Nahost-Konflikt von

Gaza unter Beschuss

Tausende Palästinenser fliehen - Auf den Straßen liegen zahlreiche Leichen

Gaza © Bild: REUTERS/Suhaib Salem

Israel weitet seine Bodenoffensive im Gazastreifen aus. Bei dem folgenschwersten Angriff seit Beginn des Einmarsches vor drei Tagen kamen am Sonntag nach palästinensischen Angaben mindestens 50 Menschen ums Leben, 400 Personen sollen verletzt worden sein. In Europa demonstrierten Tausende Menschen gegen das israelische Vorgehen.

400 Menschen seien im nordöstlichen Stadtviertel Shedshaya verletzt worden, teilten Sanitäter am Sonntag mit. Viele Bewohner flohen in ein mit Verletzten überfülltes Krankenhaus. Nach Angaben palästinensischer Rettungskräfte sind unter den Opfern auch ein palästinensischer Kameramann und ein Rettungssanitäter.

Berichten zufolge sollen am Sonntag mindestens 50 Menschen ums Leben gekommen sein, in anderen Meldung war von mindestens 40 Opfern die Rede. Bei den seit insgesamt 13 Tagen andauernden Gefechten wurden nach palästinensischen Angaben mindestens 370 Palästinenser getötet. Auf israelischer Seite kamen zwei Zivilisten und fünf Soldaten ums Leben.

Verstümmelte Leichen

In Videoaufnahmen, die ein Bewohner der Nachrichtenagentur Reuters zeigte, waren mindestens ein Dutzend verstümmelte Leichen auf den Straßen Shedshayas zu sehen, darunter drei Kinder. Sanitäter suchten nach weiteren Opfern, sagte der Direktor des drei Kilometer entfernt liegenden Krankenhauses Shifa, Naser Tattar. Im Spital selbst suchten verzweifelte Menschen nach Angehörigen. Rufe wie "Habt Ihr Ahmed gesehen" oder "Wer hat meine Frau gesehen" hallten durch den Hof, auf dem sich die Familien in Gruppen zusammenfanden. Im Gebäude selbst lagen Verletzte auf dem blutbedeckten Boden.

Palästinensische Ärzte beklagen einen Mangel an Medikamenten und Ausrüstung bei der Behandlung der vielen Opfer. Die israelische Armee teilte am Sonntag mit, sie errichte ein Feldlager nahe der Grenze zum Gazastreifen. Dort sollen verletzte Palästinenser behandelt werden.

Bewohner fliehen

Tausende Bewohner flohen nach Beginn des Panzerbeschusses aus dem Stadtviertel Shedshaya. Manche zu Fuß, manche auf Lastwagen, manche auf den Motorhauben von Autos. Das Haus des führenden Hamas-Vertreters Khalil al-Haya sei aus der Luft getroffen worden, sagten Krankenhausvertreter. Dabei seien dessen Sohn und Schwiegertochter sowie zwei Enkel getötet worden. Auf Bitten des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz verkündete Israel für den Nachmittag eine zweistündige humanitäre Feuerpause. Kurz darauf hob Israel sie wieder mit der Begründung auf, die Hamas habe sie gebrochen.

Angesprochen auf den Angriff sagte eine israelische Militärsprecherin, die Bewohner des betroffenen Bezirks seien vor zwei Tagen gewarnt worden, das Gebiet zu verlassen, um ihr Leben zu schützen. Die Hamas wiederum appellierte an die Bewohner, der israelischen Aufforderung nicht Folge zu leisten. Israel wirft der Hamas vor, die Zivilbevölkerung als menschlichen Schutzschild zu benutzen.

Der palästinensische Präsident Mahmoud Abbas bezeichnete den israelischen Angriff als Massaker. Als Reaktion auf die steigenden Opferzahlen ordnete Abbas laut Nachrichtenagentur Wafa eine dreitägige Staatstrauer an.

