Fakten von

American Angst

Weltreise: Christoph Lehermayr über die Vorwahlen in den USA

Christoph Lehermayr © Bild: Ian Ehn

Es war letzten Sommer und Amerika hatte nur eine Sorge: Clinton oder Bush? Dass eine der beiden dynastischen Familien der US-Politik Obamas Nachfolge antreten würde, galt als gewiss. Dann kam die Wirklichkeit und mit ihr Donald Trump. Zu viel wurde seither über seine Frisur geschrieben, zu wenig über den Hass, dem er zur Geltung verhalf. Niedrigste Instinkte, unzusammenhängendes Gebrabbel und Einschaltquoten, die mit jedem Tabubruch weiter stiegen. Trump spielte perfekt auf der Klaviatur der United States of Entertainment. Bald bekam er so viel Sendezeit wie alle anderen Kandidaten zusammen. Er weidete sich an den Wunden eines Amerikas im Abstieg, ohne nach Lösungen gefragt zu werden.

Nun ist Winter und alles ist anders. Jeb Bush hat mit 90 Millionen Dollar zwar so viel wie kein anderer Republikaner an Spenden eingesammelt. Gebracht hat es ihm aber nichts, unterbot er bei der ersten Vorwahl im Scheunenstaat Iowa mit 2,8 Prozent doch gar die niedrigsten Erwartungen. Bei den Demokraten lief es für Hillary Clinton auch nur im Vergleich besser: 2008 verlor sie in Iowa noch respektvoll gegen die Euphorie, die ein Obama entfachte. Und nun liegt sie klägliche 0,2 Prozent vor Bernie Sanders, einem 74-Jährigen von überschaubarem Charisma, einem Sozialisten - was in Amerika als Schimpfwort gilt -, der der großen Clinton die Grenzen aufzeigt und zum Star der Jungen avanciert?

Auch Trump, das Großmaul, erntet Häme. Wer den Amerikanern verspricht, dass sie seiner Siege noch müde würden, darf nicht gleich beim ersten Antreten verlieren. Bei einem wie ihm, der auf dicke Hose macht, gerät selbst die Sensation, dass ein Kandidat ohne Programm und einen einzigen zusammenhängenden Gedanken ein Viertel der Stimmen holt, zur Niederlage. Dass er nun noch dem Gewinner Betrug vorwirft und weinerlich eine Neuaustragung fordert, gibt einen Vorgeschmack auf das, was folgt.

Clinton, das ist klar, wird am Ende dennoch das demokratische Ticket in der Tasche haben. Doch alles an ihr wirkt aufgesetzt, angeübt, übertrainiert. Die Menschen spüren das. Es macht das Rennen um die Präsidentschaft für sie nicht einfacher. Drüben, bei den Republikanern, wird der Erste von Iowa, der radikal-klerikale Ted Cruz, kaum mehrheitsfähig sein. Nachdem Bush verglüht ist, setzen die Parteigranden nun auf Marco Rubio, den Dritten von Iowa. Dass einer, der der Tea Party entstammt und ein neokonservativer Falke ist, nun als Darling der Eliten und Versöhner gilt, ist vielsagend genug.

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