Nachgefragt von

„Kann sein, dass man Benimmregeln
auch mal über Bord werfen muss“

Thomas Schäfer-Elmayer im Interview über sein neues Buch

Nachgefragt - „Kann sein, dass man Benimmregeln
auch mal über Bord werfen muss“ © Bild: Benjamin Brandtner

In vielen Situationen des Lebens sind Regeln der Etikette gefragt und ihre Kenntnis hilfreich. Aber wie meistern? Heute erscheint das Nachschlagewerk „Der große Elmayer“ und soll genau dabei unterstützen. Wir haben uns mit dem Autor Thomas Schäfer-Elmayer über Benehmen und sein neues Buch unterhalten.

Wie war die Herangehensweise an Ihr neues Buch? Was ist neu?
Das Konzept wurde verändert. Wir haben jetzt nicht mehr diese verschiedenen Sektionen wie 2011, „Der große Elmayer“ verläuft als Nachschlagewerk alphabetisch in einem durch. Das gab es zwar vorher auch schon, aber da hatte man zwei verschiedene Sektionen, die wir nun umfangreich ergänzt, erneuert und zu einer zusammengefasst haben. Es sind neue Kapitel dazugekommen, andere komplett überarbeitet worden. Nun glaube ich, wieder den aktuellsten Stand anzubieten.
In sieben Jahren hat sich Einiges getan, was Internet, Social Media oder Mobbing betrifft. Und da muss man immer wieder nachschärfen, insbesondere eben bei digitalen Neuerungen. Statt der geplanten 320 Seiten ist das Werk dann letztendlich mehr als 500 Seiten dick geworden. Wir hatten ursprünglich sogar 600 Seiten, aber Vieles nochmals gestrafft, ohne inhaltlich etwas wegzunehmen.

»Die Elmayer-Punze wird natürlich immer als elitär betrachtet, das ist aber gar nicht so«

Für wen ist dieses Buch gedacht?
Ich würde schon sagen, dass es für alle Menschen gedacht ist. Die Elmayer-Punze wird natürlich immer als ein bisschen elitär betrachtet, das ist aber gar nicht so. Natürlich kommen sehr viele junge Leute in unseren Jugendtanzkursen von Privatschulen, katholischen Privatschulen vor allen Dingen. Aber genauso haben wir hunderte Schüler aus HTLs und HAKs. Was mir bis jetzt nur in ganz geringem Umfang gelungen ist, aber ich werde diese Woche mich wieder in dieser Richtung einsetzen: Ich bin in Berufsschulen unterwegs, weil ich immer wieder versuche, auch Lehrlinge zu uns zu holen.

Also hat es schon eher einen elitären Anspruch?
Die Tanzschule ungewollt möglicherweise, aber das Buch selbst ist für alle interessant. Egal, ob man im Handwerk tätig ist oder im Baugewerbe, es ist für jeden sehr viel drinnen. Man muss sich vielleicht nicht so über Tisch- oder Rangordnungen Gedanken machen, aber es geht darum, dass man beispielsweise über Tischmanieren informiert ist. Oder zahlreiche alltägliche Fragen vom Handy bis zum Kennenlernen, dazu gibt es zahlreiche Tipps im neuen Buch.

Menschenkenntnis und Taktgefühl ist für mich das zentrale Thema, das sich im Laufe meiner langjährigen Seminartätigkeit im Unterschied zu den Vorträgen und Büchern meiner Vorfahren systematisch entwickelt hat.

»Es kann auch einmal sein, dass man diese Benimmregeln über Bord werfen muss«

Gutes Benehmen ist, sich in der jeweiligen Situation optimal zu verhalten. Und da kann es auch einmal sein, dass man diese Benimmregeln über Bord werfen muss. Wenn der andere gar keine Ahnung davon hat, macht es keinen Sinn ihn vorzuführen, dann muss man auch damit umgehen können. Das ist mein Lieblingsthema: Taktgefühl trainieren!

Welcher Teil im Buch war am schwierigsten zu Papier zu bringen?
Ziemlich heftig diskutiert habe ich die Frage des Mobbings. Man könnte sagen, dass es das schon immer gegeben hat. Leute wurden gehänselt, in der Schule vor allen Dingen oder im Beruf ausgegrenzt. Aber es ist halt eine ganz andere Qualität geworden, dadurch dass Kinder jetzt auch zuhause sitzen und via Internet andere fertigmachen. Das war für mich ein sehr wichtiges Kapitel, in dem ich auch eines meiner Lieblingszitate eingebracht habe:

Ich habe ja selbst sieben Jahre in Südafrika gelebt und Nelson Mandela als einen der bewundernswertesten Politiker schätzen gelernt. Und nach seiner Freilassung aus jahrzehntelanger Gefangenschaft hat man erwartet, dass die Machtübernahme der schwarzen Afrikaner nach der Apartheid zu einem Blutbad führen würde. Er hat dann stattdessen die Versöhnungskommission geschaffen und auf die Frage, wieso er sich nicht rächen will, sinngemäß gesagt: „Jemand, der hasst, ist so wie einer, der selbst Gift trinkt und glaubt, den anderen bringt es um“. Und das ist wirklich wahr: mit Hass und Mobbing schadet man vor allem sich selbst.

