Nanni Moretti von

"Bin nicht ganz objektiv"

Italiens Star-Regisseur im Talk über "Habemus Papam", Berlusconi und Italiens Zukunft

Nanni Moretti - "Bin nicht ganz objektiv" © Bild: NEWS/Susanne Zobl

Jetzt startet der neue Film von Italiens "Maestro" Nanni Moretti in unseren Kinos. In "Habemus Papam" flüchtet der eben ins Amt beforderte Papst (Michel Piccoli) und soll mit Hilfe eines Therapeuten (Nanni Moretti selbst) wieder ins Amt zurückgeholt werden. In NEWS spricht der Regisseur über den Film, Berlusconis Ende sowie die Zukunft Italiens.

NEWS: Wie kann man in einer Zeit, in der die Kirche von Missbrauchs-Skandalen erschüttert wird, einen Film über ein kirchliches Thema machen, ohne darauf einzugehen?
Nanni Moretti: Das sehen Sie doch alles gratis im Fernsehen. Ich wollte mein Publikum überraschen und einen ganz anderen Film machen. Dieses Bild vom leeren schwarzen Zimmer, dieser Vorhang, der da heraus weht, das wollte ich zeigen.

NEWS: Nach seiner Wahl, zeigen Sie einen einsamen, isolierten Papst. Ist Ihr Film einer über die Einsamkeit der Macht?
Nanni Moretti: Ich zeige einen Menschen von heute. Und da vor allem jemanden, der über seine Schwächen nicht sprechen kann.

NEWS: Ist die Kirche auch schwach?
Nanni Moretti: Die Kirche leistet doch Schwerarbeit, wenn sie die Skandale, die viel zu lang verborgen waren, heute aufarbeitet. In jedem Jahrhundert hat es etwas gegeben. Das ist keine Kleinigkeit.

NEWS: Wie sehen Sie die Macht des Papstes heute, hat er überhaupt noch Macht?
Nanni Moretti: Natürlich.

NEWS: Inwiefern, hat er auch Einfluss auf die Politik?
Nanni Moretti: Nicht auf die Politik, aber auf die Menschen, er kann Millionen beeinflussen.

NEWS: Haben Sie jemals einen Papst persönlich getroffen?
Nanni Moretti: Nein, das gehört nicht zu den ersten dreihundert Dingen auf meiner Prioritätenliste.

NEWS: Der Klerus wirkt sehr sympathisch. Sie zeigen Menschen, die Karten und Volleyball spielen. Hat der Film Ihre Einstellung als bekennender Nicht-Gläubiger verändert?
Nanni Moretti: Nein überhaupt nicht. Als junger Mensch war mir dieses Gefühl abhanden gekommen. Ich habe nicht das Glück, ein gläubiger Mensch zu sein. Und das ist auch nicht das dringlichste Problem in meinem Leben.

NEWS: Wie war die Arbeit mit Michel Piccoli?
Nanni Moretti: Es ist für einen Regisseur ein Glück, Schauspieler zu finden, die nicht nur so fähig sind, sondern die ihre Figur auch verstehen und authentisch agieren.

NEWS: In Ihrem Film „Il Caimano“ („Der Kaiman“) spielten Sie selbst Berlusconi bei seinem Rücktritt. Das ist fünf Jahre her. Seit kurzem ist Ihr Feindbild Berlusconi weg, wird er Ihnen fehlen?
Nanni Moretti: Der wird niemandem fehlen. Das ist sicher. Und ich war doch nur einer von vielen Bürgern, die Berlusconi bekämpft haben.

NEWS: Haben Sie Rom mit den Leuten auf der Straße Berlusconis Rücktritt gefeiert?
Nanni Moretti: Nein, ich habe mir alles im Fernsehen angesehen.

NEWS: Kann er wieder in die Politik kommen?
Nanni Moretti: Alles ist möglich. Aber es nicht wahrscheinlich, dass das schon in einem Jahr passieren könnte. Dort, wo die Rechte siegt, ist die Zeit für einen Wechsel gekommen. Und damit meine ich auch einen Generationswechsel. Bei der nächsten Wahl wird die Rechte sicher einen anderen Kandidaten präsentieren.

NEWS: Hoffen Sie jetzt auf eine Verurteilung Berlusconis?
Nanni Moretti: Nein, ich da erhoffe nichts, nur, dass er so behandelt wird, wie alle anderen Bürger auch. Caesare Previti, ein Anwalt und Minister Berlusconis, einer seiner wichtigsten Mitarbeiter, wurde in erster Instanz verurteilt. Er hat die Justiz korrumpiert, er hat die Beamten bestochen, damit sie Berlusconi begünstigen. Das ist ein Faktum. In einem normalen Land hätte so ein Politiker schon zurücktreten müssen.

