Familientragödie von

Schlaf, Kindlein, schlaf!

Teddy © Bild: Shutterstock

Zu Jahresbeginn tötet eine Mutter ihr Baby und versucht, sich das Leben zu nehmen. Kurz darauf kommen weitere Details einer Familientragödie ans Licht. Das Land fragt sich: Was geht in einer Mutter vor, die ihr Kind tötet?

Es ist der 4. Jänner. Eine Mitarbeiterin des Wiener Donauspitals betritt in den Morgenstunden das Familienzimmer einer 37-jährigen Mutter und ihres acht Monate alten Buben. Das Baby ist allein im Raum, von der Mutter fehlt jede Spur. Zuerst bemerkt es die Spitalsmitarbeiterin nicht, aber im nächsten Moment wird klar: Der Bub ist tot. Kurze Zeit später wird die Mutter am Gelände des Krankenhauses gefunden. Ihre Pulsadern sind aufgeschnitten, sie soll versucht haben, sich das Leben zu nehmen. Und zuvor ihr Kind mit einem Polster erstickt haben.

Fünf Tage später erschüttern weitere Details zum Fall des getöteten Babys die Öffentlichkeit. Der Großvater des Buben soll sich während der Weihnachtsfeiertage an dessen vierjähriger Schwester vergangen haben. Er streitet es ab, wird aber wegen des Verdachts auf sexuellen Missbrauch festgenommen und sitzt nach wie vor in Untersuchungshaft. Dass der Pensionist einst hochrangiger Diplomat und Sprecher eines Außenministers war, verstärkt die Brisanz des Geschehenen. Sogleich überschlagen sich die Spekulationen. Hat die Verzweiflung über den angeblichen Missbrauch der Tochter die Mutter zu dieser Tat veranlasst? Und wenn nicht, was treibt eine Mutter dazu an, ihr eigenes Kind zu töten?

"Mütter, die ihre Kinder töten, haben häufig eine psychiatrische Auffälligkeit", sagt Claudia Klier, Psychiaterin und Leiterin der Pädiatrischen Psychosomatik an der Medizinischen Universität Wien. Zumeist handle es sich dabei um eine Psychose, eine Depression oder beides. Diese können entstehen, wenn man sich stark überfordert fühlt, wenig emotionale Unterstützung bekommt und irgendwann dem hohen Stresslevel nicht mehr standhalten kann. "Bei einer Psychose verändert der Geist die Realität, und es entstehen massive Ängste vor einer düsteren Zukunft. Aus Schutz davor tötet man das eigene Kind. Bei einer Depression wiederum ist man des eigenen Lebens überdrüssig, das Kind wird in Form eines erweiterten Suizids in den Tod mitgenommen", erklärt Sabine Amon, Rechtspsychologin und Leiterin der Inquisitenabteilung bei den Barmherzigen Brüdern Wien. Eine Psychose kann sogar so weit gehen, dass die Betroffenen Stimmen hören, die ihnen befehlen, das Kind zu töten.

Im Ausnahmezustand

Dass ein sexueller Übergriff in der Familie eine derartige Tat auslösen kann, glaubt Rechtspsychologin Amon nicht. "Wenn man als Mutter erfährt, dass dem Kind Leid zugefügt wurde, ist man in einem Ausnahmezustand, das ist klar. Aber es reicht nicht, um eines seiner Kinder zu töten", so Amon. Die Mutter müsste also schon zuvor an einer Psychose oder Depression gelitten haben.

Ob es tatsächlich so ist und woher diese rühren könnte, ist derzeit noch unklar. Über die Frau wurde die U-Haft verhängt, sie wurde in eine geschlossene psychiatrische Abteilung eingeliefert. Rudolf Mayer, Anwalt des Großvaters, meint, dass die Mutter in der Vergangenheit selbst Opfer sexuellen Missbrauchs gewesen sei. "Sie soll traumatisiert sein", sagt Mayer zu News. "So jemand geht immer davon aus, dass es den anderen auch passiert ist." In diesem Fall also ihrer Tochter. Laut Mayer hat sich die Familientragödie nämlich so abgespielt: Am 25. Dezember soll das Mädchen der Mutter erzählt haben, dass es vom Großvater in dessen Wohnung in Niederösterreich während eines Familienbesuchs missbraucht worden sei. Daraufhin habe es die Mutter dem Vater -dem Sohn des Pensionisten -gesagt. Die Eltern hätten ein 25-minütiges Video gedreht, in dem sie das Kind selbst einvernommen hätten. Zuerst durch die Mutter, "aber dann hat der Vater übernommen, weil die Mutter sie so suggestiv befragt hat", so Mayer.