Im Vorwort sprechen Sie sinngemäß von gelebter Etikette in Wien. Kann man das wirklich so stehenlassen? Also auch über die Grenzen der Innenstadt hinaus?
In einem anderen Interview wurde ich einmal gefragt, ob ich mich als einsamer Rufer in der Wüste sehe. Das zielt auch ziemlich genau darauf ab. Ich sehe das überhaupt nicht so, ganz im Gegenteil: Sehr viele Menschen haben eine große Sehnsucht nach diesen gepflegten Umgangsformen.

Es sind kulturelle Errungenschaften, die festgehalten werden sollten und auch weiter gewahrt und gepflegt gehören. Ob sich da nun alle daran halten oder nicht und wie auch immer das im Mainstream dann läuft, man darf nicht aufgeben! Es sind Dinge, die sehr viel zu unserer Lebensqualität beitragen. Und wenn wir uns nicht alle um kultiviertes Benehmen bemühen, laufen wir Gefahr, dass die Sitten verrohen.

Wie kommt es, dass Leute das nicht von selbst machen?
Wenn wir da aufgeben und sagen, das macht eh keiner, dann werden wir tatsächlich in die Barbarei zurückfallen. Wir haben in Europa beispielsweise eines erreicht, das meines Wissens in keiner anderen bedeutenden Gesellschaft der Welt existiert: Die Frau steht im Rang höher als der Mann. Und das ist eine einzigartige kulturelle Errungenschaft, die mit den kleinen Botschaften des Respekts – in den Mantel helfen, den Vortritt überlassen etc. - vermittelt werden. Wenn ich sage, „in keinem anderen Land“, dann beziehe ich natürlich Länder wie Australien oder die USA in unser Boot mit ein.

»Signale des Respekts sind unerlässlich für die Schaffung einer lebenswerten Atmosphäre«

Lehnt eine Frau gerade diese kleinen Gesten des Respekts ab, ist das meiner Meinung nach sehr schade, weil Jahrtausende vergangen sind, bis wir uns vom Altertum, in dem die Frau keine Rechte hatte, bis zur Ritterlichkeit im Mittelalter und der heutigen gesellschaftlichen Stellung der Frau entwickeln konnten. Damit würde man darauf verzichten, so ein kulturelles Erbe zu erhalten. Und das in einer Welt, wo Rücksichtnahme und Respekt gegenüber unseren Mitmenschen gerade ohnehin große Gefahr laufen, verloren zu gehen. Besonders in kriegerischen Auseinandersetzungen wird die Frau wieder zum Objekt. Im Altertum war es in Europa nicht anders. Die gesellschaftliche Stellung der Frau ist ein wesentliches Thema in diesem und auch in meinen anderen Büchern. Wer die Errungenschaften dieses Umgangs miteinander pflegt, trägt zur Verbesserung unserer Lebensqualität bei, weil die Pflege dieser Werte und Signale des Respekts und der Wertschätzung für die Schaffung einer lebenswerten Atmosphäre unerlässlich sind.

Nehmen Sie generell eine Veränderung der Etikette in der Gesellschaft, insbesondere bei Jugendlichen, wahr?
Ich bin nicht der Meinung, dass sich die Jugend schlechter verhält als früher. Aber es haben sich viele Gewohnheiten verändert. Beispielsweise das Duzen: im Kindergarten ist Betreuerin heute die „Tante Monika“ oder überhaupt nur die „Monika“ und das Duzen der Erziehungsberechtigten zieht sich bis in die vierte Klasse Volksschule. Oder das Grüßen. Ich habe vor kurzem in einer Wiener Volksschulklasse gefragt, wie die Kinder grüßen. Als Antwort kam, dass die Kinder untereinander „Hi“ und zu Erwachsenen „Hallo“ sagen würden.

Bis vor wenigen Jahren habe ich die Meinung vertreten, wenn man beim „Sie“ bleiben möchte, dass man das Recht dazu hätte. Das kann man aber nicht mehr uneingeschränkt behaupten. Wenn man heutzutage im Berufsleben darauf beharrt, gesiezt zu werden, besteht die Gefahr, zum Außenseiter zu werden. Das kann man sich nicht leisten. Man ist gezwungen, das „Du“ anzunehmen. Das ist aber nicht für jedermann unproblematisch, weil durch das „Duzen“ oft die Distanz und ein Teil des Respekts verloren gehen kann.

