Neos-Chef von

Matthias Strolz
tritt zurück

"Pionierphase erfolgreich abgeschlossen"

Neos-Chef - Matthias Strolz
tritt zurück

Überraschend kam am Montag dieser Termin der NEOS: Der Vorsitzende der pinken Partei, Matthias Strolz gab heute seinen Rücktritt bekannt.

Neos-Chef Matthias Strolz hat am Montag völlig überraschend seinen Rückzug von der Spitze der NEOS angekündigt. Heute sei der Tag, an dem er als Gründungsvorsitzender der NEOS "die schrittweise, geordnete Übergabe" einleite, sagte Strolz in einer persönlichen Erklärung.

© APA/GEORG HOCHMUTH NEOS-Chef Matthias Strolz während der Pressekonferenz am Montag, 7. Mai 2018

"Ich liebe Politik", betont das Gründungsmitglied der Neos und strich damit seine Leidenschaft für die Politik hervor. In seiner Rede warf Strolz ein Blick zurück auf die Gründungsgeschichte der Partei - eine Erfolgsgeschichte, wie Strolz sagt: "Alles was wir jetzt machen, machen wir nicht mehr zum ersten Mal". Es gäbe aber überall noch "Luft nach oben"

»Pionierphase ist erfolgreich abgeschlossen«

Die Führungsverantwortung muss nun übergeben werden, an eine "frische, neue Führung". Strolz sagte, die "Pionierphase sei erfolgreich abgeschlossen". Mit Ende Juni wird sich Strolz von der Parteispitze zurückziehen, später darauf will er auch die Funktion des Parteiobmann abgeben.

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Eigentlich hatte sich Strolz eine Spanne von zehn Jahren für die Politik vorgenommen. Da befindet er sich jetzt gerade erst etwas über der Mitte. Aber nicht nur für sich selbst, sondern für alle Politiker plädierte der NEOS-Chef für eine Amtszeitbeschränkung. Regierungsmitglieder sollten maximal zwei Perioden und Abgeordnete maximal drei Legislaturperioden im Amt sein. Strolz selbst befindet sich als Abgeordneter gerade erst am Beginn seiner zweiten Legislaturperiode.

Mit seinem Rückzug bringt Strolz seine Partei, die er nicht nur selbst gegründet sondern auch aufgebaut hat, in die Bredouille. Er ist nicht nur das nach außen bekannte Gesicht der NEOS, er steht auch als Person für die liberale Oppositionspartei. Ob die NEOS nun auch ohne ihren Leitwolf den Erfolgslauf fortsetzen können, ist zumindest fraglich.

Das waren seine besten Sager

Strolz hatte die NEOS im Oktober 2012 gegründet und im Jahr darauf in den Nationalrat geführt. Voriges Jahr sind die NEOS zum zweiten Mal ins Parlament eingezogen. Der Rückzug ist auch deshalb überraschend, weil die NEOS heuer in drei von vier Landtagswahlen erfolgreich waren und in Salzburg sogar vor dem Einzug in die Landesregierung stehen.

Und was kommt jetzt?

Seine Zukunft sei offen. Er habe "einige Buchprojekte im Kopf". Strolz begründet seinen Rückzug einerseits sehr persönlich "mit dem Ruf des Herzens" und anderseits damit, dass die "Pionier- und Aufbauphase" der NEOS abgeschlossen sei. "Das war meine Berufung." Er wollte so lange Führungsverantwortung übernehmen, bis die Bewegung "tragfähig und stabil ist". "Das Leben ist ein konstanter Fluss. Wenn die Zeit reif ist, ist es wichtig, Verantwortung abzugeben." Die nächste Etappe der Partei solle "von einer neuen frischen Führung" übernommen werden. Und "wir NEOS haben noch vieles vor. Wir wollen bis 2020/2030 eine 20-Prozent-Kraft werden. Wir wollen eine Million Menschen hinter uns versammeln. Damit das gelingen kann, sind weitere Weichenstellungen wichtig. Ich habe sieben Jahre Aufbauarbeit in den Knochen."

»Ich bin der Pilot meines Lebens«

"Ich bin nicht Passagier, ich bin der Pilot meines Lebens", so Strolz. Seine Zukunft sei offen, "und ich will es offen halten". "Ich werde ein Feld weiterziehen. Wie das Feld heißt, weiß ich nicht. (...) Ich freue mich auf die neue Lebensphase und mehr Zeit für meine Familie und Töchter zu haben", sagte Strolz und zeigte zwei Glücksbringer, die ihm zwei seiner drei Töchter heute mitgegeben haben.

