Nach Tod von Innenministerin Liese Prokop:
Gedenkgottesdienst in Stephansdom geplant

65-Jährige erlag einem Aorta-Riss in Krankenwagen Annaberg: Ex-Sportlerin brach plötzlich zusammen

Nach Tod von Innenministerin Liese Prokop:
Gedenkgottesdienst in Stephansdom geplant

Der überraschende Tod von Innenministerin Liese Prokop hat am Neujahrstag Bestürzung und Betroffenheit ausgelöst. Die ÖVP-Politikerin und ehemalige Spitzensportlerin wurde von allen Seiten als warmherziger Mensch mit großem Herzen gewürdigt. Die 65-Jährige erlag am Silvesterabend auf dem Weg in das St. Pöltner Krankenhaus den Folgen eines Aorta-Risses. Die Ärzte konnten nichts mehr für sie tun. Die interimistische Leitung des Innenressorts bis zur Bestellung einer neuen Regierung übernimmt Bundeskanzler Wolfgang Schüssel.

Die Innenministerin hatte den Jahreswechsel in ihrem Haus in Annaberg verbringen wollen. Nachdem sie am Abend plötzlich über Schmerzen in der Brust klagte, wurde sie vom Notarztwagen abgeholt und sollte in das Krankenhaus Lilienfeld gebracht werden. Am Weg dorthin verlor Prokop das Bewusstsein. Der Wagen wurde sofort nach St. Pölten umgeleitet, wo Herzspezialisten zusammengerufen worden waren. Die Ministerin schaffte es allerdings nicht mehr in die Klinik und verstarb noch während des Transports.

Schönborn plant Gedenkgottesdienst im Stephansdom
Kardinal Christoph Schönborn gedachte am Neujahrstag im Gebet der verstorbenen Innenministerin und kündigte an, dass er im Wiener Stephansdom einen Gedenkgottesdienst für Liese Prokop zelebrieren wird. Der Termin steht noch nicht fest.

Die Sportlerin Liese Prokop
Prokop war nach ihrer sportlichen Karriere, die eine Silbermedaille im Fünfkampf bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko und einen Weltrekord in dieser Disziplin als Höhepunkt hatte, als eine der ersten Quereinsteigerinnen in die niederösterreichische Landespolitik gewechselt. Ihre politische Karriere begann am 20. November 1969 als Abgeordnete zum niederösterreichischen Landtag. Von 1981 bis 1992 war sie als Landesrätin tätig, ab Oktober 1992 als Landeshauptmann-Stellvertreterin.

Prokop war die politische Karriere in die Wiege gelegt. Ihr Vater Hans Sykora war Bezirkshauptmann in Tulln und galt zur Besatzungszeit als besonders geschickter Verhandler. Neben dem Sport- und Biologiestudium engagierte sich die spätere Innenministerin in der Österreichischen Jugendbewegung, der Vorgänger-Organisation der Jungen ÖVP.

Ihre politische Heimat war der ÖAAB und dabei vor allem die niederösterreichische Landesorganisation. Vom damaligen Landeshauptmann Andreas Maurer in die Politik geholt, war Prokop auch unter dessen Nachfolgern Siegfried Ludwig und Erwin Pröll eine stabile und im Land außerordentlich beliebte Stütze der niederösterreichischen Volkspartei.

Prokops viel gerühmte Umsicht und ihre bedingungslose Loyalität zu ihren jeweiligen Obmännern waren auch die Basis dafür, dass sie im Dezember 2003 völlig überraschend in die Bundespolitik wechselte. Als Ernst Strasser das Innenministerium hinwarf, wurde sie von Erwin Pröll als Vertrauensperson nach Wien entsandt und verstand es dort, den Spagat zwischen den Interessen der niederösterreichischen Landespartei und den Erfordernissen der Bundesregierung auszuhalten.

