Economy Class von

Neun Jahre nach Lehman:
Falsche Blase

Stefan Melichar © Bild: News/Ian Ehm

Es waren dramatische Worte, die Helmut Ettl, Direktor der Finanzmarktaufsicht, im ORF-Radio gewählt hat: "Diese Kryptowährungen gewinnen an Wert, aber dahinter steht keine Kontrolle, dahinter steht keine Aufsicht", sagte Ettl. Dahinter stehe ein Versprechen, und es könne sein, dass dieses Versprechen nicht eingelöst werde. "Und dann kann das Ganze massiv an Wert verlieren." Ettl blickte ins Holland des 17. Jahrhunderts zurück und holte das ultimative Beispiel aller Finanzkrisenhistoriker hervor: die fatale Spekulation auf die Wertsteigerung von Tulpenzwiebeln. "Der Preis steigt weiter und weiter, und am Ende des Tages platzt die Blase, und viele Menschen haben viel Geld verloren."

Ettl hat recht. Das kann bei Kryptowährungen à la Bitcoin durchaus passieren. Was argumentativ ein wenig auf tönernen Füßen steht, ist allerdings die Annahme, dass es nur deshalb passieren kann, weil dahinter "keine Aufsicht" steht. Es ist -umgekehrt betrachtet - nämlich gar nicht so, dass alles, was unter das offi zielle Aufsichtssystem fällt, sicher wäre. Und um das zu erkennen, muss man nicht 380 Jahre zurückblicken, sondern -fast auf den Tag genau -neun Jahre. Damals ging die Investmentbank Lehman Brothers pleite und löste eine Schockwelle aus, die bis heute nachwirkt. Dem Geldhaus wurden Wertpapiere zum Verhängnis, die den Aufsichtsbehörden bekannt waren. Das änderte nichts daran, dass -in der Stunde der Wahrheit - diese Papiere auf einmal weniger wert waren als eine Tulpenzwiebel in Amsterdam.

Und gerade in Österreich hat sich über Jahre unter den Augen der Aufsichtsbehörden ein Produkt bestens etabliert, angesichts dessen Risikos -und vor allem dessen Verbreitung -Kryptowährungen vor Neid erblassen müssten: der Fremdwährungskredit für Häuslbauer.

Grundsätzlich liegt Ettl richtig: Aufsichtsbehörden müssen auf drohende Spekulationsblasen hinweisen. Weder Staaten noch Notenbanken sind gerüstet, um ein zweites Lehman einigermaßen glimpflich abfedern zu können. Die Lehman-Krise wurde allerdings nicht von Behörden vorhergesehen, sondern von ein, zwei Hedgefondsmanagern, die auf den Marktzusammenbruch spekuliert und viel Geld verdient haben. Die Bitcoin-Warner haben die falsche Blase im Visier. Ein Zusammenbruch würde maximal jenen zwielichtigen Teil der Weltwirtschaft ins Wanken bringen, der im sogenannten Darknet angesiedelt ist. Die nächste echte Blase platzt dort, wo sie es nicht erwarten. Regierungen und Zentralbanken sollten vorbereitet sein.