"Muster-Mania" in Wien auch mit 43: Fast
volle Stadthalle feierte ewigjungen Altstar

Wusste Fans bei Erstrunden-Niederlage zu begeistern Tennis-Idol über Ziele, Zukunft und Vorbildwirkung

Das ließ auch einen abgebrühten Thomas Muster, der schon auf allen großen Tennisbühnen der Welt große Erfolge gefeiert hat, nicht kalt: Der 43-jährige Steirer wurde am Nationalfeiertag in der Wiener Stadthalle frenetisch begrüßt, auch die 2:6,6:7-Niederlage gegen den 20 Jahre jüngeren Andreas Haider-Maurer in der ersten Runde der BA-Trophy tat dieser "Muster-Mania" keinen Abbruch. Der Hero der 90er Jahre zieht auch 2010 noch beim Publikum, wovon 8.700 Zuschauer eindrucksvoll zeugten.

Der erste Teil des ganz persönlichen Experiments von Muster darf durchaus als gelungen bezeichnet werden. Natürlich fehlt es ihm noch an Ballgeschwindigkeit sowie an der Genauigkeit und Länge der Bälle. Und natürlich wird der frühere Weltranglisten-Erste im ATP-Ranking keine Bäume mehr ausreißen. "Ich glaube, die Leute sind auch gar nicht hergekommen und haben gesagt, 'der Muster muss jetzt das Turnier gewinnen', sondern haben respektiert, was ich gerade mache", ist sich der 44-fache ATP-Turniersieger sicher. Muster äußerte sich danach zu einer Vielzahl von Themen. Ein Auszug:

Über... die Angst vor einer Blamage: "Warum soll ich mich genieren? Ich mach etwas, wo ich mein Bestes gebe, und wenn man das tut, dann kann man sich wenig vorwerfen. Natürlich kann man sich blamieren. Ich habe immer noch eine mentale Stärke. Man muss wieder lernen, die wichtigen Punkte zu machen, eine Spur aggressiver sein im richtigen Moment. Aber ich bin jetzt nicht ausgepowert, und könnte schon noch ein paar Stunden spielen."

... die fehlende Ballgeschwindigkeit: "Das sind vielleicht 20 km/h. Aber früher habe ich mit 170 aufgeschlagen, jetzt mit 190. Aber es kommt auch auf das Percentage an, was macht man mit dem zweiten Ball? Das muss man spielen, trainieren, erleben."

... die nächsten Pläne: "Ich spiele den Salzburg-Challenger, dann geht's nach Australien zur Vorbereitung auf das nächste Jahr. Ich werde bei den Australian Open in der zweiten Woche das Seniorenturnier spielen und dort trainieren. Im März geht's dann los mit den ersten Challengerturnieren. Es wird eine Mischung aus Hauptbewerben bei Challengern und Turnieren einer Wien-Kategorie - Qualifikation oder Hauptbewerb. Es hängt auch von der körperlichen Konstellation ab."

... seine Vorbildwirkung für Menschen seiner Generation: "Es gibt viele, die sagen, super, dass du wieder spielst und wenn ich mir das anschaue, dann könnte ich auch abnehmen. Da gibt es viele in meinem Alter, die jetzt wieder motiviert sind und quasi das Fitness-Center wieder entdeckt haben. Von der Breitensportwirkung her müsste ich vom Gesundheitsministerium eigentlich einen Orden kriegen. Ich mache alles, was die Grünen wollen: rauchen aufhören, kleines Auto fahren..."

... sein geheimes Ziel: "Ich habe ein Ziel, sonst würde ich nicht trainieren. Das ist klar. Aber warum soll ich mich unnötig selbst unter Druck setzen? Natürlich habe ich Erwartungen an mich und wenn ich denke, wie es vor fünf Monaten war und wie es jetzt ist, dann geht es eigentlich sehr gut in die richtige Richtung. Man wird sehen, was rauskommt, aber der Spaß steht im Vordergrund."

... den Spaß und seine weiteren Steigerungsmöglichkeiten: "So sehr ich 1999 Tennis gehasst habe, so liebe ich es jetzt wieder. Es ist noch viel drinnen. Ich habe bis jetzt sehr breitgefächert trainiert, das musste ich auch. Jetzt kann ich anfangen spezifischer zu agieren im Training und viel tennis-orientierter arbeiten. Bis jetzt habe ich die Basis schaffen müssen, um gewisse Trainingsumfänge überhaupt von der Belastbarkeit auszuhalten, die Muskulatur zu stabilisieren. Ich kann besser als heute spielen, aber man kann es nicht aus dem Hut zaubern, man muss es sich erarbeiten. Jeder Spieler, der heute sechs, sieben Wochen ausfällt, hat ein Problem am Anfang. Wenn man elf Jahre nicht spielt, wird es auch nicht besser. Der Wille ist da, das ist heute honoriert worden - ich bin stolz drauf, wirklich - auf das Publikum und wie es abgelaufen ist."

... den Druck in Wien: "Der Druck ist enorm, weil jedes Match für mich wie ein Finale ist, aber hier rauszugehen ist unglaublich. Schon das Einschlagen war emotional. Mir ist auch ein Stein vom Herzen gefallen, weil ich mein Bestes gegeben habe."

... die heutige Tennis-Generation Österreichs: "Ich wünsche vor allem Jürgen Melzer hier alles Gute. Das ist die Generation, der wir die Daumen drücken für den Davis Cup im Frühjahr. Österreich ist wieder in der Weltgruppe, Jürgen Melzer auf dem Sprung in die Top Ten."

... seine Frau (die ihn samt Tochter Maxim nach Australien begleiten wird): "Meine Frau hat zu mir gesagt: spätpubertäre Phase oder Midlife-Crisis, es ist egal, mach was du willst, aber mit 45 bist du wieder zu Hause und so werde ich das auch machen."

(apa/red)