachsender Ablehnung gegenüber dem Handeln des saudischen Herrscherhauses.

Dessen Hang, Straftäter köpfen zu lassen, führte hierzulande, Sie erinnern sich, nur zu kurzweiliger Empörung. Und das auch bloß, weil sich Ex-Justizministerin Claudia Bandion-Ortner bemüßigt gefühlt hatte, zu betonen, dass Auspeitschen und Köpfen eh „nicht jeden Freitag“ stattfinde. Diesen Montag kam es zu Enthauptung Nummer 110 für heuer – und damit sind es bereits mehr als doppelt so viele wie im gesamten Vorjahr. Reaktion der sonst gern zur Besorgnis neigenden Weltöffentlichkeit? Null. Gleiches gilt für den Blogger Raif Badawi, dem immer noch 1.000 Peitschenhiebe für regimekritische Äußerungen drohen. Menschenrechtsaktivisten halten die Erinnerung an ihn hoch und stehen damit allein da. Kein einziger westlicher Staatschef wagte es bei den häufigen Visiten im Wüstenreich, deswegen die saudische Führung zu kritisieren. Kritik spart man sich lieber für jene Länder auf, die einen nicht mit Öl beliefern und mit den daraus resultierenden Milliarden Firmen aufkaufen. Insofern verwundert es kaum, dass der Krieg, den die Saudis seit Monaten im Nachbarland Jemen führen, fast außerhalb der öffentlichen Wahrnehmung abläuft. Vergangene Woche wurden dort bei einem Luftangriff auf ein Wohngebäude wieder 65 Zivilisten, darunter zehn Kinder, getötet. Ein Kriegsverbrechen, wie die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch festhält. Reaktion der saudischen Verbündeten, darunter die USA und Großbritannien? Null.

Der Krieg im Jemen geht weiter. Ebenso wie in Syrien, wo die Saudis seit Beginn die Gegner Assads unterstützen. Dass die Kriege Millionen von Menschen zu Flüchtlingen machen, tangiert sie hingegen nicht. Während ärmere Nachbarländer wie Jordanien und der Libanon, aber zunehmend auch Europa, an die Grenzen ihrer Aufnahmefähigkeit gelangen, hat Saudi-Arabien seinen Weg gefunden, mit der Flüchtlingsmisere umzugehen. Die Zahl der bisher Aufgenommenen? Null.

Was meinen Sie? Schreiben Sie mir bitte: lehermayr.christoph@news.at

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