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Mittendrin im Mitgefühl

TV-Voyeurismus zwischen "Liebesg’schichten und Heiratssachen" und Dschungelcamp

Veronika Dolna © Bild: News

Was wäre ein Sommer ohne Pantscherl? Zum 19. Mal sucht Elizabeth T. Spira heuer nach „Liebesg’schichten und Heiratssachen“ für ihre einsamen Kandidaten, und Österreich schaut begeistert zu. Der vordergründige, nicht sehr noble Grund für den Eifer ist, dass wir es mögen, anderen Menschen beim Scheitern zuzusehen. Genau das tun wir, wenn Pensionistin Sissy vor Spiras Kamera an ihrem zu kurzen Kleid zupft. Wenn ATV für schwer vermittelbare Bauern Frauen sucht. Oder wenn RTL mäßig Prominente grauslichen Mutproben aussetzt. Das Sommer-Dschungelcamp treibt den Voyeurismus zurzeit auf einen Höhepunkt. Hier können wir bereits Gescheiterten beim nochmaligen Scheitern zuschauen.

Wenn sich das Feuilleton nun im Sommerloch über Sommerloch-Unterhaltung als „Jahrmarkt der Peinlichkeiten“ empört (© „Frankfurter Allgemeine Zeitung“), muss man gegenhalten: Es ist nur folgerichtig, dass kommerzielle Sender ausreizen, was öffentlich-rechtliche seit Jahren erfolgreich vormachen. Zudem gibt es starke Argumente für TVVoyeurismus. Die Quote ist das eine. Das andere, das edlere, ist Empathie.

Dass wir die nämlich verlernt hätten, diagnostizieren Psychoanalytiker und Soziologen gerne als Grundproblem unserer Zivilisation. Wenn wir uns aber mit den Dschungelkandidaten fürchten, die Einsamkeit der ATV-Bauern nachspüren oder sich beim Betrachten des einsamen Energetikers Harry ein spontaner Hilfsimpuls meldet, sind wir plötzlich mittendrin im Mitgefühl. Wenn Menschen vor Elizabeth T. Spira, Arabella Kiesbauer oder Sonja Zietlow ihre Masken absetzen, sich verletzlich, fehlerhaft, ängstlich präsentieren, fördert das zwar die Schadenfreude – aber auch die Empathie. Ein radikaler Schluss? Vielleicht. Aber auch irgendwie ein zärtlicher. Wie jede gute Sommerliebelei.

Was meinen Sie? Schreiben Sie mir bitte: dolna.veronika@news.at

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