Natascha Kampusch nach Interviews: 'Sie braucht nach letzten Tagen Ruhe und Schutz'

Jugendpsychiater Friedrich: Mindestens eine Woche Betreuer: "Sie braucht das Finden ihres eigenen Ichs"

Natascha Kampusch hat - wie sie es selbst gewünscht hat - ihr ersten Medienauftritte hinter sich gebracht. Jetzt allerdings muss sie sich erholen. "Frau Kampusch braucht nach den letzten Tagen Ruhe und Schutz. Ich bin autorisiert, Ihnen das mitzuteilen. Sie braucht eine Ruhephase von mindestens einer Woche bis zehn Tagen", erklärte am Donnerstag der Vorstand der Universitätsklinik für Neuropsychiatrie des Kindes- und Jugendalters am Wiener AKH, Univ.-Prof. Dr. Max Friedrich.

"Sie hat viele Phasen ihres Lebens nicht altersadäquat gelebt. Sie braucht das Finden ihres eigenen Ichs", fügte er bei einer Pressekonferenz hinzu. Im Wiener AKH wird die 18-Jährige von einem multidisziplinären Team aus zehn Professionen betreut. Die psychotherapeutische Behandlung wurde nach außen verlagert. Die Betreuer helfen ihr derzeit in der ersten Phase der Bewältigung des erlittenen Traumas. Friedrich: "Sie ist noch in der ersten Phase. 'Ich bin frei, aber ich kenne mich nicht aus, wie das ist'." Die endgültige Verarbeitung des Erlebten werde noch Jahre dauern.

Betreuer-Team immer für sie da
"Wir haben Natascha Kampusch als tüchtige, gescheite, liebenswerte Frau kennen gelernt. Das Betreuerteam besteht aus den besten Fachleuten, die wir in Österreich haben. (...) Sie ist offensichtlich in einem ziemlich guten Zustand. Ich war besonders beeindruckt von ihrem sozialen Engagement, das sie entwickelt hat. In einer Situation, in der andere nur an sich denken würden, nimmt es für sie breiten Raum ein, an andere Menschen zu denken", sagte der ärztliche Direktor des Wiener AKH, Univ.-Prof. Dr. Reinhard Krepler. So Bedarf bestünde, werde die junge Frau lebenslang Unterstützung haben können.

Vor Natascha Kampusch dürfte allerdings noch viel an Bewältigungsarbeit liegen. Jugendpsychiater Max Friedrich: "In der derzeitigen Phase experimentiert sie. Einerseits ein Spielen, andererseits tritt sie als erwachsene Frau auf. Aus der Erfahrung wissen wir, dass es auch zu 'Breaks' kommt, wo die Verfassung kippt. Es kann auch zu Trauerreaktionen kommen, die man abfangen kann. Sie ist eine freie Frau. Die körperliche Liebe zu den Eltern wird sie erleben können, wenn sie es möchte. Zur Mutter besteht Kontakt. Diese kommt zu ihr, wenn sie es will." Mit dem Vater hätte Natascha Kampusch ein Treffen ganz kurz nach dem Wiedererlangen der Freiheit gehabt, dann sei aber der Kontakt abgerissen. Der Psychiater: "Was zwischen den beiden gelaufen ist, weiß ich nicht."

Körperlich befinde sich die junge Frau in einem guten Zustand. Fast ein Wunder sei es, dass sie in den vergangenen acht Jahren nie dringend einen Arzt gebraucht hätte.

An der Universitätsklinik ist die Psychologin Mag. Waltraud Bangerl derzeit eine ganz wichtige Betreuerin. "Natascha war anfangs sehr aufgewühlt und gespannt. Sie hatte sehr viel mitzuteilen und hat kaum geschlafen. (...) Wir versuchen mit ihr, die andere Seite zu sehen. Sie hat Humor und kann lachen. Wir spielen Karten mit ihr. Auch das ist zum Teil unsere Aufgabe: Dass wir einfach für sie da sind."

Kampusch solle "auf sich selbst schauen"
Die vergangenen Tage waren nicht nur für Natascha Kampusch, sondern auch ihr Betreuerteam stressgeladen. Nachdem die junge Frau zwei Printmedien und dem ORF ausführliche Interviews gegeben hat, erholt sie sich jetzt im Wiener AKH von den damit verbundenen Strapazen. "Sie soll in nächster Zeit lernen, behutsam mit sich umzugehen und vor allem auf sich selbst zu schauen", erläuterte die Wiener Kinder- und Jugendanwältin Monika Pinterits am Freitag im Gespräch mit der APA.

Pinterits war über Vermittlung der Opferhilfeorganisation "Weißer Ring" seit dem Auftauchen der vor achteinhalb Jahren entführten Natascha Kampusch in die Betreuung der jungen Frau eingebunden. "Wir sind sicher nicht blauäugig in das hinein gegangen. Aber dieses weltweite Interesse, der weltweite mediale Druck, das war am Anfang für uns nicht vorauszusehen", räumt die diplomierte Sozialarbeiterin im Rückblick ein.

Damit umzugehen, sei auch für die Betreuer nicht einfach gewesen: "Es war ein Grenzgang. Wir haben uns wirklich bemüht, im Hinblick auf das Wohl von Frau Kampusch das Bestmögliche zu machen." Es hätten sich jedoch "immer wieder Dinge entwickelt, die nicht planbar sind". Ihr sei jedenfalls "ein Brocken runter gefallen", als die Interviews abgeschlossen waren, sagte Pinterits.

(apa/red)