Kampf von

Mosul: Was zwischen
den Fronten passiert ist

Amnesty dokumentiert zahlreiche Menschenrechtsverletzungen - wie es jetzt weitergeht

Zivilisten in Mosul © Bild: © Lorenzo Meloni / Magnum Photos/Amnesty International

Die irakische Armee hat die Befreiung Mosuls von der Terrormiliz IS verkündet. Was zurückbleibt, sind eine zerstörte Stadt, traumatisierte Zivilisten und die Frage, wie es jetzt weitergeht.

»Sie wurden als menschliche Schutzschilde missbraucht«

Die Menschenrechtsorganisation "Amnesty International" hat einen neuen Bericht veröffentlicht, der von einer "schockierenden Anzahl" verletzter, traumatisierter und getöteter Zivilisten ausgeht, die während der Kämpfe zwischen den Fronten in West-Mossul festsaßen. "Die bewaffnete Gruppe Islamischer Staat (IS) brachte Zivilisten aus Nachbardörfern gezielt in die umkämpften Gebiete von West-Mossul, setzte sie dort fest und missbrauchte sie als menschliche Schutzschilde", teilt die Organisation in einer Aussendung mit. Gleichzeitig hätten die irakischen Streitkräfte und die Koalitionstruppen keine angemessenen Maßnahmen zum Schutz der Zivilbevölkerung ergriffen.

Zerstörtes Mosul
© APA/AHMAD AL-RUBAYE / AFP Das von den Kämpfen schwer gezeichnete Mosul

Amnesty: Ganze Familien wurden ausgelöscht

Der Bericht deckt die Kampfhandlungen in West-Mossul von Jänner bis Mitte Mai 2017 ab. Amnesty sprach mit 151 Bewohnern von West-Mossul sowie mit Experten. Es wurden insgesamt 45 Angriffe dokumentiert, bei denen mindestens 426 Zivilisen getötet und mehr als 100 verletzt wurden. Er beinhaltet eine Analyse von neun Angriffen durch irakische Streitkräfte und die US-geführten Koalitionstruppen.

Zivilisten in Mosul
© © Lorenzo Meloni / Magnum Photos/Amnesty International Zivilisten in Mosul

"Es darf keine Straflosigkeit für die Gräueltaten geben, die die Zivilbevölkerung in Mossul mit ansehen musste. Auch die absolute Missachtung des menschlichen Lebens seitens aller Konfliktparteien darf nicht unbestraft bleiben“, sagt Lynn Maalouf, Nahost-Expertin bei Amnesty International. Ganze Familien seien ausgelöscht worden, und viele der Toten würden nach wie vor unter dem Schutt der Stadt begraben liegen. Amnesty fordert umgehend die Einsetzung einer unabhängigen Kommission, um "wirksame Untersuchungen aller Vorfälle einzuleiten. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen müssen veröffentlicht werden“, wie Maalouf sagt.

»Der IS sagte, du musst gehen, sonst wirst du umgebracht«

Abu Haidar (Name geändert), ein Mann aus der Ortschaft Tel Arbeed, wurde zur Umsiedlung nach West-Mossul gezwungen. Er berichtete gegenüber Amnesty: "Der IS sagte, du musst gehen, sonst wirst du umgebracht. Wir wurden als menschliche Schutzschilde dorthin gebracht. Sie wollten, dass wir zwischen ihnen und den Geschossen stehen. Dies alles geschah kurz vor Beginn des Einsatzes um West-Mossul ... Immer wenn die irakischen Truppen vorrückten, fiel der IS zurück – und mit ihnen der Großteil der Zivilbevölkerung."

Zivilisten in Mosul
© © Lorenzo Meloni / Magnum Photos/Amnesty International

Die Menschenrechtsorganisation kritisiert aber auch die Kampfhandlungen der irakischen Truppen: Es seien Waffen eingesetzt worden, die in bevölkerungsreichen Gegenden niemals eingesetzt werden dürften. Weil der IS die Zivilbevölkerung in umkämpfte Gebiete zwang und sie an der Flucht hinderte, füllten sich die vom IS kontrollierten Gegenden laut Bericht in West-Mossul mit Zivilisten. "Doch die irakischen Streitkräfte und US-geführten Koalitionstruppen passten ihre Taktiken nicht an diese neue Situation an: Sie setzten weiterhin unpräzise explosive Waffen ein, die in bevölkerungsreichen Stadtgebieten verheerende Schäden anrichteten", heißt es weiter. Bei der militärischen Planung hätte man den Einsatz von Waffen ganz besonders sorgfältig prüfen müssen, um sicherzustellen, dass diese Angriffe sich im völkerrechtlichen Rahmen bewegen, wie Maalouf mitteilt.

