Neujahrskonzert ohne Radetzky-Marsch?

Zum sechsten Mal dirigiert Riccardo Muti das Neujahrskonzert. Zum ersten Mal aber ohne Publikum. Im Gespräch mit News spricht er über das musikalische Großereignis, junge Dirigenten und die bedrückenden Zeiten.

von Bedrückende Zeiten - Neujahrskonzert ohne Radetzky-Marsch? © Bild: APA/HANS PUNZ

Mit Mozarts "Così fan tutte" hätte Riccardo Muti im Juni an die Wiener Staatsoper zurückkehren sollen. Hätte: Das Wort steht für so vieles, das die Pandemie in diesem Jahr ausgelöscht hat. Dem Neujahrskonzert aber konnte sie nichts anhaben. Bereits im Sommer ließen die Philharmoniker wissen: Das Neujahrskonzert werde es geben, auch ohne Publikum. Was vor Monaten, nachdem der Spielbetrieb wieder aufgenommen wurde, niemand für möglich halten wollte, ist jetzt wahr geworden: Der Goldene Saal im Wiener Musikverein bleibt leer. Aber das Ereignis wird von Fernsehstationen in die Welt übertragen. Es ist das sechste für Riccardo Muti, der damit den Auftakt für sein 50. Jahr mit den Wiener Philharmonikern gibt. News erreichte ihn in seinem Haus in Ravenna.

Riccardo Muti wurde am 28. Juli 1941 in Neapel geboren. Als 28-Jähriger übernahm er das renommierte Festival Maggio Musicale in Florenz. 1971 holte ihn Herbert von Karajan zu den Salzburger Festspielen. Von 1986 bis 2005 war er Musikdirektor an der Mailänder Scala. 2010 übernahm er das Chicago Symphony Orchestra. Bei den Wiener Philharmonikern gastiert er regelmäßig seit 50 Jahren. Muti lebt mit seiner Frau Cristina Mazzavillani in Ravenna. Das Paar hat drei erwachsene Kinder.

Maestro, Sie dirigieren nun Ihr sechstes Neujahrskonzert. Nach diesem schrecklichen Jahr findet das auch noch ohne Publikum statt. Was empfinden Sie dabei?
Was mir fehlt, ist die normale Arbeit, nämlich ein Konzert für das Publikum vorzubereiten. Denn unsere Arbeit ist kein Beruf, sondern eine Mission, eine kulturelle und spirituelle. Wir machen Kunst und Musik für ein Publikum. Das ist Teil unserer Kultur, und die Musik ist das Wichtigste, denn sie macht unsere Gesellschaft zu einer besseren. Es gibt diesen Satz des heiligen Augustinus: "Cantare amantis est." Das heißt, wenn wir musizieren, tun wir einen Liebesdienst. Aber ohne Publikum ist das eine seltsame Angelegenheit, das macht unsere Arbeit sinnlos, denn die machen wir für andere und nicht für uns selbst. Wahrscheinlich müssen wir uns vor Augen halten, dass wir für die ganze Welt spielen, der wir Freude und Hoffnung bringen. Für den Jahresbeginn ist die Musik von Strauß, von Suppè und von den anderen Komponisten ideal, sie ist voller Fröhlichkeit, aber auch voller Sehnsucht und Melancholie, sie ist auch mitreißend, voller Feuer, da braucht es die Reaktion eines Livepublikums. Schwer zu sagen, wie das im leeren Saal sein wird.

Der Applaus soll live in den Saal eingespielt werden. Das Fernsehpublikum und die User von Streamingkanälen können sich auf einer Internetseite registrieren. Ihr Klatschen wird übers Internet in den Saal übertragen. Wäre das ein Ersatz fürs Livepublikum?
Das wäre eine ganz neue Erfahrung für mich. Aber auch schon durch ein kleines Publikum im Saal würde sich eine ganz andere Atmosphäre ergeben, egal, ob es 1.000,100 oder nur ganz wenige sind.

Beim Radetzky-Marsch klatschen die Besucher immer mit. Man mag das lästig finden, für die meisten aber ist das Tradition. Wie wird das ohne Publikum?
Es gab schon Überlegungen, dass die Philharmoniker selber klatschen. Der Radetzky- Marsch ist natürlich ein militärisches Stück, für manche ist es aber auch ein Ausdruck der Freude. Man wird sehen. Wenn sich die Lage durch das Virus verschlimmert, wird man vielleicht sogar das Programm ändern. Man hat auch schon darüber diskutiert, den Radetzky- Marsch ganz zu streichen und mit dem Donauwalzer aufzuhören. Aber das wäre ein sehr melancholischer Schluss. Man wird sehen, fixiert haben wir noch nichts. Das Wichtigste ist, dass die Welt das Konzert sieht.

Ist es wirklich gerecht, alles zuzusperren? Geschäfte durften bei uns im Dezember wieder öffnen, aber die Theater und Konzerthäuser bleiben geschlossen. Sie haben in einem offenen Brief an den italienischen Ministerpräsidenten Giuseppe Conte appelliert, die Theater aufzusperren.
Aber die Regierung hat es vorgezogen, alles zu schließen. In Österreich darf man sogar Ski fahren.