Auch Tochter als Ziel?

"Am 29. Dezember hat die Mutter dann plötzlich den Notruf gewählt und gesagt, dass ihr Kind sexuell missbraucht wurde." Später im Krankenhaus habe die Frau den Wunsch geäußert, stationär aufgenommen zu werden. Mayer: "Dann ist es zu dem tragischen Fall gekommen." Laut dem Verteidiger wollte die Mutter auch der Vierjährigen etwas antun. Bestätigt wurde dies bisher nicht.

Im Schnitt stirbt in Österreich jedes zweite Monat ein Kind durch die Hände seiner Eltern. Das zeigt eine Studie von Klier und Amon. Im Zuge dessen haben sie alle Kindstötungen in Österreich von 1995 bis 2005 untersucht. In 72 Prozent der Fälle ist es die Mutter. "Die Kindstötung wird im Gegensatz zu allen anderen Gewaltdelikten mehr von Frauen verübt", weiß Psychologin Amon. Deshalb gehören auch Ersticken und Ertränken zu den häufigsten Tötungsarten, denn diese sind laut Psychiaterin Klier "typische weibliche Tötungsformen". Männer hingegen würden bei der Kindstötung, auch Filizid genannt, eher zu Schusswaffen greifen.

Bei einem Viertel aller Kindstötungen sind die Frauen finanziell abgesichert, gebildet und verheiratet. So wie jene 37-jährige Mutter. Amon: "Obwohl von außen alles passt, werden diese Frauen oft sehr alleine gelassen. Sie fühlen sich wie Alleinerziehende." Solche Fälle vorherzusagen, sei demnach besonders schwierig.

Was die Expertinnen wundert, ist, dass sich die Mutter Hilfe geholt hat, indem sie ins Spital ging. "Sie war dort in einer beschützten Situation. Die Frage ist also, was da übersehen wurde oder was dort passiert ist, das sie zu dieser Tat getrieben haben könnte", rätselt Klier. Was sie weniger erstaunt, ist der Umstand, dass die 37-Jährige dem Buben und nicht dem betroffenen Mädchen etwas angetan haben soll. "Es gibt andere Fälle, bei denen Mütter ihre Kinder vor dem Missbrauch des Vaters mit dem Tod beschützen wollten", erklärt Psychologin Amon. Und: "In Familien mit einem kranken Kind wird oft das Gesunde getötet, weil man es vor dem beschützen will, was dem Krankem passiert ist."

Zweifelhafter Ruf

Anwalt Mayer weist hingegen alle Anschuldigungen gegen den Großvater zurück. Nach wie vor in U-Haft sei er nur, weil das bei Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs immer so sei -auch ohne Sachbeweise. Er betont auch, wie sehr es seinem Mandanten zu schaffen mache, dass sein Enkel tot ist. "Er hat das erst bei der Einvernahme erfahren", so Mayer.

Dennoch, der Mann ist kein unbeschriebenes Blatt. So wurde der einstige Botschafter in China vorzeitig von seinem Posten abberufen, weil ihm schlechtes Benehmen in der Öffentlichkeit, überhöhte Spesen und Kontakt zu Prostituierten vorgeworfen wurden. Er wies die Anschuldigungen stets zurück und arbeitete später wieder im Außen-und Innenministerium sowie als Botschafter.

Es liegt nun an den Ermittlern, Licht in die Sache zu bringen. Mayer zufolge werde das Mädchen in den kommenden Wochen gesondert einvernommen. Laut Jugendamt befindet es sich derzeit mit seinem Vater im Spital. "Wir sind in Kontakt mit der Familie und schauen, ob das Kind gut versorgt ist und ob es längerfristige Unterstützung braucht", sagt Sprecherin Herta Staffa. Psychiaterin Klier verweist darauf, dass nun vor allem psychologische Hilfe für die Vierjährige fundamental sei. "Sie hat mehrere Traumata erlitten und befindet sich in einer Hochrisikosituation."