NEWS: Haben Sie Vertrauen zum neuen Regierungschef Mario Monti?
Nanni Moretti: Vom Standpunkt aus gesehen, was die Glaubwürdigkeit Italiens betrifft und auch in vielen anderen Dingen ist Monti ein viel besserer Politiker als Berlusconi. Der ist doch immer verantwortungsloser und konfuser geworden. Er war nur noch in seine Skandale verstrickt, er hat sich nur noch um seine persönlichen Angelegenheiten gekümmert. Sagen wir einmal so, Monti ein Nicht-Berlusconischer Konservativer. Und im Grunde genommen ist jeder besser als Berlusconi. Und das Bild, das von Italiens Politik vermittelt wird, ist nun repräsentativer. Und darauf kommt es jetzt an.

NEWS: Ist der Ruf Italiens nun gerettet?
Nanni Moretti: Der ist gerettet. Zumindest lacht jetzt nicht mehr ganz Europa über uns. Jetzt müssen wir die Politik dieser Regierung beurteilen, besonders die Wirtschaftspolitik, und auch die Sozialpolitik. Es ist wichtig, dass man den Leuten nicht noch mehr wegnimmt.

NEWS: Hat die Linke bei den Wahlen 2013 wieder eine Chance auf den Sieg?
Nanni Moretti: Bei jeder Wahl gibt es eine Chance. hätte sie gewonnen. Hätte sie jetzt eine starke Kampagne geführt, hätte sie gewonnen Aber die Linke hat an das Land gedacht, nicht an sich selbst. Sie zeigt damit ihr Verantwortungsbewusstsein in einer wirtschaftlich so schwierigen Zeit. Wir werden sehen, was in eineinhalb Jahren passiert. In Italien gibt es jetzt eine normale Rechte.

NEWS: Italien hat ein enormes Problem mit Flüchtlingen. Lampedusa wurde quasi schon zum Symbol für die Migrationsproblematik in Europa. Stärkt Fremdenangst die Rechten?
Nanni Moretti: Das wichtigste ist, dass die Politiker nicht die niedrigen Instinkte anregen und die Ängste der Leute nähren. Die italienische Politik war da ziemlich faul, was das Migranten-Problem betrifft. Aber ich glaube an die freie Meinungsbildung der Menschen. Nicht alle Wähler denken so, wie die Politiker, die sie repräsentieren.

NEWS: Haben Sie jemals befürchtet, dass Italien in Europa ein zweites „Griechenland“ werden kann?
Nanni Moretti: Ich verstehe nichts von Wirtschaft und von Finanzen, aber rein instinktiv spüre ich, dass wir nicht in so einer ernsthaften Situation sind, wie Griechenland. Das spricht auch meine Hoffnung mit. Aber ich bin da nicht ganz objektiv.

NEWS: Werden Sie die Linke unterstützen und wieder in die Politik gehen, wie vor zehn Jahren?
Nanni Moretti: Ich habe doch niemals daran gedacht, dass ich das zu meinem Beruf mache. Ich mag meine Arbeit zu gern. Und jetzt denke ich schon über meinen nächsten Film nach.

NEWS: Sind Kritiken für Sie wichtig?
Nanni Moretti: Als ich jung war, habe ich alles gelesen und alles aufgehoben. Dann nach einiger Zeit, las ich immer weniger. Jetzt lese ich fast nichts mehr und hebe nur noch ein paar Zeitungen auf. Das ist kein Snobismus. Aber die Neugier darauf, was das Publikum sagt, ist geblieben. Ich treffe gern Leute auf der Strasse und unterhalte mich mit ihnen, wenn sie mich auf meine Filme ansprechen.

NEWS: Und wie reagierte man im Vatikan auf Ihr Vorhaben, eine Film über den Papst zu machen?
Nanni Moretti: Ich gab das Drehbuch nur einer Person zum Lesen. Dem sogenannten „Kulturminister“ des Vatikan. Das musste sein, denn ich brauchte die Szenen auf dem Petersplatz. Für den Film haben wir dann in Cincittá die Sixtinische Kapelle sehr gut nachgebaut. Und ich finde es richtig, dass man dort nicht drehen darf.

NEWS: Sie spielen einen Psychologen. Muss ein Regisseur auch Psychologe sein?
Nanni Moretti: Es gibt kein Rezept und keine Formeln dafür, was ein Regisseur sein soll. Nur eines ist wichtig, er muss wissen, was er nicht will und was ihm nicht gefällt. Und daher ist es wichtig, dass man bereits viele schlechte Filme gesehen hat, um das wirklich zu wissen.