Kritik von

Neil Young kauzt weiter.
Und das ist gut so.

Das neue Album des grantigen Alt-Hippies "Peace Trail" erscheint heute

Neil Young © Bild: Getty/Djansezian

Erst im Juni veröffentlichte Alt-Rocker Neil Young mit „Earth“ ein Live-Album, versehen mit Tier-Geräuschen. Nun ja, etwas eigen ist die mittlerweile 71-jährige Singer-Songwriter-Legende eben geworden. Eigen, aber ganz sicher nicht müde: Denn mit „Peace Trail“ erscheint nun bereits das neue - 38. (!) - Album des gebürtigen Kanadiers.

Er ist ein Kauz dieser Neil Young. Ein sogar schon recht alter Kauz. Aber irgendwie muss man ihn gerade in seiner Kauzigkeit einfach mögen. So schießt er mit über 70 Jahren nun schon wieder ein neues Album auf den Markt, ein Jahr nach „The Monsanto Years“ und ein halbes nach „Earth“. Und es ist nicht nur der Titel, der sich gut in diese Reihe seiner direkten Vorgänger einfügt: „Peace Trail“ schließt sowohl thematisch als auch musikalisch nahtlos an „The Monsanto Years“ („Earth“ war eine Live-CD) an.

So bringt Young auch dieses Mal wieder seinen Ärger über diverse Missstände zum Ausdruck. „Indian Givers“ ist beispielsweise die musikalische Begleitung der Protesten in Standing Rock (North Dakota), wo im großen Stil gegen die umstrittene Ölpipeline "Dakota Acess Pipeline", die durch das Stammesgebiet der Sioux-Indianer geplant war, demonstriert wurde. „There’s a battle raging on sacred land, our brothers and sisters had to take a stand“, singt der Alt-Hippie und schrieb sogar gemeinsam mit seiner Freundin, Daryl Hannah, einen Brief an Noch-Präsident Barack Obama, mit der Aufforderung die Pipeline zu stoppen. Dennoch befürchtete der musikalische Aktivist wohl eine Niederlage, denn „behind big money, justice always fails“, gibt sich Young pessimistisch. Dass der Bau der Pipeline inzwischen jedoch tatsächlich gestoppt wurde (und alternative Routen geprüft werden), wird ihn nun umso mehr freuen.

In John Oaks widmet sich der Musiker wieder einmal seinem Herzensthema: Den Farmen. Die ruhige Folk-Style-Ballade erzählt vom alteingesessenen, aufrichtigen Bauern John Oaks, der für seine Helfer eintritt und dafür mit dem Leben bezahlt. Das düstere „Terrorist Suicide Hangliders“ widmet sich satirisch der Panikmache gegenüber Immigranten.

Kommentar zur Trennung?

Etwas persönlicher wird der engagierte Protestsänger gegen Ende der Platte. So klingt „Glass Accident“ wie ein warmer Song aus vergangenen Zeiten – Zeiten mit seiner Ex-Frau Pegi Young. Und nicht nur musikalisch, auch inhaltlich liest sich „Glass Accident“ wie ein Kommentar zur Trennung nach 36 Jahren: „Too many pieces there for me to clean up, left a warning message by the door (…) covered broken pieces of a love dream lingereing there, that could do some damage for evermore“

Im Abschlussong „,My New Robot“ singt Young von der Tasse Kaffee, die er einsam trinkt, weil sein Baby weg ist. Allerdings wird dieses in weiterer Folge von einem Roboter ersetzt (erworben auf Amazon.com), der erst programmiert werden will. Hier bringt der Rock-Altmeister seine Hassliebe zur Technik zum Ausdruck. (Er tauschte vor kurzem sein Smartphone gegen ein altes Klapp-Handy, zum Schutz der Privatsphäre.)

Durchwachsen

So ist „Peace Trail“ thematisch überaus vielfältig, die Musik dazu ist eher nebenbei entstanden. Dass das Album in nur einer Woche mit je zwei Songs pro Tag aufgenommen wurde, hört man. ("Ich habe keinen Drang gespürt, Dinge im nachhinein noch zu korrigieren", so Young in einem Interview mit der Los Angeles Times.) So überrascht es auch nicht, dass manche Songs in einem gar eintönigen, oftmals gleichem Rhythmus daher kommen („Show Me“, „Indian Givers“ oder „My Pledge“). Anderen Liedern wiederum ist Neil Youngs musikalisches Genie durchaus anzuhören, wie etwa dem geschrammten Titelsong „Peace Trail“, der düsteren Ballade „Terrorist Suicide Hangliders“ oder dem schönen wie eingängigen „Glass Accident“ inklusive Mundharmonika-Einsatz.

Neil Young Peace Trail
© Warner Bros.

Richtiggehend hingerotzt ist allerdings das Cover in der Optik einer Holzpressplatte mit daraufgekritzelter Schrift. Doch kann man es einem alten, grantigen Mann übel nehmen, wenn er sich bei seiner 38. Studioplatte nicht mehr mit der visuellen Gestaltung beschäftigen mag? Zumal die Musik wohl zu einem Großteil ohnehin in ihren Einzelteilen via Streaming konsumiert wird. Nein, vorwerfen kann man Neil Young gar nichts. Er muss niemandem mehr etwas beweisen. Und dass er sich immer wieder diversen aktuellen Missständen widmet, diese nicht nur in seinen Songs aufzeigt, sondern sich auch für die Behebung dieser einsetzt, ist Beweis genug, dass er noch mehr „da“ ist, als viele gleichaltrige Kollegen, die stets nur alte Erfolge aufwärmen. Neil Young brennt auch mit 71 Jahren noch für das, was er tut. Und von dieser Sorte könnte die Welt ruhig mehr vertragen.

Tracklist von "Peace Trail":
1. Peace Trail
2. Can’t Stop Workin’
3. Indian Givers
4. Show Me
5. Texas Rangers
6. Terrorist Suicide Hang Gliders
7. John Oaks
8. My Pledge
9. Glass Accident
10. My New Robot

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