Erdbeben von

Nepal-Beben: Wundersame
Rettung nach fünf Tagen

15-Jähriger aus den Trümmern gezogen - Aufräumarbeiten durch Regen behindert

Zerstörung in Nepal © Bild: imago/Xinhua

Fünf Tage nach dem schweren Erdbeben im Himalaya-Gebiet haben Helfer am Donnerstag einen 15-Jährigen lebend aus den Trümmern gerettet. Der Nepalese habe in den Ruinen einer mehrstöckigen Pension in der Hauptstadt Kathmandu gelegen, sagte ein Sprecher des Innenministeriums. Die Zahl der Toten stieg inzwischen auf mehr als 5.500. Bereits am Mittwochabend war bekannt geworden, dass ein Baby nach 22 Stunden unter den Trümmern gerettet werden konnte

Der vier Monate alte Sonit Awal war am Samstag in Muldhoka östlich der Hauptstadt Kathmandu in seinem Elternhaus verschüttet worden, bevor er am Sonntag von Rettungskräften befreit werden konnte. An sich hatten die Soldaten die Suche nach dem Kleinen bereits aufgegeben, kehrten aber zurück, nachdem sein Vater leises Weinen aus dem Trümmerhaufen seines Hauses gehört hatte.

Indes wurde eine weitere Überlebende unter den Trümmern gefunden. Die Nepalesin befinde sich in einem kritischen Zustand. Die Frau sei unter den Trümmern einer Pension gefunden worden, ganz in der Nähe jener Stelle, wo nur wenige Stunden zuvor ein 18-Jähriger lebend entdeckt worden war.

In der Hauptstadt Kathmandu versuchten die Menschen, langsam wieder in den Alltag zurückzufinden. Die Banken nahmen den Betrieb erstmals seit der Katastrophe vom Samstag wieder auf. Auch einige Geschäfte, Restaurants und Cafes öffneten wieder. Viele Familien verließen die Zelte und kehrten in ihre Häuser zurück. Die Zahl der Nachbeben nahm ab, und die Erdstöße wurden schwächer. Schulen und Universitäten blieben nach offiziellen Angaben zunächst geschlossen. Die Gerichte aber arbeiteten wieder, wenn auch eingeschränkt. Auch Strom war in Teilen der Stadt wieder verfügbar.

Probleme durch Schlechtwetter

Außerhalb der Hauptstadt war die Tätigkeit der Rettungskräfte beschwerlich. Heftige Regenfälle behinderten die Arbeit in der bergigen Region. Viele Menschen befürchteten Erdrutsche. Auch Trümmer, fehlende Logistik und der schlechte Handy-Empfang bereiteten Probleme, berichtete das UNO-Büro für Katastrophenhilfe (Ocha). Trotz der Widrigkeiten erreichten erste Teams entlegene Gebiete und verteilten Hilfsgüter.

"Es fehlt an Zelten", sagte Andreas Zinggl, Katastrophenhelfer der Caritas, zur APA. Der Wiener hatte am Vortag in einer bergigen Region 90 Kilometer außerhalb von Kathmandu Hilfslieferungen unterstützt. In einem Dorf waren laut ihm 90 Prozent der Häuser zerstört. "Die betroffene Region wurde bisher kaum von Hilfe erreicht", hielt Zinggl fest. "Der Unmut wächst langsam." Die Menschen seien sehr aufgebracht, zum Teil wüssten sie aber nicht, dass andere Bezirke auch stark von der Naturkatastrophe betroffen waren.

Bei dem Beben der Stärke 7,8 am Samstag kamen allein in Nepal mindestens 5.489 Menschen ums Leben gekommen. In den Nachbarländern Indien und China zusammen starben mindestens 100 Menschen. Helfer fürchteten, dass die Zahl noch deutlich steigt, wenn weitere abgelegene Regionen in Nepal erreicht werden.

