Nach Haiders Tod - Problemzone Kärnten: Dörfler im "therapeutischen Streitgespräch"

Totalitärer Heldenkult oder "normale" Regionaltrauer? NEWS: Landeschef trifft Sozialpsychologe Ottomeyer<br>Therapeut ein klarer Gegner der Haider-Verehrung

Nach Haiders Tod - Problemzone Kärnten: Dörfler im "therapeutischen Streitgespräch" © Bild: NEWS/Zach-Kiesling

Totalitäre Heldenverehrung oder schlichter Ausdruck der Regionaltrauer? In Kärnten formiert sich nun erstmals eine kritische Gegenöffentlichkeit zum Haider-Kult, Intellektuelle und Künstler fürchten um den Ruf ihres Bundeslandes. An der Spitze des Protests steht Klaus Ottomeyer, führender Sozialpsychologe an der Klagenfurter Uni. Seine markante These: Die Kärntner Seele leide, weil sie in ihrer Trauerarbeit stecken geblieben sei; schuld daran sei die politische Führung. Wie sehr leidet die Kärntner Seele wirklich, wo klaffen Wunden, und wer hat sie zu verantworten? Für NEWS begab sich Landeshauptmann Gerhard Dörfler (BZÖ) erstmals zum Therapeuten, indem er sich Kärnten-Kritiker Ottomeyer in einem Streitgespräch stellte.

NEWS: Herr Landeshauptmann, stört es Sie, dass sich in Kärnten eine Gegenöffentlichkeit zur Haider-Verehrung entwickelt?
Dörfler: Diese Gegenöffentlichkeit kennt die Kärntner Seele nicht. Bei einem Kult-Politiker wird Trauer und Erinnerung eben anders artikuliert. Schauen Sie, von James Dean spricht man heute noch, und der ist wahrscheinlich auch nicht langsam gefahren. Mein größter Jugendschmerz war, als Jochen Rindt tödlich verunglückte, deswegen gehe ich heute noch ab und zu an sein Grab und zünde eine Kerze an. Ist das etwa abnormal?
Ottomeyer: Man kann ja verstehen, dass viele geschockt sind, wenn ein vitaler, eindrucksvoller Mann von einem Tag auf den anderen tot ist. Der plötzliche Tod erinnert uns immer an die eigene Sterblichkeit. Vergleiche mit James Dean oder Lady Diana verstehe ich aber definitiv nicht. Haider war weder ein Verfolgungsopfer, noch ging er schuldlos in den Tod. Man ist in der Idealisierung der ersten Wochen stecken geblieben. Wenn das dann noch mit einer Tendenz zur Heiligsprechung verbunden wird, läuft die Trauerarbeit schief. Sie lässt den Toten nicht los, führt zu einem idealisierenden Totenkult, der auf Kosten des Realitätssinnes geht. Es wird bis heute nicht gesehen, dass Haider demokratiegefährdende Seiten hatte. Es ist nicht bekannt, dass Lady Diana die Abschiebung unschuldiger Menschen angeordnet hätte.
Dörfler: Ich muss scharf zurückweisen, wie Sie Jörg Haider da abkanzeln. Herr Professor, zwei Menschen haben diesem Bundesland Selbstbewusstsein gegeben – Franz Klammer und Jörg Haider. Der Kärntner ist heute stolz darauf, dass er sich nicht mehr alles gefallen lässt, und das erwartet sich die Bevölkerung auch von ihrem Landeshauptmann. Dass er einschreitet, wenn irgendjemand mit irgendwelchen dozierenden Schlaumeiereien unser Land herabwürdigt. Ich weiß nur, dass Sie Kärnten nicht verstehen. Und ignorieren, dass der Jörg 2008 bereits ein ganz anderer Mensch und Politiker war als früher.
Ottomeyer: Ich lebe seit 26 Jahren in Kärnten.
Dörfler: Und wie viele Kärntner kennen Sie persönlich? Jörg Haider kannte Hunderttausende persönlich.
Ottomeyer: Ja, ja, das gehört zu seinem Mythos. Die Erinnerung wird von Ihnen geschönt, alle seine Unrechtshandlungen werden ausgeblendet.
Dörfler: Trauer kann man nicht verordnen und auch nicht festlegen, wie und wann sie stattzufinden hat. Ich war um drei in der Früh am Unfallort und dachte mir: Lieber Gott, Chef, was ist los?! Dann war mir wichtig, den Menschen eine emotionelle Botschaft mitzugeben – und wenn die Leute das Grab besuchen, ist das kein politisches Schauspiel, sondern ehrliches Empfinden.
Ottomeyer: Wenn Sie sagen, er sei 2008 ein gutartiger Mensch gewesen: Als es in Italien Roma-Verfolgungen gab, mein te er gegenüber der APA: „Es ist zu befürchten, dass Tausende Zigeuner den Weg nach Kärnten antreten und hier Barackensiedlungen errichten.“ Und dass man im Falle des Falles „mit illegalen Zigeunern genauso hart verfahren wird wie mit den gewalttätigen Tschetschenen“, die auf seine Anordnung nach Niederösterreich abgeschoben wurden. Der Verfassungsgerichtshof bezieht sich nun auf die Abschiebung von drei tschetschenischen Familien im Jänner 2008 und stellt fest, dass sie völlig zu Unrecht erfolgte. Ich betreute eine dieser Familien und weiß, dass sie schwerst traumatisiert und völlig unschuldig war. Die wurde von Haider benutzt, um eine selbstherrliche Sheriff-Aktion zu starten.
Dörfler: Wenn ich Verfassungsgerichtshof höre, bekomme ich Lachkrämpfe. Dessen reflexartige Entscheidungen gegen Haider und gegen Kärnten sind eine einzige Peinlichkeit. Ich würde mir wünschen, dass die Intelligenz Kärntens sich mit diesen Themen wirklich beschäftigt, bevor sie doziert.
Ottomeyer: Und ich würde mir wünschen, dass man sich bei dieser tschetschenischen Familie, die zu Unrecht vertrieben wurde, entschuldigt und sie einlädt, zurückzukommen.
Dörfler: Es wäre unverantwortlich, in Unkenntnis der genauen Sachverhalte etwas zu versprechen. Was ich verspreche, ist, die Fakten zu prüfen.

David Pesendorfer

Warum Jörg Haider ein "Großgruppen-Therapeut" gewesen sein soll, lesen Sie in NEWS 33/09!

Kommentare

Unwissenheit und auch Dummheit schützen vor Strafe nicht.

wenn NEWS nicht waere und andere österr. printmedien, dann würde dieses thema auch nicht immer wieder aufgewärmt werden, dann würden dörfler und konsorten keine bühne für deren götzenverehrung bekommen. aber anscheinend ist ja die quote das wichtigste!!!!!!!!!!!
ein politischer flüchtling aus kärnten

Prof. Ottomeyer und der geistige Kontrast Ein so genannter "Landeshauptmann", der auf die Verfassung vereidigt ist, bekommt Lachkrämpfe , wenn er vom Verfassungsgerichtshof hört? Man bekommt Lachkrämpfe, wenn man von Dörfler hört. Für Kärnten wäre es besser, wenn er bei der Bier-Brauerei geblieben wäre. Prof. Ottomeyer hat völlig Recht, aber das wird bei einem Ignoranten nichts nutzen.

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