Nach Entführung eines Soldaten: Israels Armee riegelt Gaza-Streifen komplett ab

Massiver Aufmarsch Israels mit Panzern an Grenze Offenbar zweiter Israeli von Extremisten entführt

Militante Palästinenser haben vermutlich einen zweiten Israeli entführt. Die israelische Polizei erklärte, sie nehme die Behauptung sehr ernst. Im Westjordanland werde ein Siedler vermisst, sagte Polizeisprecher Micky Rosenfeld. Ein Sprecher des palästinensischen Volkswiderstandskomitees (PRC) hatte zuvor in Gaza erklärt, die Gruppe habe nach einem israelischen Soldaten auch einen israelischen Zivilisten verschleppt.

Das Komitee des Volkswiderstands hatte sich zuvor gemeinsam mit anderen militanten Gruppen zur Entführung des israelischen Soldaten Gilad Shalit bekannt, der am Sonntag bei einem Angriff auf einen israelischen Posten verschleppt wurde. Unter den Geiselnehmern waren nach eigenen Angaben auch Mitglieder der regierenden Hamas-Organisation. Israel droht mit einer Militäroffensive, falls Shalit nicht freigelassen wird.

Hamas-Flügel verlangt Freilassungen
Ein PRC-Sprecher erklärte unterdessen, der Soldat sei an einem "sicheren Ort", den "die Zionisten nicht erreichen können". Mehr wollte Mohammed Abdel Al aber nicht sagen. In einem Flugblatt forderte der militärische Flügel der Hamas die Freilassung aller weiblichen palästinensischen Gefangenen und derjenigen, die jünger als 18 Jahre sind, aus israelischer Haft. Israel will auf diese Forderungen nicht eingehen.

Ein Sprecher der Hamas-Regierung äußerte unterdessen Mitgefühl für den entführten Soldaten. "Ich bin ein Mensch, und ich fühle wie seine Mutter und sein Vater es tun, und ich weiß, wie es ist, ein Gefangener zu sein", sagte Ghazi Hamad am Dienstag in einem Interview des israelischen Militärrundfunks. Hamad war fünf Jahre lang in Israel im Gefängnis gesessen. Dem Soldaten dürfe nichts geschehen, appellierte der Regierungssprecher an die Geiselnehmer. "Wir wollen keine Situation des Blutvergießens, hier oder dort", sagte Hamad.

In Erwartung eines Angriffs der israelischen Armee haben Palästinenser am Dienstag im Norden des Gaza-Streifens Erdwälle aufgeschüttet und Stacheldraht-Hindernisse errichtet. In den Straßen patrouillierten Männer mit Sturmgewehren und Panzerfäusten. Auf der anderen Seite der Grenze am Nismit-Hügel sind rund 100 israelische Kampfpanzer und gepanzerte Truppentransporter aufgezogen. Die israelische Armee hatte nach der Entführung des Soldaten den Gazastreifen komplett abgeriegelt. Eine israelische Militärsprecherin bestätigte, alle Übergänge in das autonome Palästinensergebiet am Mittelmeer seien vollständig geschlossen. Es gebe auch keine Ausnahmen für humanitäre Fälle und die Einfuhr von Medikamenten.

Ministerpräsident Ehud Olmert drohte mit einem umfassenden und langwierigen Militäreinsatz im Gazastreifen, aus dem Israel 2005 nach jahrzehntelanger Besatzung abgezogen war. Außerdem kündigte Israel an, es werde ranghohe Vertreter der radikalen Hamas-Bewegung töten, auch den in Syrien lebenden Hamas-Anführer Khaled Mashaal. Medienberichten zufolge plant Israel zudem, die Lebensmittel-, Gas- Wasserversorgung des Gazastreifens zu unterbrechen.

Die USA haben beide Seiten zur Zurückhaltung aufgefordert. "Es sind jetzt wirklich Bemühungen notwendig, die Lage zu beruhigen", sagte Außenministerin Condoleezza Rice. Jedoch deutete zunächst nichts auf eine Entspannung der Lage hin. Am Montagabend feuerten radikale Palästinenser erneut Raketen auf israelisches Gebiet ab, wie die Armee mitteilte. Dabei seien vier Menschen verletzt worden.

(apa/red)