Live und auf CD von

Doch mehr als lukratives Walzen

Aufregendes Neujahrskonzert mit Daniel Barenboim

Neujahrskonzert © Bild: APA/Neubauer

Dass das Neujahrskonzert die lukrative Wiederkehr des Immergleichen wäre, muss kein Schicksal sein. Gewiss: Kennt man eine Polka schnell von Johann Strauss, so kennt man auch die meisten anderen. Das Raritätenschürfen biete tendenziell also eher wissenschaftliche als künstlerische Befriedigung. Und die überschaubare Zahl an Meisterstückchen aus dem Walzer- und Polksegment könne man auch nicht jedes Jahr repetieren. So der Konsens selbst unter Gutmeinenden.

Umso nachdrücklicher führten die Philharmoniker nun den Gegenbeweis. Daniel Barenboims Interpretation glänzt dabei nicht am Geläufigen: Den Donauwalzer hat man schon entrückter gehört, und die "Geschichten aus dem Wienerwald“ bezogen ihre suggestive Schönheit und Noblesse aus dem (mit Recht ins Zentrum des Geschehens prolongierten) Solo des Zithervirtuosen Wilfried Scharf.

Umso faszinierter konnte man sich den diesfalls ingeniös gewählten Raritäten nähern. Barenboim lässt nicht laufen, er interpretiert. Ein Walzer Strauss’scher Provenienz ist in seiner Deutung nicht in erster Linie ein Stück Tanzmusik, sondern ein kompliziert strukturiertes hochromantisches Gebilde mit avantgardistisch anmutenden dynamischen und farblichen Kontrasten. Josef Strauss vor allem, bekanntermaßen das am weitesten vorausblickende Familienmitglied, ist hier für Erkenntnisse gut. Sein "Friedenspalmen-Walzer“, vom Pazifisten Barenboim aus außerkünstlerischen Motiven ins Programm gerückt, verdient es, Repertoirebestand zu werden. Noch mehr gilt das für seinen "Dynamiden-Walzer“, den Richard Strauss - seine Mondscheinmusik aus "Capriccio“ hat man allerdings schon beeindruckender erlebt als bei diesem Neujahrskonzert - dem "Rosenkavalier“-Walzer zugrunde legte.

Der Erwerb des in diesen Tagen erscheinenden Tonträgers ist also mehr als patriotische Pflichterfüllung: Künstlerischer und Wissenschaftlicher Nutzen werden eins.

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