NBA-Profi von

Jakob Pöltl: "Auch ein Traumjob
ist immer noch ein Job!"

NBA-Profi - Jakob Pöltl: "Auch ein Traumjob
ist immer noch ein Job!" © Bild: Ronald Martinez/Getty Images/AFP

Österreichs einziger NBA-Profi Jakob Pöltl spielt seine bisher wichtigste Saison und versucht dabei, die Nerven zu bewahren. Ein Interview über Erfolg und Herausforderungen in der US-amerikanischen Basketballliga

News: Welche Neujahrsvorsätze haben Sie bereits umgesetzt?
Jakob Pöltl: Neujahrsvorsätze mache ich nicht. Ich bin der Typ, der alles auf sich zukommen lässt, sich keine Ziele setzt à la: Ich will dieses oder jenes in einem bestimmten Zeitraum erreichen. So laufe ich nicht Gefahr, mir Gedanken machen zu müssen, sollte ich etwas nicht geschafft haben. Ich habe aber immer eine gewisse Idee, was ich in meinem Spiel verbessern will, etwa im Angriff aggressiver zu agieren. Wenn ich mich gefühlt in die richtige Richtung bewege, reicht mir das völlig. In Statistiken lässt sich eine solche Verbesserung ja nicht messen.

Im Sommer läuft Ihr Vertrag aus. 2020 könnte somit das wichtigste Jahr Ihrer Karriere werden. Sehen Sie das auch so?
Sowohl was die sportliche Zukunft angeht wie die finanzielle, ist es definitiv ein wichtiges Jahr für mich. Dementsprechend oft werde ich darauf angesprochen. Wenn ich daraus eine zu große Sache mache, hat das einen negativen Einfluss auf mich und mein Spiel. Darum gehe ich das Thema mit viel Ruhe und Geduld an. Das gelingt mir relativ gut.

Ein möglicher Vereinswechsel birgt ja auch Chancen.
Es ist sehr wahrscheinlich, dass ich hier bei den San Antonio Spurs in Texas bleibe, aber theoretisch könnte ich auch bei jedem anderen Team landen. Erstmals in meiner Karriere ist alles möglich. Als Spieler habe ich jedoch wenig Einfluss auf die Geschäfte, die in der NBA getätigt werden. Das ist gewöhnungsbedürftig, gehört aber dazu. Beeinflussen kann ich nur meine Leistung. Umso besser sie ist, umso mehr Teams werden Interesse an mir zeigen. Damit vergrößert sich die Auswahl bei den Vertragsangeboten. Allerdings können die Spurs mit dem Angebot, das ich auswähle, gleichziehen und ich muss in Texas bleiben. Es steht mir also nicht frei, zu wechseln, wohin ich mag.

Sie hätten sich im Sommer vorzeitig für die Spurs entscheiden können, haben aber darauf verzichtet. Hoffen Sie auf den Wechsel?
Die Spurs und ich kamen nur geschäftlich nicht auf einen Nenner. Mit dem Team bin ich zufrieden und ich denke, umgekehrt ist es auch so.

Eigene Entscheidungen treffen zu können, scheint in der NBA schwer zu sein. Dazu kommt der strikte Trainingsplan und jeden zweiten, dritten Tag ein Spiel. Wie gehen Sie mit persönlichen Einschränkungen um?
An einem Spieltag verbringe ich Vormittag und Nachmittag in der Halle, da ist wirklich alles verplant. Denn dazwischen bereite ich mich taktisch und körperlich auf den Gegner vor.
Ich habe für diese Zeit eine gewisse Routine. Erst esse ich, dann ruhe ich mich aus. Da kann ich nicht einfach für zwei Stunden ins Kino gehen. Ein normaler Trainingstag beginnt um 9 Uhr in der Halle und endet zwischen 16 und 17 Uhr. Danach hätte ich theoretisch Bewegungsspielraum. Doch auch meine Freizeit ist mit dem Job verbunden, da ich dann mental an mir arbeite.