Aber erst ab Weihnachten, und die Hotels bleiben geschlossen. In die Staatsoper durften im Herbst 1.000 Besucher. Obwohl keine einzige Ansteckung nachgewiesen wurde, sind wieder alle Häuser zu.
Bei meiner Aufführung von Beethovens Neunter in Salzburg waren sogar mehr als 1.000 im Großen Festspielhaus. Und wir waren mit dem Ravenna-Festival die Ersten in Europa, die für ein Livepublikum gespielt haben. Ich habe die Säle geöffnet, aber immer unter größten Sicherheitsmaßnahmen. Mit meinem Luigi- Cherubini-Jugendorchester habe ich viele Konzerte gemacht, um den jungen Leuten Arbeit zu geben. Für eine Aufführung von Dvořáks Cellokonzert kam Tamás Varga von den Philharmonikern als Solist. Am 15. Dezember spiele ich mit meinem jungen Orchester im wunderbaren Teatro di Corte in Reggia di Caserta "Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze" von Haydn, aber jetzt auch nur für den Stream. Das ist eine seltsame Zeit. Auch Weihnachten wird diesmal anders. Die Regierung hat so strenge Maßnahmen erlassen. Nur wenige Leute dürfen ins Haus kommen, man darf nicht reisen. Aber keine Sorge, ich komme schon am 27. Dezember nach Wien für die Proben zum Neujahrskonzert. Ich darf reisen, denn ich bin ja kein Tourist. Und vielleicht, wenn sich die Lage bessert, können wir doch noch ein kleines Publikum in den Saal lassen. Das wäre ein gutes Signal für die Welt. Aber natürlich müssen wir zuerst auf die Gesundheit achten.

Man könnte das Publikum doch auch testen?
Solange aber täglich Menschen sterben, ist das ein heikles Problem. Aber wenn das Publikum Abstand hält, alle Masken tragen, einen Test machen und während der Aufführung niemand spricht, kann es keine Ansteckung geben. Das sind aber nur meine eigenen Gedanken. Zu den Maßnahmen in Österreich kann ich nichts sagen, denn ich bin nur Gast hier. Aber schauen wir, was wird.

Im Juni hätten Sie "Così fan tutte" an der Wiener Staatsoper dirigieren sollen. Das wäre die letzte Premiere in der Direktion von Dominique Meyer gewesen. Gibt es Gespräche mit Bogdan Roščić?
Meine Tochter Chiara hat diese Produktion inszeniert. Damit gehe ich mit der Wiener Staatsoper nächstes Jahr in Japan auf Tournee. Aber darüber hinaus hat sich noch nichts ergeben. Man wird sehen, was die Zukunft bringt. 2021 ist mein 50. Jahr bei den Wiener Philharmonikern. Seit 50 Jahren arbeite ich ohne eine einzige Unterbrechung mit diesem Orchester zusammen. Im Mai gehen wir auf Tournee, da kommen wir auch an die Scala, nach Florenz und zu mir nach Ravenna. Und auch in Salzburg steht mein 50. Jahr bevor, und ich werde 80.

Was bedeutet Ihnen dieser Geburtstag?
Nichts. Ich zähle meine Jahre nicht. Ich habe nie einen runden Geburtstag gefeiert. Was zählt, ist die Gesundheit und weitere Erfahrungen zu machen, nicht nur musikalische. Körperlich bin ich in Bestform. Jetzt hoffe ich, dass ich die Arbeit an meiner Akademie für junge Dirigenten fortsetzen kann. Es macht mich sehr glücklich, dass eine meiner Schülerinnen, Erina Yashima, erste Assistentin beim Philadelphia Orchestra ist und Nodoka Okisawa bei den Berliner Philharmonikern diesen Posten hat. Zwei Frauen. Aber das ist egal. Die Zukunft gehört jenen, die Musik ernsthaft studieren. Das Problem heute ist, dass viele junge Musiker Dirigenten werden wollen, weil es für sie viel schwieriger ist, ein Instrument zu spielen. Heute fangen viele mit den großen Werken viel zu früh an, sie dirigieren die Neunte von Beethoven, das Mozart- Requiem oder "Falstaff" von Verdi zu früh. Es gibt einen Unterschied zwischen Dirigieren und Interpretieren. Und fürs Interpretieren reicht ein Leben nicht. Ich habe die Neunte von Beethoven mit 45 dirigiert. Ich fühlte mich immer zu klein vor diesem Monument. Als Verdi einmal gefragt wurde, was das Geheimnis seines Talents sei, sagte er: "Drei Dinge. Arbeit, Arbeit, Arbeit." Und Toscanini sagte einmal: "Dirigieren kann auch ein Esel, Musizieren aber ist sehr schwierig." Denn nur die Arme zu bewegen, ist etwas anderes als zu interpretieren. Dafür reicht ein Leben nicht.