Israel hatte seine Bodenoffensive am Donnerstag gestartet, nachdem ein zehntägiger Beschuss aus der Luft und vom Meer aus keinen durchschlagenden Erfolg brachte. Ziel der Offensive ist es, den Beschuss Israels mit Raketen zu stoppen und ein weitverzweigtes Tunnelnetzwerk der Extremisten zu zerstören. Die israelische Armee gab am Sonntag bekannt, dass ihre Soldaten in Shedshaya zehn Tunneleingänge gefunden hätten. Armeeangaben zufolge wurden "70 Terroristen" bei den Gefechten getötet. Militärsprecher Lerner sagte, 470 Ziele seien seit Beginn der Bodenoffensive, insgesamt 2.600 seit Beginn der Luftoffensive am 8. Juli angegriffen worden.

Bei Israels Suche nach Tunneleingängen im Gazastreifen leiste die Hamas heftigen Widerstand, sagte Lerner. Es gebe schwere Gefechte mit militanten Palästinensern an verschiedenen Orten. Bisher seien 14 Tunnel mit 36 Zugangspunkten gefunden worden. Sie sollten nach gründlicher Untersuchung mit Sprengstoff zum Einsturz gebracht werden. "Einige dieser Tunnel sind eigentlich Bunker", sagte Lerner. Es seien dort auch viele Waffen gelagert worden.

Beschuss Israels fortgesetzt

Militante Palästinenser setzten am Sonntag den Beschuss Israels fort. Seit Mitternacht wurden nach Militärangaben rund 30 Raketen abgefeuert. Im Süden Israels und in Tel Aviv heulten am Sonntag wieder Sirenen, die vor den Angriffen warnen. Nach israelischen Angaben wurden bisher 1.700 Raketen auf das Land abgefeuert. Die meisten werden jedoch vom Abwehrsystem "Iron Dome" abgefangen.

Diplomatische Bemühungen unter anderem von Ägypten, Katar, Frankreich und den Vereinten Nationen (UN) um ein Ende der Gewalt blieben zunächst erfolglos. In Doha sollten nach Angaben Katars am Sonntag Abbas und UN-Generalsekretär Ban Ki-moon über die Lage beraten. Anschließend werde Abbas auch mit Hamas-Chef Khaled Meshaal zusammentreffen. Katar habe der internationalen Gemeinschaft eine Forderungsliste der Hamas übermittelt, die in der abgelaufenen Woche eine von Ägypten vorgeschlagene Feuerpause abgelehnt hatte. Zu den Forderungen gehörten eine Gefangenenfreilassung, die Öffnung der Grenzen und ein Ende der Seeblockade des Gazastreifens durch Israel.

Militäreinsatz Israels mit Gräueln des Nazi-Diktators verglichen

Der türkische Regierungschef Recep Tayyip Erdogan verglich den Militäreinsatz Israels mit den Gräueln des Nazi-Diktators Adolf Hitler. Die Israelis verfluchten Hitler für den Holocaust, "aber jetzt hat der terroristische Staat Israel mit seinen Gräueltaten in Gaza Hitler übertroffen", zitierte die Nachrichtenagentur Anadolu aus einer Rede des Politikers in der Stadt Ordu. Zugleich betonte Erdogan: "Der Ärger und Abscheu der Türkei richtet sich gegen den Unterdrücker Israel, nicht gegen das jüdische Volk."

Proteste gegen die israelische Militäroffensive

In zahlreichen europäischen Städten kam es am Wochenende zu Protesten gegen die israelische Militäroffensive. In Paris lieferte sich die Polizei Straßenschlachten mit Demonstranten. In der Londoner Innenstadt nahmen Tausende friedlich an einem Protestmarsch teil.

In seiner Rede am Petersplatz in Rom forderte unterdessen Papst Franziskus ein Ende der Auseinandersetzungen im Nahen Osten sowie der Ukraine. "Möge der Gott des Friedens in jedem das Verlangen nach Dialog und Aussöhnung hervorbringen", sagte Franziskus.

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