Nach 18 Monaten U-Haft jetzt endlich frei: Staatsanwältin zog Mordanklage zurück

Schießerei in Wien-Hernals gab zu viele Rätsel auf Polizei wegen korrupter Ermittlung unter Verdacht

In einem Mordprozess gegen einen 39-jährigen Mann ist im Wiener Straflandesgericht nach fünf Verhandlungstagen die Anklage abhandengekommen. Staatsanwältin Michaela Schnell trat im Hinblick auf die Beweisergebnisse von ihrer Anklageschrift zurück. Zuvor hatte der einzige Belastungszeuge, der gegenüber der Polizei den Angeklagten noch als den Todesschützen identifiziert hatte, sinngemäß angebenen, er sei von der Polizei "instrumentalisiert" worden. Er habe den Täter in Wahrheit nicht gesehen.

Der Angeklagte, dem im Zusammenhang mit einer Schießerei in Wien-Hernals vorgeworfen worden war, am 30. Mai vor dem Cafe "Cappuccino" einen 32-jährigen Lokalbesucher mit mehreren Schüssen getötet und einen weiteren Gast schwer verletzt zu haben, wurde daraufhin formell freigesprochen. Der Mann war seit 1. Juli 2006 und damit eineinhalb Jahre lang als mutmaßlicher Mörder in U-Haft gesessen - "völlig unschuldig", wie sein Verteidiger Peter Philipp betonte, der Konsequenzen für die ermittelnden Polizeibeamten forderte. Diese hätten einseitig gegen seinen Mandanten erhoben: "Das muss und wird Folgen haben! So kann man in Zukunft nicht Prozess führen!"

"Ich habe den Täter nicht gesehen"
In ein "schiefes Licht" gerieten die Ermittler vor allem, als der angekündigte "Belastungszeuge" seine Aussage ablegte. Der Zeuge hatte damals zufällig seinen Pkw vor dem Lokal geparkt, als die Schüsse fielen. Seiner Schilderung zufolge öffnete ein Mann von innen die Eingangstür des "Cappuccino" und feuerte mehrmals auf den am Gehsteig befindlichen 32-Jährigen, der kurz zuvor aus dem Lokal gekommen war. Er selbst sei in Deckung gegangen, habe den Schützen jedoch nicht gesehen, so der Zeuge heute auf Befragen von Richter Thomas Kreuter: "Es war dunkel. Ich war 35 Meter entfernt. Ich habe mich versteckt. Ich habe den Täter nicht gesehen."

Laut einer polizeilichen Niederschrift soll der Zeuge allerdings kurz nach der Bluttat anhand eines Lichtbilds und nach einer Gegenüberstellung den Angeklagten eindeutig als Schützen identifiziert haben. Dort heißt es wörtlich: "Ich bin mir hundertprozentig sicher, dass es sich um denselben Mann handelt, den ich um 00.15 Uhr gesehen habe, als er die Tür von dem Lokal öffnete und einige Schüsse auf den am Gehsteig stehenden Mann abgab."

Hat Polizei Zeugen eingeschüchtert?
Damit konfrontiert, erklärte der Zeuge den Geschworenen: "Das waren nicht meine Worte!" Die Polizei habe ihm "gesagt, dass ich '100 Prozent' sagen soll, dann werde ich keine Probleme haben". Er habe in seiner allerersten Befragung wahrheitsgemäß angegeben, den Schützen nicht erkannt zu haben. Die Polizei habe das offenbar nicht hören wollen und ihn in weiterer Folge immer wieder mit dem Streifenwagen abgeholt und weiter befragt. Er habe "seine Ruhe haben wollen" und daher den nunmehr Angeklagten identifiziert. Auf Wunsch der Polizei, wie der Mann versicherte: "Wie die Polizei gewollt hat, so habe ich geplappert."

Die Staatsanwaltschaft Wien kündigte an, die Rolle der in dieser Sache ermittelnden Beamten näher in Augenschein zu nehmen und auf allfällige Ungesetzmäßigkeiten zu überprüfen. Den Fall hatte eine Gewaltgruppe der Kriminaldirektion (KD) 1 geleitet, an deren Spitze ausgerechnet jener Chefinspektor stand, der seit Monaten vom Dienst suspendiert ist, weil er zu enge Kontakte zur Rotlichtszene unterhalten haben soll.

Undurchsichtige Ermittlungen
Zumindest das Ergebnis von Telefonüberwachungen, die vom vorsitzenden Richter verlesen wurden, legten den Verdacht nahe, dass dieser bei den Ermittlungen eine undurchsichtige Rolle gespielt haben könnte. Anfang Jänner 2007 wurden zwei Personen abgehört, die sich über einen Lokalbesucher unterhielten, der ursprünglich in Verdacht geraten war, vor dem Cafe "Cappuccino" geschossen und einen Mord auf dem Gewissen zu haben. Während die Ermittlungen gegen diesen Mann offenbar im Sand verliefen, präsentierte die Polizei rund einen Monat nach dem Verbrechen einen 39-Jährigen als Täter, der schließlich auch zur Anklage gebracht wurde.

Auf den mitgeschnittenen Telefonaten sind nun Passagen zu hören, wonach der Chefinspektor den ursprünglich Verdächtigen "aus der Scheiße gezogen" habe. Dies offenbar aus Dankbarkeit, denn der ranghohe Polizist soll den Protokollen zufolge zuvor von dem Gastronomen gewarnt worden sei, dass Einbrecher die Absicht hätten, in seine Wohnung einzudringen, weil er angeblich Diamanten besitze. Man habe den Polizisten daher gebeten, nun auch dem Wirten zu "helfen". (APA/red)