Haben junge Dirigenten heute besonders in Zeiten dieser Pandemie überhaupt noch eine Chance, ihren Beruf auszuüben?
Dieses Covid hat die Welt komplett verändert. Ich hoffe, dass man wieder zu einer Normalität zurückkehrt, dass es wieder wirkliches Theater gibt und keinen Zirkus.

Das Chicago Symphony Orchestra darf derzeit nicht spielen. Wie arbeiten Sie mit den Musikern?
Ich bin mit meinen Musikern ständig in Kontakt. Ich habe in den vergangenen Monaten ein Programm für Kammermusik zusammengestellt. Die Musiker führen das auf, und es wird gestreamt. Sie arbeiten weiter. Ich habe ihnen auch eine Videobotschaft geschickt. Einen kleinen, sehr schönen Walzer von Schubert, den er für die Hochzeit von Leopold Kupelwieser geschrieben hat. Jetzt hoffe ich, dass wir im April wieder zusammen arbeiten können.

Stimmt es, dass diese Saison Ihre letzte in Chicago ist?
Mein Vertrag geht bis Ende 2022, aber ich werde meine Zusammenarbeit mit dem Orchester fortsetzen.

Werden die Musiker bezahlt? An der Met bekommt das Orchester seit März kein Gehalt.
Es ist komplett falsch, den Musikern nichts zu zahlen, denn es ist nicht deren Schuld, dass sie nicht spielen. Man kann nicht einfach sagen: "Jetzt gibt es das Virus, wir können nichts machen, geht nach Hause." Das ist unmenschlich. In Chicago bekommen sie 50 Prozent ihres Gehalts.

Das Chicago Symphony Orchestra zählt zu den "Big Five", den fünf besten Orchestern in Amerika. Schadet diese lange Zwangspause nicht der Qualität eines Orchesters?
Alle anderen Orchester auf der Welt haben das gleiche Problem. Es ist nicht sicher, wie die Musiker wieder zusammenfinden, aber sie haben alle eine Energie und einen starken Wunsch, wieder zu spielen. Alle wollen dieses schreckliche Jahr vergessen. Aber es ist klar, dass sie sich wieder von Neuem formieren müssen. Ein Jahr nicht gespielt zu haben, ist auch ein psychologisches Problem, darauf reagiert jeder anders. Aber ich bin mir sicher, dass die Musiker wieder den Weg zurück finden werden, denn Musik ist ja ihr Leben. Was mir mehr Sorgen macht, ist das Publikum. In ganz Europa und in Amerika muss man mehr als ein Jahr ohne Theater, ohne Konzert, ohne Livemusik auskommen. Und in dieser langen Zeit haben sicher viele andere Interessen gefunden. Das kann Literatur sein oder Sport. Es ist möglich, dass wir einen Teil unseres Publikums verlieren. Wenn die Menschen einmal erkannt haben, dass sie ohne Konzerte auskommen, werden wir hart daran arbeiten müssen, sie zurückzuholen. Jetzt müssen wir auch auf die jüngeren Generationen hoffen. Man muss sehen, wie das wird, wenn das normale Leben wieder beginnt. Aber eines ist sicher: Musik werden die Menschen immer brauchen, denn die ist seit Menschengedenken ein Zeichen der Humanität.

Wird sich der Betrieb durch die Pandemie ändern? Viele meinen, dass es weniger Orchestertourneen geben wird, dass Künstler nicht mehr so viel reisen.
Jetzt müssen wir erst einmal auf eine Impfung warten. Es werden bereits so viele verschiedene Mittel entwickelt. In China, in Russland, in Italien, in England, in Amerika, auf der ganzen Welt wird rasant daran gearbeitet. Jetzt müssen wir warten, ob diese Impfungen dieses Virus für immer ausrotten können oder nur für eine gewisse Zeit eindämmen.

Trauen Sie denn den Impfungen?
Man kennt die Nebenwirkungen noch nicht. Ich denke, wir müssen da noch etwas abwarten. Das Wichtigste ist, dass man sich das Virus nicht einfängt. Aber was die Veränderungen anlangt: Man wird sehen, wie sich der Lockdown auf die Psyche der Menschen ausgewirkt hat. Ich habe gelesen, dass viele zu Psychopharmaka greifen, um ihre Ängste zu bekämpfen, aber diese Medikamente beeinträchtigen die Menschen mental. Es geht jetzt nicht nur darum, den Körper zu heilen, sondern auch den Geist, und dafür ist die Kultur eine viel wichtigere Medizin geworden, als sie das in der Vergangenheit war.

DAS NEUJAHRSKONZERT: Die Wiener Philharmoniker spielen Werke von Franz von Suppè, Johann Strauß (Vater und Sohn), Carl Zeller und Carl Millöcker. Riccardo Muti dirigiert. ORF 2 und der Streamingkanal myfidelio übertragen am 1. Jänner um 11.15 Uhr. Der Pausenfilm führt durch das Burgenland. Tibor Kovác und sein Ensemble "The Philharmonic Five" spielen.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der Printausgabe von News erschienen