© Elsa/Getty Images/AFP NBA-Star Jakob Pöltl

Ist NBA-Profi zu sein immer noch der Traumjob, den Sie sich einst als Spieler der Österreichischen Bundesliga vorgestellt haben?
Auch ein Traumjob ist immer noch ein Job. In Österreich hatte ich normalerweise ein Spiel in der Woche, auf das ich mich jedes Mal gefreut habe. Mittlerweile ist Basketball zu spielen meine Pflicht, da gibt es keine Entschuldigungen und kein Herumweinen, falls ich etwas anders vorhaben sollte. Urlaubstage existieren nicht. In die Zukunft zu planen ist sowieso schwierig. Ich kann theoretisch in der nächsten Stunde einen Anruf erhalten mit der Nachricht:,Du wurdest getradet und spielst jetzt auf der anderen Seite der USA', so wie es passiert ist, als ich von den Toronto Raptors zu den San Antonio Spurs getauscht wurde. So etwas beschäftigt mich nicht täglich, aber mir ist, wie jedem NBA-Spieler, klar, dass es passieren kann.

Sind Sie denn ein flexibler Mensch?
Manchmal wäre es schon nett, etwas mehr Sicherheit zu haben. Aber ich habe mich daran gewöhnt und es ist kein gröberes Problem für mich.

Finden Sie schnell neue Freundschaften?
In einer neuen Stadt lerne ich schnell Menschen kennen, mit denen ich eine gute Zeit verbringen kann. Um echte Freunde zu finden, brauche ich meine Zeit. San Antonio ist die dritte Stadt in Amerika, in der ich spiele, nach Wien ist es die vierte Stadt, in der ich lebe. Es ist nicht einfach, Freundschaften über die Distanzen am Leben zu erhalten. Ich bin zwar nicht einsam, aber es beeinflusst mich durchaus, dass ich immer wieder weiterziehen muss. Es fällt mir in sozialer Hinsicht von Mal zu Mal schwerer, neu anzufangen.

Planen Sie in finanziellen Angelegenheiten langfristig?
Durchaus. Natürlich lebe ich angenehm, aber ich gönne mir keinen besonderen Luxus. Ich gebe im Gegensatz zu einigen Teamkollegen mein Geld sicher nicht für dicke Autos oder Schmuck aus. Am wenigsten spare ich beim Essen, wo ich mir gerne etwas gönne. Kaviar muss es nicht sein. Das große Geld ist gut angelegt.

»Mein Job ist es, mich dauernd und ständig mit Basketball zu beschäftigen«

Wie definieren Sie Ihren Beruf als Profisportler? Sind Sie Unterhaltungskünstler?
Mein Job ist ein Spiel, bei dem es im Grunde um nichts Ernstes geht. Aber für die Menschen, die zusehen, ist der Sport eine Sache, die sie vom täglichen Leben ablenkt. Ich versuche als Basketballer den Menschen also Freude zu bereiten. Sport ist für eine Gesellschaft also wichtig. So etwas kommt mir allerdings nur einmal in zwei Monaten in den Sinn, wenn ich im Bett liege und über Gott und die Welt nachdenke.

Kommen in Ihrem Leben geistige Herausforderungen zu kurz?
Mein Job ist es, mich dauernd und ständig mit Basketball zu beschäftigen. Aber noch erdrückt es mich nicht, denn ich schaffe es gut, mich mit vom täglichen Wahnsinn der NBA abzulenken. Am liebsten spiele ich mit Freunden auf der Playstation. Wenn es etwas zu gewinnen gibt, bin ich schnell am Start. Ich hasse es, zu verlieren.

Sind Sie eher ein Risiko-Spieler oder ein Taktierer?
Ich denke taktisch. Das Spiel zu verstehen ist auch meine größte Stärke im Basketball. Auch bei den meisten anderen Spielen ist es so, dass ich im Kopf schneller bin als andere und immer die Ruhe behalte.

