Nach WM-Aus für den Rekordweltmeister:
Brasilien hofft auf die Heim-WM in 4 Jahren

Rotsünder Felipe Melo ist Sündenbock für 1:2-Pleite Ex-Milan-Coach Leonardo Kandidat auf Trainersessel?

Nach WM-Aus für den Rekordweltmeister:
Brasilien hofft auf die Heim-WM in 4 Jahren © Bild: Reuters

Als das Aus feststand, wandte sich Carlos Dunga wütend ab. Gerade hatte Brasiliens Teamchef miterleben müssen, wie die erfolgsverwöhnte "Selecao" zum zweiten Mal in Serie bereits im Viertelfinale einer Fußball-Weltmeisterschaft gescheitert war. Dunga zog nach dem 1:2 gegen die Niederlande am Freitag mit seinem Rücktritt die Konsequenzen. Für 190 Millionen Brasilianer war die fast hausgemachte Niederlage ein Schock. Was bleibt, ist die Hoffnung auf 2014.

52 Minuten hatte sich Brasilien nach dem frühen Führungstor durch Robinho (10.) auf der Siegerstraße gewähnt. Dungas Mission "Hexa", der ominöse sechste WM-Titel, schien planmäßig zu laufen. Doch zwei Aussetzer in seinem zuvor so unbarmherzigen wie für die Kritiker langweiligen System läuteten die Pleite für den Rekordweltmeister ein. Der bekannt hitzköpfige Felipe Melo schwächte sein Team nicht nur mit einem Eigentor (53.), sondern schwächte mit seiner völlig unnötigen Roten Karte wegen Tätlichkeit (73.) sein Team weiter.

Melo entschuldigt sich
Ausgerechnet jener Melo also, der als Rackerer im Mittelfeld den von Dunga so geschätzten Spielertyp verkörpert. "Es gibt keinen Ausweg, ich bin der Sündenbock der Weltmeisterschaft 2010. Aber es war ein kollektiver Fehler. Als ich ausgeschlossen wurde, stand es bereits 1:2. Ich entschuldige mich bei den brasilianischen Fans, wir wollten Weltmeister werden und haben es nicht geschafft", meinte der Kicker von Juventus Turin. Wesley Sneijder (68.) hatte die "Oranjes" fünf Minuten vor dem Ausschluss von Melo nach einer Tätlichkeit an Arjen Robben in Führung gebracht.

Bis zum 1:1 hatte sich der brasilianische Untergang nicht angedeutet. Die "Selecao" war bis zu diesem Zeitpunkt die bestimmende Mannschaft gewesen und hatte es in der ersten Spielhälfte verabsäumt, mehr als einen Treffer zu erzielen. Das Bild sollte sich mit dem Ausgleich schlagartig ändern, Brasilien wirkte nervös und geschockt. Dabei hatte Kaka & Co zuvor im Turnierverlauf so zielsicher und kompromisslos agiert. Doch die Equipe war im Defensiv-Konzept von Carlos Dunga gefangen. Sie hatte nicht die Qualität, um auf einen bedingungslosen Sturmlauf umschalten zu können.

Dunga übernimmt die Verantwortung
"Wir sind alle extrem traurig, das hatten wir nicht erwartet", sagte Dunga, dessen vierjährige Amtszeit mit der ersten Niederlage seit Oktober 2009 beendet ist. "Ohne Zweifel bin ich der Trainer dieser Mannschaft und trage die größte Verantwortung. Jeder wusste von Anfang an, dass mein Vertrag für vier Jahre war", meinte der 46-Jährige, der das Amt nach der WM-Pleite von 2006 als Nachfolger von Carlos Alberto Parreira angetreten hatte.

Mit seiner Defensiv-Taktik und dem Verzicht auf Dribblings und Hackentricks schuf sich Dunga trotz hervorragender Ergebnisse viele Kritiker. Der Schlusspfiff in Port Elizabeth war kaum verhallt, schon krochen diese wieder aus ihren Schlupflöchern. "O Globo" verwies darauf, dass es mit der neuen Philosophie nicht besser gelaufen sei als 2006 unter Parreira: "Besiegt von einem europäischen Team. Anstelle von Frankreich waren die Niederlande der Henker."

Die Spieler wollten Dunga, unter dessen Amtszeit Brasilien von 59 Spielen nur 6 verlor und 41 gewann, nicht als Sündebock für das Aus abstempeln. In einer emotionalen Rede dankte Torhüter Julio Cesar seinem Coach für seine vierjährige Arbeit. "Du hast eine Gruppe von Freunden, von Brüdern geformt. Wir hätten die WM so gerne für dich gewonnen", sagte der Schlussmann von Inter Mailand bei einem Essen am Freitagabend. Für Samstagabend stand bereits die Abreise nach Rio de Janeiro auf dem Programm.

Leonardo neuer Coach?
Für den fünffachen Weltmeister sowie seine enttäuschten Fans bleibt aber nur noch die Hoffnung auf die Heim-WM in vier Jahren. Nur zu gern wären sie als Weltmeister eingelaufen. "Es bleiben weitere vier Jahre der Hoffnung, um zu Hause eine neue Erlösung zu finden. Bis dahin bleibt das Gefühl der Enttäuschung", schrieb "Folha de Sao Paulo". Wer die ehrenvolle Aufgabe übernimmt, Brasilien auf das Turnier 2014 vorzubereiten, ist offen. Im Umfeld der Mannschaft wurde bereits mit Leonardo als neuem Coach spekuliert. Der 40-jährige Ex-Teamspieler - wie Dunga in den USA 1994 Weltmeister - war mit Saisonende beim AC Milan entlassen worden.

(apa/red)