Den kompletten Amnesty-Bericht finden Sie unter: http://bit.ly/2u466WS

© Video: AFP

Wie es nach der Rückeroberung weitergeht

Der Verlust von Mosul ist "ein schwerer Schlag für das Ansehen des IS", sagte der Militärexperte David Witty. Die nordirakische Großstadt war von hoher symbolischer Bedeutung für die IS-Miliz. Denn dort war es, dass ihr Anführer Abu Bakr al-Bagdad im Juni 2014 bei seinem ersten Auftritt die Muslime aufrief, ihm als Anführer des kurz zuvor ausgerufenen IS-"Kalifats" Treue zu schwören.

Doch ist die Terrormiliz IS damit besiegt? Seit mehreren Monaten verliert die Terrororganisation nun schon an Territorium. Auch in ihrer syrischen Hochburg Raqqa steht sie derzeit massiv unter Druck. Bei Gefechten wurden in den vergangenen Monaten tausende Kämpfer getötet. Patrick Martin vom Institut für Kriegsstudien in Washington warnt aber, dass die Rückeroberung von Mossul noch nicht das Ende der IS-Miliz bedeute. Damit bleibt auch die Gefahr für Anschläge bestehen. Es wird erwartet, dass viele IS-Mitglieder in ihre Heimatländer zurückkehren, wenn das "Kalifat" vollständig zerfällt. Damit steigt die Gefahr von Attentaten dort. Allerdings wurden viele der Anschläge in Europa zuletzt von radikalisierten Einzeltätern begangen, die bestenfalls lose Verbindungen zur IS-Miliz hatten. Die Vertreibung des IS ändert daran nichts.

Experten gehen davon aus, dass die Jihadisten nach dem Zerfall ihres "Kalifats" noch mehr auf Guerilla-Taktik setzen. So haben sie bereits begonnen, vermehrt Anschläge zu verüben. Auf den Verlust von Falluja reagierten sie im Juli 2016 etwa mit einem verheerenden Bombenanschlag in Bagdad, dem 320 Menschen zum Opfer fielen. "Kurzfristig wird der IS im Irak wieder zu Terrorismus übergehen, statt zu versuchen, große Gebiete zu kontrollieren", sagt David Witty.

Kampf um Mosul
© APA/ FADEL SENNA / AFP Irakische Soldaten feiern die Befreiung der Stadt, auch ein Mädchen aus Mosul ist zu sehen

Die Ereignisse im chronologischen Rückblick:

Juni 2014: Der IS nimmt Mosul, die zweitgrößte irakische Stadt, mit einem Überraschungsangriff ein und errichtet in weiten Teilen des Landes ein Terrorregime.

Juli 2014: Der Anführer der Terrorgruppe, Abu Bakr al-Bagdadi, zeigt sich erstmals in der Öffentlichkeit. Er ist in einem Video bei der Freitagspredigt in der Großen Moschee in Mosul zu sehen.

Juli 2014: Der Anführer der Terrorgruppe, Abu Bakr al-Bagdadi, zeigt sich erstmals in der Öffentlichkeit. Er ist in einem Video bei der Freitagspredigt in der Großen Moschee in Mosul zu sehen.

August 2014: Kurdische Soldaten vertreiben mit Unterstützung der US-Luftwaffe den IS vom strategisch bedeutenden Mosul-Staudamm.

Oktober 2016 : Armee, kurdische Kämpfer und verbündete Truppen starten eine Großoffensive zur Rückeroberung der letzten IS-Bastion im Irak. Die militanten Islamisten hatten in den Monaten zuvor schon wichtige Gebiete verloren.

Jänner 2017: Regierungskräfte erobern den Osten der durch den Fluss Tigris geteilten Stadt im Norden des Iraks zurück.

Juni 2017: Die Schlacht um Mosul geht in die entscheidende Phase. IS-Kämpfer sprengen nach Angaben der irakischen Führung und der USA die Jahrhunderte alte Große Moschee.

9. Juli 2017: Die Armee bricht in den letzten Zufluchtsort des IS im Westteil Mosuls ein und feiert den Sieg über die Jihadisten.