Nach tagelangen Gefechten: Libanesische Regierung stellt Fatah Islam nun Ultimatum

"Aufgeben oder sterben" - PLUS: Mehr als 100 Tote

Nach mehrtägigem Gefechten hat die libanesische Regierung den Kämpfern der palästinensischen Gruppe Fatah Islam ein Ultimatum gestellt: Die in dem Flüchtlingslager im Nordlibanon verschanzte Gruppe müsse sich ergeben oder mit einem militärischen Angriff rechnen, sagte Verteidigungsminister Elias Murr. "Das Heer wird nicht mit einer Gruppe Terroristen verhandeln", sagte er. "Ihr Schicksal ist Festnahme, und wenn sie sich der Heer entgegenstellt, Tod", sagte er im arabischen Fernsehsender Al Arabiya.

Die Regierung stellte das Ultimatum während einer Waffenruhe, die tausende von Zivilpersonen in dem Lager Nahr el Bared zur Flucht nutzten. Flüchtende berichteten von katastrophalen Zuständen. In den Straßen lägen Leichen, viele Häuser seien bei den Kämpfen zerstört worden. Nach Angaben der Behörden wurden zunächst rund 20 Tote aus dem Lager geborgen.

Die Waffenruhe war am Dienstagnachmittag in Kraft getreten. Die Flucht der Zivilpersonen, überwiegend Frauen und Kinder, begann dann am Abend. Schon in den ersten Stunden verließen 15.000 Menschen das Lager, am Mittwoch waren es noch einmal rund 1.000. Etliche trugen ihre Habseligkeiten in Plastiktüten mit sich. Viele zogen in das benachbarte palästinensische Flüchtlingslager Beddawi, wo die Vereinten Nationen Notunterkünfte, Wasser und Lebensmittel bereitstellten.

Bei den schweren Kämpfen im Libanon zwischen Militär und Extremisten sind in den vergangenen drei Tage mehr als 100 Menschen getötet worden. Das libanesische Verteidigungsministerium teilte mit, im Norden des Landes seien zwischen 50 und 60 Extremisten getötet worden. Zuvor war bekannt geworden, dass seit Sonntag auch 32 Soldaten und 27 Zivilisten ums Leben kamen. Die genauen Opferzahlen sind jedoch weiter unklar. Die Kämpfe zwischen der extremistischen Miliz Fatah Islam und der Armee gelten als die schwersten innerlibanesischen Auseinandersetzungen seit dem Ende des 15-jährigen Bürgerkriegs 1990.

Erklärtes Ziel der Streitkräfte, die ihre Stellungen ungeachtet der Waffenruhe am Mittwoch weiter verstärkten, war bereits vor dem Ultimatum die Vernichtung der Miliz, der von offizieller Seite Beziehungen zur Terrororganisation Al Kaida nachgesagt werden. Fatah Islam drohte mit einem Kampf "auf Leben oder Tod". Militante Palästinenser in Ein el Hilweh, dem größten Flüchtlingslager im Libanon, bekundeten der Fatah Islam ihre Unterstützung und drohten in einer Internetbotschaft den libanesischen Streitkräften mit der Bildung von Kampfgruppen.

Die Fatah Islam ist ein Ableger der prosyrischen Organisation Fatah-Aufstand, die sich Anfang der 80er Jahre von der palästinensischen Fatah abspaltete. Letztere Partei von Präsident Mahmoud Abbas hat sich ausdrücklich von der Fatah Islam distanziert. Auch die Staaten der Arabischen Liga stellten sich mehrheitlich hinter die libanesische Regierung und ließen ihr zum Teil Waffen zur Bekämpfung der Miliz zukommen. Selbst die schiitische Hisbollah, die die Regierung in Beirut stürzen will, solidarisierte sich mit den Streitkräften gegen die sunnitische Fatah Islam.

Der Libanon bat auch die USA um Militärhilfe für den Kampf gegen die islamistischen Milizionäre. Die Regierung habe eine Unterstützung von 280 Millionen Dollar (208 Millionen Euro) beantragt, teilte das US-Außenministerium am Dienstag mit. Der Antrag werde geprüft, hieß es in Washington. Insgesamt gibt es im Libanon zwölf solche Lager wie Nahr el Bared, in denen mehr als 215.000 der insgesamt 400.000 palästinensischen Flüchtlinge unter zum Teil menschenunwürdigen Bedingungen leben.

(apa/red)