US-Wahlkampf: Kippt die
Stimmung gegen Trump?

In den härtesten Monaten der Coronakrise war Joe Biden kaum zu sehen. Der designierte Präsidentschaftskandidat der US-Demokraten hatte sich in seinem Haus zurückgezogen, gegen Präsident Donald Trump konnte er sich kaum Gehör verschaffen. Durch den gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyd hat sich die Lage komplett verändert.

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Stimmung gegen Trump? © Bild: Getty Images

Während der aggressiv auftretende Trump inmitten der Proteste gegen Polizeigewalt und Rassismus massiv in die Kritik geraten ist, positioniert sich Biden als sein Gegenpol - als Zuhörer und Versöhner.

Der Ex-Vizepräsident traf am Montag im texanischen Houston Floyds Familie. Bei der Beisetzung des Schwarzen, der vor zwei Wochen bei einem brutalen Polizeieinsatz in Minneapolis getötet worden war, wollte Biden sich am Dienstag in einer Videoansprache an die Trauernden wenden.

Aufruf zur Einheit

In den vergangenen Tagen hat der 77-Jährige, der sich die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten bei der Wahl im November de facto gesichert hat, die Bevölkerung wiederholt zur Einheit aufgerufen - und Trump vorgeworfen, das Land zu spalten und in ein "Schlachtfeld" zu verwandeln.

Der einstige Stellvertreter des ersten schwarzen US-Präsidenten Barack Obama hat versprochen, das Problem des tief verwurzelten Rassismus im Land entschlossen anzugehen. Schon vor dem Fall Floyd hatte Biden Empathie zu einem zentralen Pfeiler seiner Politik gemacht. Das ist vielen Menschen wichtig nach Floyds schockierendem Tod. Und es ist eine klare Abgrenzung zu Trump, dem mitfühlende Worte bekanntermaßen nur schwer über die Lippen gehen.

Ohnehin könnten die Gegensätze zwischen den Präsidentschaftsrivalen kaum deutlicher hervortreten als dieser Tage. Trump hat seit Floyds Tod die Spannungen im Land wiederholt angeheizt. Angesichts von Ausschreitungen am Rande der meist friedlichen Demonstrationen drohte der selbsternannte "Präsident von Recht und Ordnung" Plünderern mit Schusswaffengewalt.

Ist Trump zu weit gegangen?

Er ließ friedliche Demonstranten vor dem Weißen Haus auseinandertreiben und drohte sogar mit einem Militäreinsatz. Für viele - einschließlich in den Streitkräften und Trumps konservativem Lager - ging der Präsident damit eindeutig zu weit.

Die Zustimmungswerte des Republikaners sind zuletzt weiter gesunken. Laut einer aktuellen Umfrage des Nachrichtensenders CNN heißen nur noch 38 Prozent der Bürger Trumps Amtsführung gut. 65 Prozent der Befragten gaben an, sein Umgang mit den Protesten habe mehr geschadet als geholfen. 63 Prozent kritisieren den Umgang des Rechtspopulisten mit dem Rassismus-Problem.

In landesweiten Umfragen fiel der Präsident deutlich hinter Biden zurück. Im Umfrageschnitt liegt der Amtsinhaber knapp acht Prozentpunkte hinter dem bei Schwarzen beliebten Ex-Vizepräsidenten, die CNN-Umfrage sieht gar eine Differenz von 14 Punkten. Selbst bei Kernwählern wie evangelikalen Christen verlor der Präsident zuletzt an Unterstützung.

Kampf gegen den "Teflon-Mann"

Allerdings sind die Umfragen fünf Monate vor der Wahl nur sehr bedingt aussagekräftig. Trump hat in seiner Amtszeit eine Reihe von Skandalen und auch ein Amtsenthebungsverfahren weitgehend unbeschadet überstanden. Selbst seinen Umgang mit der Coronakrise, die in den USA mit mehr als 110.000 Toten zur weltweit höchsten Opferzahl geführt hat, verkauft der Präsident als Erfolg.

Die Wähler sprechen Trump mehr Wirtschaftskompetenz zu als Biden, der zudem mit seinem hohen Alter und seiner Anfälligkeit für Versprecher nicht gerade Dynamik ausstrahlt. Höchst gelegen kam Trump vergangene Woche ein überraschender Rückgang der Arbeitslosenquote.

Der Politikprofessor Daniel Gillion hält deshalb eine Wiederwahl Trumps für alles andere als ausgeschlossen. Wenn der Präsident sich ernsthaft dem Problem des Rassismus zuwende und sich die Corona-Krise weiter entschärfe, könne er seinem Ruf des "Teflon-Mannes", an dem nichts hängen bleibt, erneut gerecht werden.

Auch die Politikwissenschaftlerin Nadia Brown verweist auf Trumps erstaunliches Beharrungsvermögen. "Eine Katze hat neun Leben", sagt sie. "Aber Trump hat zwölf."