© APA/GEORG HOCHMUTH NEOS-Chef Matthias Strolz mit Glücksbringern während der Pressekonferenz

Am Ende seiner Erklärung bedankte sich Strolz sichtlich gerührt unter Tränen, "dass mir das Leben diese Aufgabe mit auf dem Weg gegeben hat". "Viel Glück und auf ein Wiedersehen."

Mögliche Nachfolger

Laut Informationen der "Presse" war intern immer vereinbart gewesen, dass er nach zwei erfolgreichen Wahlen nicht für eine dritte Spitzenkandidatur zur Verfügung stehen soll. Als Nachfolger werden Wiens Neos-Chefin Meinl-Reisinger, der geschäftsführende Klubchef im Parlament, Nikolaus Scherak oder Veit Dengler, Mitbegründer der Neos, gehandelt.

Parteichef übergibt im Herbst ein Bundesmandat

Wenn NEOS-Chef Matthias Strolz im Herbst sein Nationalratsmandat zurücklegt, könnte ihm eine Vorarlbergerin nachfolgen. Nächste auf der Bundesliste wäre nämlich Doris Hager-Hämmerle - sollte nicht Beate Meinl-Reisinger Strolz' Nachfolge in Partei und Parlament übernehmen.

Für Meinl-Reisinger müsste niemand auf ein Mandat verzichten. Denn der Wiener Partei- und Klubchefin wäre ein solches nach der Wahl vom Oktober zugestanden. Aber sie verzichtete darauf, um die Partei in die (turnusgemäß) im Jahr 2020 anstehende Wiener Wahl zu führen. Sollte sie es sich jetzt anders überlegen, könnte sie sowohl über die Bundesliste (da stand sie auf Platz 3 hinter Strolz und Irmgard Griss) als auch über die Wiener Liste in den Nationalrat. Für die Zusammensetzung des Klubs wäre das gleichgültig, weil allenfalls Claudia Gamon statt des Wiener Mandats ein Bundeslisten-Mandat bekäme.

Bleibt Meinl-Reisinger aber in Wien und wird Strolz' Nachfolge aus dem aktuellen Nationalratsklub besetzt, kommt Doris Hager-Hämmerle (über Bundeslistenplatz 10) neu ins Parlament. Die Geschäftsführerin der Internationalen Akademie für Philosophie (IAP) in Liechtenstein ist Mitglied des erweiterten Bundesvorstandes des NEOS.

Auch interessant: Gerfried Sperl über den "Angst-Populisten" Matthias Strolz.

SPÖ-Chef Christian Kern meldete sich kurz nach der Pressekonferenz via Twitter zu Wort. Er wünsche ihm alles Gute und betonte die Rolle von Strolz für seine Partei.

»Und jetzt gefälligst aufhören mit den Nachrufen ! ES GEHT IHM GUT!«

Via Twitter meldeten sich auch die Neos selbst - man sollte mit den Nachrufen aufhören. Es gehe im gut, heißt es.

Mit großem Respekt und Dankbarkeit reagiert die stellvertretende NEOS-Bundesvorsitzende und NEOS Wien-Klubchefin Beate Meinl-Reisinger auf die Ankündigung der geordneten Übergabe von NEOS-Parteichef Matthias Strolz: „Ich respektiere diese persönliche Entscheidung von Matthias Strolz in höchstem Maß. Es gehört Entschlossenheit und Mut dazu, eine erfolgreiche Etappe abzuschließen und neue Wege einzuleiten. Matthias Strolz hat NEOS mit seiner Vision und Kraft aufgebaut und entscheidend geprägt. Nun lebt er auch in dieser Phase den neuen Stil vor, den wir als Bürger_innenbewegung in Österreich einbringen wollen. Ehrlich und transparent wollen wir in den verantwortlichen Gremien in den nächsten Tagen diskutieren, wie wir die nächste Etappe von NEOS gestalten wollen. Ich möchte Matthias Strolz meine persönliche Dankbarkeit aussprechen und von Herzen alles Gute auf dem weiteren Fluss des Lebens wünschen.“

Liste Pilz/Kolba: Gute Wünsche für Matthias Strolz

"Mit Matthias Strolz verlieren die NEOS, aber auch die Opposition insgesamt, einen wortgewaltigen Politiker, der zu bewegen wusste,“ sagt Peter Kolba, Klubobmann der Liste Pilz. „Wir wünschen Matthias Strolz alles Gute auf seinem weiteren Lebensweg."

