Jiaozi zum Jahr des Drachen

200 Millionen Menschen sind während des Chinesischen Neujahrfests unterwegs zu ihren Familien

von Peter Sichrovsky © Bild: News/Ricardo Herrgott

Mein Bruder Alex stand neben mir vor dem Küchentisch, er war acht und ich zwölf Jahre alt. Uns gegenüber Ai, die chinesische Kinderfrau, die den Tisch mit etwas Mehl bestreute. Es war Ende Jänner im Jahr 1960, die Zeit des Frühlingsfests oder chinesischen Neujahrs, wie es auch genannt wird. Im Sommer 1959 zogen wir für drei Jahre nach Beijing, wo mein Vater als Korrespondent arbeitete.

Vor Beginn des Fests schmückte unsere Kinderfrau die Wohnung mit roten Laternen und roten Bändern, auf denen schwarze Schriftzeichen gemalt waren. Am fünften Tag erklärte sie uns -mit den wenigen Worten, die wir verstanden -, es sei in chinesischen Familien Tradition, an diesem Tag Jiaozi zu kochen. Unsere Eltern waren bei irgendeinem Empfang. Ai hatte uns Buben aus dem Wohnzimmer geholt, wo wir herumtobten, bevor wir den Jüngsten von uns drei aufwecken würden.

Sie schob uns etwas vom Tisch weg, nahm mit einem Messbecher Mehl aus dem Küchenkasten, etwa halb so viel Wasser, mischte alles zusammen und begann, einen Teig endlos lang zu kneten, bis er glatt und geschmeidig war, rollte immer wieder eine Handvoll Teig zu einer Kugel und legte sie in den Kühlschrank. Sie warf ein paar Pilze in einen Topf mit heißem Wasser und zerhackte mit dem einem großen, breiten Messer ganze Büschel von Frühlingszwiebeln und Pak Choi, mischte Ingwer und andere Gewürze unter das Gemüse und gab die gekochten und zerkleinerten Pilze dazu. Dann holte sie eine Schüssel mit Faschiertem aus dem Kühlschrank und würzte das Fleisch.

Symbol

Während der zehn Minuten, die der Teig im Kühlschrank ruhte, erzählte sie uns, was während des Fests gegessen werden sollte. Fisch würde man am letzten Tag des alten Jahres essen, an den Festtagen Jiaozi, Frühlingsrollen, Huhn und Nudeln und als Nachtisch süße Reisbällchen. Jede Speise habe ein symbolische Bedeutung: Fisch für Erfolg und Reichtum, Nudeln für ein langes Leben und die süßen Reiskugeln für eine glückliche Familie.

Sie holte den Teig aus dem Kühlschrank, rollte jede Kugel zu einer langen, dicken Wurst und zerteilte sie in kleine Stücke. Jetzt waren wir an der Reihe. Sie zeigte uns, wie man mit dem Handballen die Kugeln bis zur Größe einer Kinderhand flach ausbreitet. Mit einem kleinen Löffel gab sie etwas Fleisch und Gemüse in die Mitte der Teigflecken und drückte die Ränder wellenförmig zusammen. Fertig waren die Jiaozi. Wir durften jeder unsere eigenen Teigtaschen machen, und alle kamen in einen großen Topf mit kochendem Wasser.

Als unsere Eltern nach Hause kamen, saßen wir bereits vor der dritten Schüssel Jiaozi und versicherten ihnen, dass wir nie etwas so Gutes gegessen hatten. Während hier in chinesischen Restaurants Teigtaschen gebraten oder gedämpft serviert werden, isst man in China zu Neujahr gekochte, sogenannte Wasser-Jiaozi.

Am nächsten Tag zeigte uns Ai gemeinsam mit ihrer Tochter, die uns besuchte, wie man Baozi macht. Das war etwas komplizierter. Es sind weiche, flaumige Germteigknödel, die mit Fleisch und Gemüse gefüllte werden. Dann versuchten wir noch Wantans mit hauchdünnem Teig und Mantous. Die sind aus Hefeteig, sehen aus wie kleine Semmeln und haben keine Füllung.

In chinesischen Familien ist die Zubereitung der verschiedenen Teigtaschen ein Teil des Fests. Alle versammeln sich in der Küche, und jeder übernimmt eine Aufgabe, die einen schneiden das Gemüse, andere machen den Teig, füllen oder schließen die Teigtaschen.

Mondjahr

Das chinesische Neujahr ist das wichtigste Fest in China und wird in vielen Ländern Asiens und China Towns im Westen gefeiert. Es zeigt den Wechsel eines Mondjahrs im chinesischen Mondkalender. Der Termin richtet sich nach dem ersten Neumond zwischen dem 21. Januar und dem 21. Februar und beginnt jedes Jahr an einem anderen Tag. 2024 von Samstag, dem 10. Februar, bis zum Laternenfest am 24. Februar. Damit endet das Jahr des Hasen. Chinesische Sternzeichen richten sich nach dem Geburtsjahr mit zwölf verschiedenen Tieren: Ratte, Ochs, Tiger, Hase, Drache, Schlange, Pferd, Ziege, Affe, Hahn, Hund und Schwein.

Zu Neujahr wird in roten Umschlägen Geld an Kinder verteilt, in den Straßen tanzen bunt geschmückte Drachen und Löwen, und in den Tempeln werden Räucherstäbchen angezündet. Unsere Ai öffnete am Tag des Laternenfests alle Türen, damit "das Glück eintreten konnte" und versicherte meiner Mutter, dass an diesem Tag nicht geputzt werden dürfe, um das Glück nicht gleich wieder zu verscheuchen. Außerdem warnte sie uns, während dieser Tage Schuhe zu kaufen, die Haare schneiden zu lassen und weiße oder schwarze Kleidung zu tragen -all das bringe Unglück.

Neujahr ist ein Familienfest. Etwa 200 Millionen Menschen sind unterwegs, um die Tage mit ihren Angehörigen zu verbringen. Millionen Chinesen arbeiten als Wanderarbeiter weit weg von ihren Wohnorten und kommen nur einmal im Jahr nach Hause.

Tränen

Viele Jahre später arbeitete ich als Korrespondent in Hongkong. Während einer Reportage in Beijing traf ich meinen Bruder, der in Taiwan lebte und fließend Chinesisch sprach. Er erzählte mir, er habe durch Zufall erfahren, dass unsere Ai noch lebe. Wir fanden ihre Wohnung und überraschten sie. Als sie uns sah, wischte sie sich die Tränen aus den Augen. Sie nahm uns bei den Händen und führte uns ins Wohnzimmer. Dann verschwand sie in der Küche. Wir warteten und warteten, bis sie zittrig und wankend mit einer Schüssel Jiaozi herauskam. Nun kämpften wir mit den Tränen.