Nach Tschernobyl: Skandinavien kämpft
bis heute mit den Nachwirkungen der Wolke

Schweden registrierten die Atomkatastrophe als Erste Heftigstes "Fallout" in norwegischen Bergregionen

Am Morgen des 28. April 1986 schlugen im schwedischen Atomkraftwerk Forsmark plötzlich die Messgeräte aus. Doch erst einige Stunden später war den Angestellten rund 200 Kilometer nördlich von Hauptstadt Stockholm klar, dass die hohen Strahlenwerte nicht aus dem eigenen AKW kommen konnten. Die Vermutung wurde rasch zur traurigen Gewissheit: Im sowjetischen Tschernobyl war zwei Tage zuvor ein Atomreaktor explodiert.

Die erste radioaktive Wolke zog unaufhaltsam Richtung Skandinavien. Zuerst streifte sie das Baltikum im Nordosten, durchquerte Finnland und bewegte sich danach über den südlichen Teil Nordschwedens nach Norwegen und über den Atlantik weiter. Die erhöhten Strahlenwerte waren zwar schon am Sonntag von einer Messstation auf der schwedischen Ostsee-Insel Öland registriert worden, nur hatte sie niemand rechtzeitig abgelesen, weil die Ablesung damals noch manuell erfolgte. Eine der vielen Routinen, die seit Tschernobyl in der Strahlensicherheit weltweit geändert wurden.

Finnland, Schweden und Norwegen bekamen von der Strahlung auf Grund der herrschenden Wettersituation in Europa insgesamt am meisten ab. Am allerschlimmsten traf es dabei bestimmte Bergregionen in Norwegen, wo Niederschlagswerte des Isotops Cäsium 137 von zwischen 80 und 160 Kilobecquerel pro Quadratmeter (kBq/m2) gemessen wurden. In Schweden blieben die Cäsium-137-Werte selbst in den am stärksten ausgesetzten Gebieten unter 80 kBq/m2, in Finnland unter 53 kBq/m2.

Cäsium-bindendes Kraftfutter gegen Verstrahlung
Weil sich neben Rentieren auch außenweidende Schafe von besonders belastetem Futter wie Flechten und Pilzen ernähren, mussten in Norwegen in den vergangenen 20 Jahren allein zwei Millionen Schafe von den belasteten Weidegebieten verlegt werden und ihnen unter anderem Cäsium-bindendes Kraftfutter verabreicht werden, um die Viehwirtschaft aufrecht zu erhalten. Kosten: über 205 Mio. Kronen (25,3 Mio. Euro).

Als Folge des radioaktiven Niederschlags sind bis heute zahlreiche Nahrungsmittel in diesen drei Ländern radioaktiv belastet. Vom allzu häufigen Genuss einzelner Lebensmittel aus den seinerzeit vom radioaktiven Fallout berührten Gebieten raten die Gesundheitsbehörden sicherheitshalber bis heute ab. Dazu gehören Rentier- und Wildfleisch, Multbeeren, zahlreiche Pilzsorten sowie Süßwasserfische insbesondere aus nährstoffarmen, flachen Gewässern. In Finnland empfehlen die Behörden bestimmte besonders Cäsium-haltige Sorten wie Täublinge bei der Zubereitung ausgiebigst zu spülen, beziehungsweise während des Kochens einmal das Wasser zu wechseln.

Belastungswerte noch immer extrem hoch
Laut der Sprecherin des schwedischen Strahleninstituts SSI, Monica Carlson, hat man in Schweden bis heute "keinen Zusammenhang" des Tschernobyl-Niederschlags mit einer erhöhten Krebsrate festgestellt.

Das norwegische Schwesterinstitut Stralevernet beziffert das erhöhte Krebsrisiko eines Durchschnittsnorwegers infolge des Tschernobyl-Unglücks mit 0,02 Prozent. Für Rentierzüchter sei das Risiko "etwas höher", heißt es auf der Homepage der Strahlenschützer. Cäsium 137 hat eine Halbwertszeit von 30 Jahren. Demnach betragen derzeit die Belastungswerte immer noch rund zwei Drittel der Werte vom Mai 1986.

(apa/red)