Als ihre wesentlichsten politischen Projekte galten die Umsetzung der Exekutivreform, das neue Ausländerrecht, bei dem sie eine Übereinstimmung mit der SPÖ zu Stande brachte, die Verkürzung des Zivildienstes sowie das neue Staatsbürgerschaftsrecht. Wiewohl Prokop gerade in Ausländer-Fragen immer wieder Kritik von linker, aber auch von rechter Seite einstecken musste, war das Gesprächsverhältnis der deklarierten Großkoalitionärin zu allen Parteien und Menschenrechtsorganisationen intakt.

Schüssel "zutiefst erschüttert"
Dementsprechend fielen auch die Reaktionen auf ihr überraschendes Ableben aus. Bundeskanzler und ÖVP-Obmann Wolfgang Schüssel zeigte sich "zutiefst erschüttert". Prokop sei eine außergewöhnliche Frau mit einem bemerkenswerten Leben gewesen, äußerte er seine Anteilnahme für Ehemann Gunnar und die drei Kinder der Innenministerin. Niederösterreichs Landeshauptmann Pröll sprach von einem "schweren Schlag ins Herz Niederösterreichs und einem großen persönlichen Verlust". Sein Neffe, Landwirtschaftsminister Josef Pröll (V) bekundete: "Ich werde sie von Herzen vermissen." ÖAAB-Chef Fritz Neugebauer gab sich "fassungslos" über den Tod von Prokop. Das Bundesvorstandsmitglied des ÖAAB sei "einer der profiliertesten Arbeitnehmervertreter Österreichs" gewesen.

Große Betroffenheit und Trauer in SPÖ
Seitens der SPÖ äußerte Bundesgeschäftsführer Norbert Darabos, der mit Prokop unter anderem die Zivildienst-Reform und das Ausländer-Paket ausverhandelt hatte, "großer Betroffenheit und Trauer". Er würdigte Prokops "Handschlagqualität und ihr Gespür für die Sorgen und Anliegen der Menschen". Der Wiener Bürgermeister Michael Häupl (S) lobte Prokop als "äußerst verständnisvolle Partnerin der Wiener Sicherheitspolitik".

Seitens der Grünen hob Bundessprecher Alexander Van der Bellen Prokops stetiges Bemühen, die Gesprächsbereitschaft zu wahren, hervor. Vizekanzler Hubert Gorbach (B) sprach von einem "wirklichen Verlust", BZÖ-Chef Peter Westenthaler meinte, Prokop werde "unvergessen" bleiben. FPÖ-Obmann Heinz-Christian Strache erklärte: "Ihr Tod ist ein Verlust für unser Land."

Auch Kritik von Menschenrechts-Organisationen
Nach der Homosexuellen Initiative (HOSI) hat sich auch SOS-Mitmensch kritisch über die politische Arbeit der verstorbenen Innenministerin Liese Prokop (V) geäußert. Angesichts der nahezu ausschließlich positiven Würdigungen der verstorbenen Innenministerin sehe man sich gezwungen, ebenfalls Stellung zu nehmen, so die Menschenrechtsorganisation in einer Aussendung. Und die Bilanz Falle aus menschenrechtlicher Sicht negativ aus.

Man habe "vollstes Verständnis für die Betroffenheit über das plötzliche Ableben der Innenministerin", der tragische Anlass dürfe aber nicht dazu genutzt werden, "die Fremdenpolitik der letzten Jahre zu vermarkten", sagte Sprecher Philipp Sonderegger. Die verstorbene Innenministerin habe zwar das Gespräch mit einigen Organisationen gesucht, letztlich habe sie sich "außer beim Kindergeld-Erlass immer gegen die Menschenrechte entschieden", verwies Sonderegger auf "die Androhung von Zwangsernährung, die exzessive Ausweitung der Schubhaft oder die existenzielle Bedrohung binationaler Paare".

Auch der "Ton gegenüber Menschen an den Peripherien der Gesellschaft" habe sich "unter Mitwirkung der verstorbenen Innenministerin verschärft", erinnerte SOS-Mitmensch an die Aussage "45 Prozent der Moslems seien integrationsunwillig" oder an die "Weigerung Prokops sich beim Folter-Opfer Bakary J. namens der Republik zu entschuldigen".

(apa/red)