Fakten von

Gar nicht geil

Dass die Bildungsreform auf sich warten lässt, ist ein Verbrechen an der Zukunft

Eva Weissenberger © Bild: News/Ian Ehm

Es ist zum Verzweifeln. Vor drei Monaten klatschten die rote Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek und der schwarze Staatssekretär Harald Mahrer ab. Gimme five! Juhu, wir haben uns geeinigt! Endlich eine neue Schule, vom Kindergarten bis zur Matura wird alles reformiert. „Fast geil“ nannte das Mahrer euphorisch, Heinisch-Hosek träumte von einer „neuen Zeit“.
Die Freude dürfte ihnen mittlerweile vergangen sein. Die für die Reform notwendigen Gesetzesänderungen sind noch nicht auf dem Weg; Grüne oder FPÖ (eine der beiden Parteien muss zustimmen) sind noch nicht im Boot; die Klub- und Parteisekretäre, vor allem aber die Landeshauptmänner haben wieder das Kommando übernommen. Und das lautet offenbar: retour. SPÖ und ÖVP streiten wieder darum, ob jetzt der Bund oder die Länder die Lehrer verwalten und wie groß welche Schulversuchsregion sein darf und – worüber auch immer.
Als hätten wir es nicht schon gewusst, erreichte uns nun wieder einmal ein schrecklicher Befund. Beim letzten Pisa-Test 2012 war jeder fünfte damals 15-Jährige schlecht in Lesen, nach ganzen neun Jahren Schulpflicht. Den Grund für dieses Desaster sehen die Experten, die internationale Bildungs-Vergleichsstudien anstellen, darin, dass Österreich – Überraschung! – immer wieder gute Reformansätze hätte, diese aber leider nicht konsequent durchziehe.
Dass die Koalition übernächste Woche keine Pensionsreform vorstellen wird, die diesen Namen verdient – geschenkt. Das kann man sich angesichts ihrer Kandidaten für die Bundespräsidentschaft, ein scheidender Sozialminister und ein langjähriger Pensionisten-Lobbyist, und angesichts der Tatsache, dass bei Hofburg-Wahlen die Stimmen der Senioren noch entscheidender sind, leider nicht erwarten. In Österreich halt. Dass aber eine angeblich fixfertige, fast geile Bildungsrevolution nicht kommt, das muss man nicht verstehen. Besser gesagt: Für diese Fahrlässigkeit, nein, für dieses Verbrechen an der Zukunft unseres Landes darf man kein Verständnis aufbringen. Auch Großeltern wollen, dass ihre Enkel in die bestmögliche Schule gehen. Was zu tun wäre, darüber sind sich alle konstruktiven Kräfte der Republik seit Jahren einig. Nur machen muss man es.
Bildung ist der Schlüssel zur Integration der vielen Flüchtlinge, die zu versuchen uns nicht erspart bleiben wird. Bildungspolitik kann daher nicht nur Aufgabe der Bundesregierung sein. Die Deutschlehrer an den Schulen sind gar nicht dafür ausgebildet, Deutsch als Fremdsprache zu unterrichten, das ist ein eigenes Fach. Die ganze Gesellschaft ist gefordert, vor allem die Medien, im Speziellen die öffentlich-rechtlichen.

Ferry Maier, langjähriger ÖVP-Abgeordneter, der heute den Flüchtlingskoordinator Christian Konrad unterstützt, machte einen bestechenden Vorschlag: Der ORF sollte auf allen seinen Kanälen Deutschkurse anbieten, für Kinder und Erwachsene, für alle Lernstufen. Früher gab es ja auch das sogenannte Schulfernsehen. Sie erinnern sich? „Follow me“; Französisch mit Bernadette Schneider; Russisch mit Lisa Schüller: „Dobry den. Guten Tag.“ Sonst heißt es für unsere Zukunft: „Spokojnoi notschi. Gute Nacht.“ Das wäre fast gar nicht geil.

Was meinen Sie? Schreiben Sie mir bitte: weissenberger.eva@news.at

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