Dank auch von Kurz

Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) sagte dem scheidenden NEOS-Chef Matthias Strolz Montagnachmittag via Twitter "Vielen Dank" für den Einsatz in der Politik, "für deine Leidenschaft bei vielen Themen und auch für deine durchaus kritische Stimme".

NEOS-Allianzpartnerin Irmgard Griss zollte Strolz laut einer Aussendung "Anerkennung und tiefen Respekt" für seinen für österreichische Verhältnisse "absolut ungewöhnlichen Schritt". Sie sah sich in ihrem ersten Eindruck bestätigt, dass "das ein Politiker ist, der Mensch geblieben ist, dem es nicht um persönliche Macht, sondern um das Gemeinwohl geht". Strolz hatte die frühere OGH-Präsidentin nach ihrem Achtungserfolg bei der Bundespräsidentenwahl als Nationalratskandidatin angeworben. Sie ist jetzt Justizsprecherin der NEOS.

Erfolgreiche NEOS

Anhand der Ergebnisse der letzten Wahlen segeln die NEOS eigentlich auf Erfolgskurs. In Salzburg stehen sie sogar gerade vor ihrer ersten Regierungsbeteiligung.

© apa/Martin Hirsch

Matthias Strolz ist es - finanziell unterstützt von Hans-Peter Haselsteiner - gelungen, in Rekordzeit eine neue Partei fest in Österreichs Polit-Landschaft zu verankern: Im Oktober 2012 gegründet, eroberten die NEOS 2013 den Nationalrat, 2014 das EU-Parlament, 2014/15 die ersten zwei, heuer drei weitere Landtage, und stehen jetzt kurz vor der ersten Koalitionsbeteiligung in Salzburg.

Strolz etablierte in Rekordzeit ein "Jahrhundertprojekt"

"Ein Jahrhundertprojekt ist gelungen", kommentierte der umtriebige und unerschütterlich selbstbewusste Vorarlberger am 29. September 2013 die Tatsache, dass seine erst am 27. Oktober 2012 in der Wiener Urania offiziell gegründete Partei auf Anhieb 4,96 Prozent und neun Mandate holte. Die anfangs von enttäuschten liberalen Bürgerlichen aus der ÖVP, teils auch Grünen und Sozialdemokraten getragene Partei "Neues Österreich und Liberales Forum" hatte tatsächlich Historisches geschafft: Als erste Partei nach dem FPÖ-Vorgänger WdU im Jahr 1949 schaffte sie es gleich im ersten Anlauf in den Nationalrat, ohne dort bereits über Abgeordnete verfügt zu haben - wie etwa das LIF (mit dem es kooperierte) oder das Team Stronach. Frank Stronachs Partei hatte 2013 ebenfalls die Vier-Prozent-Hürde für den Nationalrat genommen, ist mittlerweile aber schon wieder Geschichte.

Die NEOS hielten sich hingegen - und setzten auch bei der Verankerung in den Ländern und Gemeinden neue Maßstäbe: 2014 zogen sie in den Vorarlberger Landtag ein, 2015 in den Wiener Landtag/Gemeinderat. Dämpfer gab es bei den Landtagswahlen in Burgenland, Steiermark und Oberösterreich. Die schwachen Ergebnisse von zwei, drei Prozent sind freilich auch darauf zurückzuführen, dass dort in den polarisierten Zeiten der Flüchtlingskrise neben SPÖ/ÖVP bzw. FPÖ kaum Platz war für die neue Bewegung.

So hielt die 2014 in Strolz' Heimat Vorarlberg gesetzte Rekordmarke von 6,89 Prozent auch lange - bis zum heurigen 22. April: Da schafften die Salzburger rund um Sepp Schellhorn noch etwas mehr, nämlich 7,27 Prozent. Sie verhandeln aktuell mit ÖVP und Grünen über ihren ersten Einzug in eine Landesregierung.

»Wir sind keine Wunderwuzzis! - und das ist gut so«

Auch zwei der anderen drei Wahlen 2018 liefen sehr gut: In Niederösterreich und Tirol sitzen jetzt Pinke im Landesparlament. Nur in Kärnten blieben sie unter der Fünf-Prozent-Hürde - mit dem bisher schwächsten Landtagswahl-Resultat überhaupt, nämlich nur 2,14 Prozent. Aber Kärnten war auch das Land, in dem die Grünen lange wie nirgends sonst für den Einzug brauchten - und wo sie heuer wieder aus dem Landtag flogen.