© Ecowin Verlag Ab heute im Buchhandel: Der große Elmayer. Ecowin Verlag, 501 Seiten, 28 Euro.

Eine Stelle im Buch behandelt den Umgang mit körperlich beeinträchtigen Menschen. Darf man nicht davon ausgehen, dass das selbstverständlich ist?
Nein, das muss man extra erwähnen. Wir haben diesen Teil gemeinsam mit jemandem geschrieben, der selbst im Rollstuhl sitzt. Und seiner Erfahrung nach ist es dauernd der Fall, auf seine Krankheit angesprochen zu werden. Auch dass man Beeinträchtigte ständig mit Glacé-Handschuhen anfasst, das wollen sie oft gar nicht.

Welchen Eindruck haben Sie von der politischen Etikette in Österreich? Was halten Sie davon, wenn ein Herr Vilimsky den EU-Kommissionspräsidenten Juncker als Alkoholiker bezeichnet? Oder ein Herr Kickl bei einer dringlichen Anfrage gegen ihn demonstrativ dümmlich vor sich hingähnt? Kann man das als schlechtes Benehmen bezeichnen?
Prinzipiell ist das natürlich unhöflich und respektlos, das steht außer Frage. In der Politik herrscht schon ein ganz anderer Wind und ich fürchte, der wird eher noch härter als milder. Es gibt dort oft eine grundsätzliche Ablehnung von anderen Meinungen und Menschen. Das ist sehr kontraproduktiv und gefährlich, weil wir uns damit Dingen verschließen, die uns eigentlich weiterbringen könnten.

An dieser Stelle eines von vielen Beispielen aus meiner Erfahrung, wo man sieht, dass es politisch nicht richtig läuft: Eine Wiener Politikerin, zu der ich gesagt habe, dass ich mich gefreut habe, dass der neue Bürgermeister Michael Ludwig ist, hat mir erwidert, dass das ein Riesenproblem sei, weil er so gut sei, dass sie jetzt in der Opposition weniger Chancen hätten.

»Politiker sollten gemeinsam daran denken, wozu sie da sind. (...) Egal, welche Farbe die jeweilige Meinung hat«

Dabei ist der Sinn doch eigentlich, dass es Wien gut geht und nicht, dass man seine Macht durchsetzt. Das ist wirklich schade, Politiker sollten gemeinsam daran denken, wozu sie da sind. Nämlich um den Bürgern das Leben besser zu machen, den Staat weiterzubringen und etwas Positives zu bewirken, egal welche Farbe, die jeweilige Meinung hat.

Welchen Tipp haben Sie für Situationen, in denen man ahnt, einer gewissen Etikette nachkommen zu müssen, aber nicht zu wissen, wie man sich richtig verhält?
Ein genereller Tipp ist in diesem Fall schwierig. Wenn es zum Beispiel darum geht, nicht zu wissen, wie man einen Hummer isst, ist es wohl am ehrlichsten einfach zu fragen. Man muss sich ja nicht schämen dafür, dass man nicht jeden Tag Hummer filetiert. Auch wenn man beispielsweise nicht weiß, wie man jemanden mit seinem richtigen Titel anspricht, kann man fragen. Im Zweifelsfall also am ehesten noch einfach nachfragen.

Was ist Ihr nächstes großes Projekt?
Das ist nächstes Jahr „100 Jahre Elmayer“, da müssen wir ganz viel auf die Beine stellen und wir sind auch schon am Sammeln, Denken und Planen. Wirklich Konkretes gibt es aber noch nicht zu verkünden.

Mein allergrößtes Projekt ist in den nächsten 20 bis 30 Jahren allerdings meine Nachfolge. Da hab ich natürlich schon verschiedene Vorstellungen, die ich aber auch noch nicht verlautbaren werde. Jedenfalls ist es ein ganz, ganz wichtiges Anliegen, dass diese Institution auch in Zukunft in diesem Sinne weiterläuft und Wien erhalten bleibt. Große Teile unserer Arbeit beruhen noch auf den Prinzipien meines Großvaters. Das machen wir ganz bewusst und absichtlich und das möchte ich auch weiterhin so erhalten wissen.

© Foto Weinwurm

Zur Person: Bestsellerautor Thomas Schäfer-Elmayer ist Österreichs erste Instanz für gutes Benehmen. Er leitet in der dritten Generation die Tanzschule, die sein Großvater Willy Elmayer-Vestenbrugg gegründet hat, seit 1919 die erste Wiener Adresse für zeitgemäße kultivierte Umgangsformen. Schäfer-Elmayer hat in seinen Business- und Etikette-Seminaren täglich mit Personen aller Altersgruppen, Berufs- und Gesellschaftsschichten zu tun. Bekannt wurde er einem Millionenpublikum als pointierter Juror der ORF-Show »Dancing Stars«.