Fakten von

Der echte Wiener

Das Ortnerprinzip: Julia Ortner über Richard Lugner

Julia Ortner © Bild: News/Ian Ehm

Herr Lugner schreit. Wenn er bestimmt sein will, wenn er mit anderen Leuten diskutiert, wenn er sich mit seiner Frau unterhält, egal, er plärrt so, als wäre die Welt um ihn herum taub. Und Frau Lugner schreit auch. Zum Beispiel im ersten Bundespräsidentschafts-Übungsvideo des Gatten, sie, Cathy Lugner, sei die Vertreterin der Generation Y! Da macht man sich gleich noch mehr Sorgen um diese Generation Y.

Die Lugners sind laute, geschmacklich herausgeforderte Leute. Richard Lugner, der emsige Geschäftsmann, wilde Gesellschaftstiger und beste Autoverkäufer seiner selbst, hat aber etwas an sich, das viele andere Menschen in der Öffentlichkeit vermissen lassen: Authentizität. In der Peinlichkeit, in der Unbeholfenheit, im Furor, Richard Lugner ist authentisch. Manchmal ist er so echt, dass es beim Zusehen fast ein wenig wehtut. Ein echter Wiener, der einfach nicht untergehen will, ein Edmund Sackbauer, nur auf dem Niveau eines Einkaufszentrumbesitzers.

Wollen und Wirklichkeit sind beim Politiker Richard Lugner so weit voneinander entfernt, man könnte fast elegisch werden, wenn er nicht so laut schreien würde in seinem Wunsch, gehört zu werden.

Doch ein Lugner bleibt unverdrossen bei sich. Wenn er zum Beispiel vergangene Woche mit den anderen Klein-Kandidaten in der Puls-4-Diskussionssendung "Pro und Contra“ sitzt und den konservativen Selfmade-Man gibt. "Ameisenrunde“ nennt der Sender die launige Show gemeinerweise, die Gäste wollen sich dann unangenehmerweise nicht als "Ameisenrunde“ bezeichnen lassen, und Frau Lugner darf in der ersten Zuschauerreihe ein paar halbpolitische Fragen eher unpolitisch beantworten - that’s Entertainment, das Kerngeschäft der Lugners.

Lugner ist authentisch, wenn er in seinem ersten Wahlvideo mit leicht angestrengtem Blick, eingezwängt zwischen Fahnen und himmelblauer Tischdecke, am unteren Rand der Kamera seine Texte abliest. Er ist authentisch, wenn er seine Aufsteigergeschichte erzählt, aber dabei immer wie ein Kleinbürger in der Welt des Blingbling-Geschmacks wirkt. Er ist authentisch, wenn er sagt, was vor allem für ihn als Bundespräsidentschafts-Kandidat spricht: "Mörtel kennt jedes Kind.“

Damals, 1998, ist der Politiker ohne Programm bei seiner ersten Bundespräsidentenwahl auf zehn Prozent der Stimmen gekommen. Ein Wert, von dem er 2016 bei politisch ernstzunehmender unabhängiger Konkurrenz wie Irmgard Griss wohl nur mehr träumen kann.

"Ich bin der Kasperl, und der Kasperl gewinnt immer“, sagt Lugner. Sein Wollen und seine Wirklichkeit waren noch nie so weit voneinander entfernt.

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