Etwas mühsamer ist für die Pinken die Verankerung auf der untersten Ebene: Bei den Gemeinderatswahlen 2014/15 schafften sie es überhaupt nur in einem Bruchteil der Gemeinden auf den Stimmzettel, aber in der Mehrheit der Gemeinden, in denen sie antraten, holten sie Gemeinderatsmandate. Um in Niederösterreich gibt es - seit der Gemeinderatswahl am 25. Jänner 2015 - auch schon eine NEOS-Vizebürgermeisterin, in Guntramsdorf, wo die Pinken mit SPÖ und Grünen in Koalition gingen.


Auf Anhieb erobert haben die von Strolz von Anfang an forciert pro-europäisch positionierten Pinken 2014 auch das Europaparlament. Bei der nächsten EU-Wahl kommendes Jahr wird es darum gehen, weitere Parlamentssitze - neben Angelika Mlinar - dazu zu erobern. Denn 2014 hatte es mit 8,14 Prozent nur für ein Mandat gereicht. Und das enttäuschte die NEOS. Sie hatten sich mehr erwartet, aber : "Wir sind keine Wunderwuzzis! - und das ist gut so", war damals die Botschaft von Chef- Motivator Strolz an seine Mitstreiter.

Matthias Strolz - Zur Person

© APA/HANS PUNZ Matthias Strolz auf der Wahlkampfabschlusskundgebung der Neos

Matthias Strolz , geboren am 10. Juni 1973 in Bludenz, verheiratet, Vater von drei Töchtern, Doktor der Wirtschaftswissenschaften. Landesschulsprecher in Vorarlberg, Vorsitzender der ÖH an der Uni Innsbruck. Ab 2001 Unternehmer, 2012 Gründer und Vorsitzender der Partei NEOS. Seit der Nationalratswahl 2013 Abgeordneter zum Nationalrat und Klubobmann der NEOS.

»Geschichte des Bergbauernbubs in Wald am Arlberg«

Es ist die Geschichte des Bergbauernbubs in Wald am Arlberg, die Strolz immer wieder gerne erzählt. Ob es dort Kastanienbäume gab, ist nicht verbrieft. Belegt ist hingegen seine Ode an die Kastanie: "Du bist so prall und so glänzend, so samten und geschmeidig, das füllige Leben und der Abschied." Neben Schrulligkeit kann Strolz aber vor allem Professionalität im Umgang mit anderen Vorweisen. Der Wirtschafts-Absolvent ist gelernter Kommunikationstrainer.

Überzeugungskraft brauchte Strolz vor allem, als es galt, Gleichgesinnte um sich zu scharen. Als parlamentarischer Mitarbeiter für den einstigen ÖVP-Klubchef Karlheinz Kopf war er in der Volkspartei nicht so richtig weitergekommen, zu seinen Förderern zählt Ex-Vizekanzler Erhard Busek. Also versuchte er sich erfolgreich als Consulter, beraten wurde auch der ÖVP-Wirtschaftsbund. Zudem stand er der promitto gmbh als Geschäftsführer vor.

Der unverwechselbare Kommunikationsstil

Ab da gab es für den mit dem Ehrenzeichen des Europäisches Forum Alpbach für besondere Verdienste ausgestatteten Strolz nur noch die Politik. Nach dem Einzug in den Nationalrat 2013 war der zum Klubchef avancierte Parteigründer erst einmal beschäftigt, die zuvor personell höchst lose Partei in Form zu bringen. Nicht immer machte er sich damit Freunde, auch Mitstreiter aus den Gründungstagen mussten gehen. Größte Konstante der NEOS war noch immer Strolz selbst.

Seinem Kommunikationsstil blieb Strolz hingegen weitgehend treu: Untergriffe gab es selbst in Wahlkämpfen keine, scharfe Kritik schon, auch vereinnahmendes Lob. Was der Charismatiker aber vor allem bemühte waren Bilder, die bei kritischen Beobachtern zwar Augenrollen provozierten, teils aber auch vom politischen Gegner abgekupfert wurden. So will seit kurzem auch die ÖVP die Pensionen "enkelfit" machen, Strolz selbst im Bildungsbereich noch immer "Flügel heben".

Auch bei jedem Internet-Trend ist Strolz dabei, für skurrile Posen auf Facebook und Co. ist er sich meist nicht zu schade. Der NEOS-Chef ist verheiratet und Vater von drei Töchtern. Er betreibt Bikram-Yoga und zeigt sein Geschick dabei schon auch einmal in einem Fernsehstudio, und er spielt Saxofon und Klarinette in der Harmoniemusik, wenn er mal daheim ist am Arlberg. NEOS-Chef in Wien will er aber bleiben. Denn, so sprach er über ausfüllende Jobs: "Alles andere ist oasch, ehrlich gesagt."

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