Bildungssystem von

Advent, Advent, der Hut brennt

Über einen frommen Weihnachts-Wunsch: Einsicht bei den Schulreform-Blockierern

NEWS-Kulturredakteurin Nadja Sarwat © Bild: NEWS/Deak

Es war vor Jahren, die Zwillis noch fuzziklein, als ich Mäuschen bei einer für mich hoch aufschlussreichen Szenerie spielen durfte. Die beiden hantieren im Rollenspiel geschäftig mit ihren Legomännchen. Sagt das eine zum anderen: "Komm, ich fordere dich zum Kampf heraus." Darauf das andere lapidar: "Geh weg, ich kann nicht, ich hab Schlussproduktion!" Baam! Das hat mir ganz schön zu kiefeln gegeben damals. Denn die Schlussproduktion ist im Job mein wöchentlich Brot. Der Satz stammt ursprünglich so oder so ähnlich aus der Mutter Mund. Und wurde von den Kindern stärker verinnerlicht, als mir lieb und für die Kinder gut war.

Jetzt, so kurz vor Weihnachten, ist wieder Schlussproduktion angesagt. Und zwar gleich im doppelten Wortsinn. Nicht nur das aktuelle NEWS muss fertig werden, auch das Jahr neigt sich dem Ende zu. Rückblick ist angesagt. Rückblick auf ein Jahr, das vor allem ein Krisenjahr war. So rechte Weihnachtsstimmung will bei alldem nicht aufkommen. Im Advent brennt vor allem der Hut: Im Job ist was los, in der Schule geht’s in den Schularbeits-Endspurt, Hektik beim Weihnachtsmarkttreiben, Konsumtrottel auf dem Trampelpfad durch die Shoppinghöllen. Von der Weltlage gar nicht zu reden. Viel Muße für Besinnlichkeit bleibt nicht.

Doch mit der Krise kommt die Dankbarkeit. Für die großen und die kleinen Dinge, die wir haben. Wir sind gesund, immerhin. Und nach Feierabend trotzen wir dem Stress: Ein Kinobesuch geht sich aus. Wir geben uns gemeinsam den neuen "Hobbit". Nachträgliches Ausstallieren inklusive. Fein, wenn man Experten dabei hat, die das Buch mehrfach gelesen haben und sich – ganz im Gegensatz zur Mutter – danach noch an jedes Detail erinnern. Sie wissen ganz genau, wo der Regisseur geschwindelt hat, was er neu dazu erfunden hat, welche Szenen oder Figuren eigentlich dem "Herren der Ringe" entleht sind. Die Debatte darüber macht Freude. Wir lachen gemeinsam über den Gollum, den Regisseur Jackson dankenswerter Weise recht witzig und kindgerecht in seiner Höhle rumgurken ließ. Wir gruseln uns gemeinsam vor den fiesen Orks und freuen uns gemeinsam auf den nächsten Teil des Films, wenn man den mächtigen Drachen Smaug hoffentlich in voller Pracht bewundern darf.

Womit wir beim Familien-Politikum der Woche wären. Meine Kinder sind, ich habe es an dieser Stelle schon erwähnt, Leser. Vielleser sogar. Beim verpflichtenden Lesetest in der vierten Volksschulklasse hat A-Hörnchen mit einer Maximal-Punktanzahl abgeschnitten, B-Hörnchen lag nur knapp darunter. Ausnahmeerscheinungen, wie der jüngste Reality Check der Bildungsstandards zeigte. Es hapert beim Lesen, bei Mathe & Co. Doch mit den Schülern stehen auch Lehrende und vor allem das Schulsystem auf dem Prüfstein.

Wie gefühlte 395 Studien zuvor kommt auch die Allerneueste zu dem wenig überraschenden Schluss: Österreich ist bei der Bildung Weltspitze. Und zwar darin, soziale Chancengleichheit zu verhindern. Über Generationen wird der Bildungsstatus in der Familie zementiert: Haben die Eltern maximal Pflichtschulabschluss, reüssiert das Kind genauso oder darunter. Kinder aus sozialen Brennpunkten, von Arbeitern, Alleinerziehern oder Migranten haben es schwer, einen höheren Bildungsabschluss zu erlangen. Aber immerhin: Kinder von Reichen und Akademikern können es bei uns weit bringen. Toll.

Eins ist klar: So wird das nix, meine Herrschaften. Man kann es nur gebetsmühlenartig immer widerkäuen: Mein Mantra lautet auch weiterhin: Die Lehrpläne gehören entrümpelt, die Ganztagsschule muss her. Und zwar pronto. Warum den Lehrplan entrümpeln? Darum: Wir verlangen das Falsche von unseren Kindern und davon zu viel. Mathe-Maturafragen wie vor 100 Jahren. Liber Latinus für die Massen – das geht an der Zielgruppe vorbei und hat keine Zukunft.

Warum die Ganztagsschule? Natürlich kann man mehr und besser lernen, wenn man nicht schon um zwölf die Maurerkelle hinhaut. Auch Kinder aus bildungsfernen Schichten, die am Nachmittag nicht die Unterstützung von Mama, Papa sowie einem teuren Nachhilfelehrer haben, können es so schaffen. Und jene, die ohnehin gut sind, werden noch besser. Frauenpolitischer Nebeneffekt: Sinnvolle Kindsunterbringung bringt auch eine Befreiung aus der Halbtagsfalle. Wie dringlich der Bedarf ist, zeigt ein Blick auf die Statistik: Derzeit sind nur 126 Schulen in Österreich als Ganztagsschulen geführt, magere zwei Prozent!

Man fragt sich bei der Misere einmal mehr: Cui bono? Wem nützt das? Außer ein paar Privilegierten und ihren Vertretern genau niemandem. Pure Verschwendung von Talent und Potential. Davon ist viel da, man darf es nur nicht kleinhalten. Wenn ich mir zu Weihnachten was wünschen dürfte: mehr Einsicht und weniger Eigennutz bei den Blockierern. Es wird auch 2013 ein frommer Wunsch bleiben.

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