Was bringt Sie aus der Ruhe?
Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, ob ich das verraten will. Was ich sagen kann, ist, dass ich mich mitunter selbst aus der Ruhe bringe. Das könnte passieren, wenn ich mir zu viele Gedanken mache oder mich in etwas hineinsteigere. Darum versuche ich das zu vermeiden, und alles, was ich nicht beeinflussen kann, auf mich zukommen zu lassen. Insgesamt bin ich mit sehr viel Selbstvertrauen ausgestattet und daher kommt es sehr selten vor, dass ich verunsichert bin.

Wie gehen Sie mit Fehlern um, die Ihnen passiert sind?
Natürlich wurmt mich das. Ich schaffe es normalerweise, dass ich mich schnell wieder ins Lot bringe, indem ich mich auf meine Stärken konzentriere.

»Es gibt weltweit viele gute Basketballer, aber nur rund 350 in der NBA. Hier zu spielen ist nicht selbstverständlich, auch wenn es sich manchmal so anfühlt«

Wie reagieren Sie, wenn es für das Team schlecht läuft, wie es zuletzt bei den Spurs der Fall war?
In solchen Phasen verfallen einige Spieler in einen Modus, in dem sie sich selbst bemitleiden oder schon während des Spiels aufgeben nach dem Motto: ,Heute ist eben ein schlechter Tag.' Darunter leiden Kampfgeist und Siegeswille. Ich versuche dann positiv auf meine Teamkameraden einzuwirken, am liebsten, indem ich mit gutem Beispiel voran gehe. Ich bin kein Mann der großen Worte. Aber in einer negativen Spielphase sehe ich es als eine meiner Aufgaben im Team an, meine Teamkollegen in Gesprächen zu motivieren.

Sie sind der erste und einzige Österreicher in der NBA, bestreiten dort bereits Ihre vierte Saison. Wann werden Sie mit Ihrer Karriere zufrieden sein oder sind Sie es schon?
Es wäre ein Traum, einmal NBA-Champion zu werden oder eine sehr lange Karriere hinzulegen. Aber davon wird nicht mein Empfinden abhängig sein, ob ich meine Karriere als Erfolg sehen werde oder nicht. In der NBA herrscht ein ständiges Kommen und Gehen. Viele Spieler legen nur einen Kurzauftritt hin. Wer sieben bis zehn Jahre durchhalten kann, ist bereits sehr erfolgreich. Dann gibt es die, die 20 schaffen. Das ist der Wahnsinn. In diesem Business kann sich schnell etwas gegen dich drehen und schon war es das schon wieder. Es gibt weltweit viele gute Basketballer, aber nur rund 350 in der NBA. Hier mitzuspielen kann ich nicht für selbstverständlich nehmen, auch wenn es sich manchmal so anfühlt.

Sie haben im vergangenen Sommer in Wien Kinder trainiert. Was haben Sie Ihnen an Tipps mitgegeben?
Nicht vergessen, dass Basketball ein Spiel ist, das Spaß machen soll, auch wenn man sich dabei sehr reinsteigern kann. Ich spiele selbst am besten, wenn ich Spaß daran habe. Das steht für mich immer noch ganz oben.

ZUR PERSON

Geboren: 15. Oktober 1995 in Wien; Mutter Martina Pöltl und Vater Rainer Ömer spielten im österreichischen Volleyball-Nationalteam Größe: 2,13 Meter Gewicht: 111 Kilo Schuhgröße: 50 1/2 Gehalt: 2,704 Mio. US-Dollar/Jahr NBA-Debüt: 26. Oktober 2016 Team: San Antonio Spurs Trikot-Nummer: 25 Position: Center Bilanz: 156 Siege bei 250 Einsätzen (Stand 10.1.2020) in der stärksten Basketballliga der Welt; 1.347 Punkte in 4.073 Einsatz-Minuten, 176 Rebounds, 231 Assists und 240 blocked shots

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