UNO warnt vor Lebensmittelknappheit

Nun drohen den Menschen in Nepal auch Probleme bei der Lebensmittelversorgung. Etwa 3,5 Millionen Menschen bräuchten akute Nahrungsmittelhilfe, teilte die Organisation für Ernährung und Landwirtschaft der Vereinten Nationen (FAO) am Donnerstag in Rom mit. Der Einfluss des Bebens auf die Landwirtschaft und die Lebensmittelsicherheit in dem Land sei enorm.

Etwa acht Millionen Dollar (7,2 Millionen Euro) würden dringend benötigt, um betroffene Landwirte zu unterstützen. "Es gibt ein kritisches Fenster, in dem Getreidebauern geholfen werden kann, rechtzeitig zu pflanzen, um dieses Jahr eine Ernte zu haben und ihre Selbstversorgung wiederzuerlangen", erklärte Somsak Pipoppinyo, FAO-Vertreter in Nepal. Wenn die Landwirte nicht die bevorstehende Pflanzsaison für Reis vorbereiten könnten, drohe ihnen der Verlust der Reisernte, einem Grundnahrungsmittel des Landes. Dazu komme die Vernichtung von Vorräten sowie Weizen- und Mais-Ernten, die die Lebensmittelversorgung in Nepal massiv einschränken könne.

Jubel über Rettung

Die Rettung des jungen Mannes aus den Trümmern wurde von den Beteiligten ausgelassen gefeiert. Nepalesische Polizisten, die bei der Suche mit einem US-Team zusammenarbeiteten, streckten den Daumen nach oben. Der Teenager ist nach offiziellen Angaben in guter Verfassung. Er habe als Helfer im Hidden Guest House in der Nähe der Busstation Gongabu gearbeitet, als die Katastrophe passierte. Auf Fotos ist zu sehen, dass er eine Halskrause trägt und eine Infusion in den Arm bekommt. Zunächst hatten die Behörden sein Alter mit 15 angegeben, das aber später korrigiert.

Manche Gegenden Nepals könnten nur zu Fuß erreicht werden, seien aber vier bis fünf Tagesmärsche von der nächsten Straße entfernt, erläuterte die UNO. Es stünden aber zwei Helikopter zur Verfügung, um Nahrungsmittel im Distrikt Gorkha zu verteilen, wo das Epizentrum des Bebens lag.

Die nepalesische Armee begann nach eigenen Angaben, in den besonders schwer betroffenen Gebieten Hilfsgüter aus der Luft abzuwerfen. Insgesamt rund 100.000 Soldaten und Polizisten seien im Einsatz. In China wurde die Stadt Zham aus Angst vor Erdrutschen evakuiert.

Acht Millionen Menschen betroffen

Jüngste Zahlen der Vereinten Nationen machten das ganze Ausmaß der Katastrophe deutlich. Es gab acht Millionen Betroffene, von denen 3,5 Millionen Menschen Nahrungsmittel brauchten. 2,8 Millionen Menschen wurden den Schätzungen zufolge obdachlos. Die Helfer verteilten bisher vor allem Planen, Zelte, Decken und Hygiene-Sets. Allerdings mache es ihnen zu schaffen, dass es in den Zeltstädten keine Verwaltung gebe und bisher keine Daten erhoben wurden, was die Menschen dort brauchen. Die UNO koordinierte mittlerweile mehr als 1.700 spezialisierte Helfer aus mindestens 22 Ländern.

Zahlreiche Bewohner Nepals waren wütend auf die Regierung ihres Landes. Sie glaubten, dass nicht genug getan wird, um Lebensmittel und Wasser zu verteilen. Als Premierminister Koirala den Stadtteil Basantapur in Kathmandu besuchte, hätten zahlreiche Überlebende ihn umzingelt und ihrem Zorn Ausdruck verliehen, berichtete die Zeitung "Kantipur" online. Hunderte Menschen hätten auch vor Regierungsgebäuden demonstriert. Sie forderten demnach, die Regierung solle Busse zur Verfügung stellen, damit sie Kathmandu verlassen und zu Verwandten fahren können.

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