Nach Gewalt gegen Botschaften in Belgrad: USA & EU rufen Serbien zu Zurückhaltung auf

Verkohlte Leiche in Belgrads US-Botschaft entdeckt Bosnische Serbenrepublik droht nun mit Abspaltung <br><b>PLUS:</b> Alle BILDER der Gewaltnacht in Belgrad

Nach Gewalt gegen Botschaften in Belgrad: USA & EU rufen Serbien zu Zurückhaltung auf © Bild: Reuters/Stringer

Die Regierung in Washington hat scharf gegen die gewalttätigen Angriffe auf die US-Botschaft in Belgrad protestiert. Die Sicherheitsvorkehrungen seien unzureichend gewesen. Man habe der serbischen Führung deutlich gemacht, dass man sie "persönlich verantwortlich" gemacht hätte, wenn US-Bürger bei den Angriffen zu Schaden gekommen wären, sagte der Sprecher des Außenamtes in Washington, Sean McCormack. Aus Protest gegen die Unabhängigkeit des Kosovos hatten aufgebrachte Demonstranten die Botschaft in Brand gesteckt. Ein Mensch kam in den Flammen ums Leben. Die verkohlte Leiche wurde gefunden.

Zu den Ausschreitungen war es am Rande einer Demonstration von bis zu 300.000 Menschen gegen die Unabhängigkeit des Kosovos gekommen. Unterschiedlichen Angaben zufolge wurden bis zu 150 Menschen bei Zusammenstößen zwischen der Polizei und Demonstranten verletzt. Mehrere tausend Randalierer steckten die US-Botschaft in Brand, demolierten die kroatische Vertretung und beschädigten die Gebäude der Botschaften von Großbritannien und der Türkei. Auch die deutsche diplomatische Vertretung wurde angegriffen. Die österreichische Botschaft kam allen Informationen zufolge nicht zu Schaden.

UN-Sicherheitsrat verurteilt Attacken
Der UNO-Sicherheitsrat in New York verurteilte die Attacken auf die Botschaften in Belgrad in "schärfster Form". Das höchste Gremium der Vereinten Nationen erinnerte an das "grundlegende Prinzip" der Unverletzlichkeit von diplomatischen Vertretungen und hob die Verpflichtung des Gastlandes zum Schutz von Auslandsmissionen hervor. In Brüssel sagte EU-Sprecherin Cristina Gallach, die Gewalt in Belgrad sei "völlig inakzeptabel". Sie rief alle Beteiligten zur Zurückhaltung auf.

Das US-Außenministerium machte die Mitglieder der serbischen Regierung persönlich für weitere Schäden an der Botschaft verantwortlich. Staatssekretär Nicholas Burns rief nach Angaben eines Sprechers den serbischen Ministerpräsidenten Vojislav Kostunica und Außenminister Vuk Jeremic an und sagte, sie würden zur Rechenschaft gezogen, falls es weitere Zwischenfälle geben sollte. Die serbischen Sicherheitskräfte trafen nach US-Angaben erst zwei Stunden nach Beginn der Übergriffe auf die Botschaft ein. "Im Endeffekt waren nicht die erforderlichen Sicherheitskräfte vor Ort", sagte McCormack. "Ob es eine Frage der Zahlen, des Willens oder der Möglichkeiten war, kann ich nicht sagen."

Verkohlte Leiche vermutlich ein Demonstrant
Nach Angaben des State Departments in Washington wurde kein US-Mitarbeiter in der Belgrader Botschaft verletzt. Ob es sich bei der verbrannten Leiche, die nach den Ausschreitungen gefunden wurde, um einen Demonstranten oder einen örtlichen Mitarbeiter handle, sei noch nicht klar. Zuvor hatte Botschaftssprecher William Wanlund dem Fernsehsender CNN gesagt, dass der Tote vermutlich ein Demonstrant gewesen sei, der wohl in ein von den Randalierern gelegtes Feuer geraten sei.

Der serbische Präsident Boris Tadic, der sich zur Zeit zu einem Besuch in Rumänien aufhält, rief die Bevölkerung zur Ruhe auf. Die Gewalt schade nur den Bemühungen Serbiens, den Kosovo zu verteidigen, sagte Tadic.

Außenminister bedauert Angriffe: "Bedauerlich"
Serbiens Außenminister Jeremic nannte die Übergriffe bedauerlich und nicht akzeptabel. "Sie schädigen das Ansehen Serbiens im Ausland, sie spiegeln nicht das kollektive Gefühl des serbischen Volkes wider." Es habe sich offensichtlich um "organisierte Gruppen von Vandalen" gehandelt. Allerdings stehe Serbien derzeit unter Spannung. "Die Atmosphäre ist kurz vor dem Überkochen." Das Volk sei mit dem Verlust einer Provinz konfrontiert, die es als Wiege der Nation ansehe.

Abspaltung von Bosnien-Herzegowina angedroht
Die Serben in Bosnien haben mit einer Abspaltung von Bosnien-Herzegowina gedroht. Wenn viele UNO-Staaten die Unabhängigkeit der früheren serbischen Provinz Kosovo anerkennen sollten, dann hätten die Serben Bosniens das Recht, eine Volksabstimmung über ihren Status abzuhalten, hieß es in einer in Banja Luka verabschiedeten Resolution des Parlaments der bosnischen Serben.

Die Unabhängigkeit des Kosovo droht die staatliche Einheit Bosnien -Herzegowinas infrage zu stellen, das aus der Muslimisch-Kroatischen Föderation und der Serbischen Republik (Republika Srpska) besteht. Beide Einheiten haben ein eigenes Parlament und ein eigene Regierung, die ebenfalls bestehenden zentralen Institutionen gelten als äußerst schwach.

"Wenn eine bedeutende Zahl von UNO-Mitgliedern, und vor allem EU- Mitgliedern, die Unabhängigkeit des Kosovo anerkennt... in diesem Fall geht das Parlament der Serbischen Republik davon aus, dass es das Recht hat, eine Volksabstimmung zur Neubestimmung des staatlichen Status zu organisieren", hieß es in der Resolution die mit großer Mehrheit verabschiedet wurde.

Demonstration tausender Serben
Mehrere tausend Serben haben in der nördlichen Kosovo-Stadt Mitrovica gegen die Unabhängigkeit der früheren serbischen Provinz demonstriert. An der Brücke über den Fluss Ibar waren starke Einheiten der Kosovo- und der internationalen Polizei stationiert, um ein Vordringen der Demonstranten in die von Albanern bewohnte Südhälfte der Stadt zu verhindern. Auch Hubschrauber waren im Einsatz, berichten Augenzeugen vor Ort. Zuvor waren Dutzende Busse mit Studenten aus Serbien an der Einreise ins Kosovo gehindert worden. Die von der NATO geführte Friedenstruppe KFOR sperrte die Grenzübergänge zu Serbien.

Die Agentur AP hatte zunächst berichtet, dass es bei der Aktion zum Einsatz von Tränengas gekommen sei. Diese Information stellte sich als falsch heraus, die Meldung wurde zurückgezogen. (apa/red)